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Die Welt · 1910-09-09 · 36 (9.9.1910) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
– (sequence 16)
Language
German
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HS 876 DIE ELT No. 36 \ Wß w * > Montags 6—8 Uhr; daran anschließend Übungen. — Qeh. Regierungsrat Prof. Dr. Geiger: „Die Juden und die deutsche Literatur", Donnerstags 7—8 Uhr abends. — Vorbereitungskurse im Hebräischen werden von mehreren der vorgenannten Herrn Dozenten und den Herren Dr. Barol und Dr. Biram in noch zu bestimmenden Stunden gehalten. Alle Vorlesungen und Übungen sind unentgeltlich. Die Eröffnung des Wintersemesters erfolgt Dienstag den 13. Oktober, 12 Uhr Mittags. Bücherbe sprechung Theorie, Ursprung und Geschichte der Friedensidee von Dr. S. M. Melamed. Stuttgart. Verlag Ferd. Enke. Unser modernes Leben enthält keine fundamentale Idee, die nicht schon seit Jahrhunderten von einzelnen auserlesenen Geistern der Menschheit ausgesprochen und verfochten wurde. Es ist nun eine überaus interessante und nutzreiche, aber auch sehr schwierige Aufgabe, den Spuren solcher grundlegender moderner Ideen in der Geistesgeschichte der Menschheit nachzugehen, und da wird man denn manchmal finden, daß die scheinbar modernsten Ideen das größte Alter aufzuweisen haben. Das vorliegende Werk beschäftigt sich mit einer solchen Aufgabe,, und zwar ist eine durchaus moderne Idee, der Friedensgedanke, dessen Geschichte Dr. Melamed darstellen will. Bevor der Autor jedoch zum eigentlichen Thema kommt, zur Geschichte der Friedensidee, widmet er vier Kapitel ihrer Theorie und ihrem Ursprung. Um den Leser mit den Anschauungen des Autors bekannt zu machen, wollen wir hier kurz den Inhalt dieser einleitenden Kapitel resümieren, was uns natürlich bei der Geschichtsdarstellung unmöglich ist. * Dr. Melamed zeigt am Beginn seiner Darlegungen, daß sich die großen Denker aller Zeiten betreffs ihrer Stellung zur Friedensidee in zwei Klassen einteilen lassen, in die Denker des Seins und die des Sollens. Die erstem stehen fast ausnahmslos auf dem Boden des Krieges, die andern befürworten sämtlich den Frieden. Dann zur Philