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Die Welt · 1910-09-30 · 39 (30.9.1910) · page 21

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
– (sequence 21)
Language
German
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NO. 39 DIE^I ELT 951 Motoren, deren Installation und Reparatur zu den Hauptarbeiten der Fabrik gehörte. Diese Arbeiten werden sehr hoch bezahlt und gewähren den andern Fabriken von dieser Art große Gewinne. So dehnt sich insbesondere die deutsche Fabrik der Gebrüder Wagner in Jaffa andauernd aus. Der Hauptmangel der Steinschen Fabrik bestand im Fehlen einer entsprechenden Leitung. Ihr Leiter nämlich, der ihr im kleinen Umfange viele Jahre vorstand, war ihr nicht mehr gewachsen, als sie einen großen Umfang angenommen hatte. Durch die Verwandlung des Privatunternehmens in eine Aktiengesellschaft, an der auch so viele kleine Leute beteiligt waren, wurde die Desorganisation nur noch vergrößert, denn an Stelle eines einzigen technisch und kaufmännisch genügend geschulten Leiters, wie ihn die Fabrik nötig hatte, traten an die Spitze in rascher Aufeinanderfolge verschiedene Verwalter, die ebenfalls ihrer Aufgabe nicht gewachsen waren und durch fortgesetzte Reibungen untereinander die Fabrik um so eher ihrem Untergange entgegenführten. Wünschenswert ist es nun, daß ein Mann die Reste der Fabrik aufkauft und im kleinen beginnend sie auf gesunder Basis wieder aufbaut. Rußland Das Ergebnis der Odessaer Reichsduma- Ersatzwahlen Wie zu erwarten war, haben die unverschämten Mißbräuche und Fälschungen der Herren von rechts in Odessa ihre Wirkung nicht verfehlt. In der Stichwahl vom 5. (18.) September ging der Kandidat der reaktionär-antisemitischen Gruppen, Baron Reno, mit 756 Stimmen gegen 537 Stimmen, die auf den Kandidaten der Pro- »ressisten fielen, als Sieger hervor. — Die Gewaltakte, die diesen Sieg der finstern Reaktion in der Hochburg des Freisinns ermöglichten, übertreffen die kühnste Phantasie. So z. B. wurden die jüdischen Hausbesitzer von Polizeibeamten besucht und aufgefordert, in ihrer Gegenwart das Wahlbulietin mit dem Namen Renos auszufüllen, widrigenfalls würden sie zu höhern Geld- und Freiheitsstrafen, wegen „Verstößen gegen die SanitätsVorschriften" belegt werden. Bei Jen weitgehenden Machtbefugnissen Tolmatschews in dem von Cholera und Pest heimgesuchten Odessa muß eine derartige Drohung natürlich von großer Wirkung gewesen sein. Die Odessaer Wahlen brachten aber auch ein anderes Ergebnis. Sie zerstörten endgültig die Legende von der Fortschrittsfreundlichkeit der russischen Gesellschaft. Wenn die erste Kurie Odessas bis jetzt in der Reichsduma von Männern des Fortschritts vertreten war, so geschah dies, weil damals die meisten Wähler hier Juden waren. Sobald es aber Tolmatschew und seinen Helfershelfern gelungen ist, die Zahl der jüdischen Wähler durch verschiedene Machinationen erheblich herabzudrücken, war es aus mit dem Odessaer Freisinn. Für den Kandidaten der Progressisten, Dr. Tschauschansky, stimmten noch nicht einmal 5 Prozent der christlichen Wähler. Werden die jüdischen Vorkämpfer der russischen Freiheit etwas daraus lernen? Die Einwanderung in Kanada Mehrere englische Blätter haben in letzter Zeit die Meldung verbreitet, daß den -jüdischen Einwanderern in Kanada die Gefahr drohe, unter das Asiatengesetz gestellt und von der Zulassung in Kanada ausgeschlossen zu werden. Auf Grund zuverlässiger Informationen, die wir in Montreal eingeholt haben, können wir mitteilen, daß sich diese Meldung glücklicherweise nicht bestätigt. Das Gesetz über die Einwanderung hat keinerlei die Juden betreffende Verschärfungen oder Änderungen erfahren. Lady Lauisa de Rothschild gestorben Lady Louisa de Rothschild, eine Enkelin Mayer Amschel Rothschilds, ist arn 22. ds. Monats auf ihrem Landsitze zu Aston Clinton, Buckingham (Engl.) im Alter von 90 Jahren gestorben. Sie war eine Tochter Abraham Montefiores, des Großvaters des Mr. Claude Montefiore und Sir Francis Montefiore. Im Jahre 1840 heiratete sie Sir Anthony de Rothschild, der im Jahre 1876 starb. Lady de Rothschild hat sich für viele Institutionen der jüdischen Gemeinden in England interessiert und die Ideale der Philanthropie, welche ihre Familie so auszeichnen, immer hochgehalten. Sprechsaal Sehr geehrter Herr Redakteur! Eine langjährige Erfahrung auf dem Gebiete des JKünstlerelends zwingt mir endlich die Feder in die Hand, um meine Stimme gegen eine Fortdauer dieser unhaltbaren Zustände zu erheben. Fortgesetzt wiederholt sich in meinem Atelier dasselbe Bild: ein schmächtiger und blasser junger Mann verlangt mit schüchterner Stimme Gehör. Er zieht ein Skizzenbuch aus der Tasche oder präsentiert eine Rolle mit Zeichnungen, die fast ausnahmslos nur ein sehr mäßiges Talent verraten. Er aber erklärt, man habe ihm in seinem Heimatsort in Rußland, Polen oder Galizien, dringend geraten, er solle nach Berlin gehen und sich zum „Künstler" ausbilden. In Berlin würde er Stipendien in Hülle und Fülle bekommen, und in kurzer Zeit würde er ein berühmter Künstler sein und seinen „innern Gefühlen", ,,den Vorstellungen seiner Phantasie" auf der Leinwand oder in Skulpturen Ausdruck verleihen können. Gewöhnlich schwebt diesen jungen Leuten dabei der Name Antokolskis vor. Mit aufrichtigem Bedauern und wirklichem Schmerze muß ich dann diesen jungen Leuten jedesmal eröffnen, daß sie sich bitter getäuscht haben. Wie andere deutsche Kunstzentren, so ist auch Berlin mit hungernden Künstlern überfüllt, denen es absolut nicht gelingen will, sich das tägliche Brot zu Verdienen. Die wenigen Stipendien, die zu haben sind, sind gewöhnlich längst vergeben, und so stehen diese armen und bedauernswerten Jünglinge einem verzweiflungsvollen Nichts gegenüber. Ein praktisches Handwerk, mit dem sie sich ernähren könnten, Dekorationsmalerei, Lithographie oder ähnliches, haben sie nicht erlernt. Sie gehen wochenlang hier herum, finden keine Arbeit und keine Unterstützung und müssen sich endlich weinend entschließen, nach einem andern Orte weiter zu wandern, wo es ihnen wahrscheinlich noch schlechter ergehen wird. Diese jungen Leute trifft keine Schuld, sie sind nur das Opfer derer, die in einem unbegreiflichen Mangel an Verantwortlichkeitsgefühl sie veranlassen, den Künstlerberuf zu ergreifen. Ich spreche es hier mit deutlichen Worten offen aus, daß ich es geradezu für ein Verbrechen halte, Jünglinge zu dieser Laufbahn zu veranlassen, ohne daß das zusagende Zeugnis eines Fachmannes vorliegt. In der langjährigen Praxis, die ich in diesen Angelegenheiten habe, sind mir vielleicht drei Fälle vorgekommen, die wirklich zum Künstlertum auserwählt und berufen waren, und auch diesen hoch begabten Menschen ist es schwer genug geworden, sich durchzusetzen. Ich warne darum alle diejenigen, die Einfluß auf diese jungen Menschen haben, aufs dringendste davor, sie leichtfertig mit Hoffnungen zu erfüllen. Solche jungen Leute mögen doch lieber in ihrer Heimat ein kunstgewerbliches Fach erlernen, das sie befähigt, auf. eigenen Füßen zu stehen. Sie können sich dann nebenbei noch immer mit der sogenannten ,,höhern Kunst" beschäftigen und sind jedenfalls dann nie verloren. Sollte aber jemand] durchaus nicht davon abzubringen sein, so sende man, ehe man ihn zu einer Reise nach Deutschland veranlaßt, seine Arbeiten an irgend einen bekannten Künstler zur Begutachtung. Ich bitte die Redaktionen aller jüdischen Zeitungen in den verschiedenen Ländern auf dringendste, diese meine gut gemeinten Worte, die mir das Mitleid mit so vielen Unglücklichen diktiert hat, abzudrucken, und ich hoffe, daß sie dazu beitragen werden, das Elend im Künstlerproletariat zu vermindern. Hermann Struck. ♦♦♦♦♦♦ 2 | Gesinnungsgenossen f welche Waren jeder Art, speziell Metallwaren, Stahlwaren, Werkzeuge, Maschinen, Chemikalien usw. J in Deutschland zu kaufen beabsichtigen, erhalten kostenlos Auskunft über beste und billigste Bezugs- 1 quellen. Geschäftsabschlüsse und schwebende Diffe- J renzen werden bei Erstattung der Auslagen bestmöglichst vermittelt und geregelt. Exporteure nach $ Deutschland erhalten gute Absatzquellen. Korrespon- £ x denz in allen Sprachen, auch Hebräisch und Jargon. £ X Anfragen zu richten an die Expedition ♦ ♦ „Die Welt", Köln a. Rh*, Karolingerring 31 | X oder £ % D. Krell, Düsseldorf, Scheurenstr. 3. (Deutschld.) | ♦♦♦♦♦♦

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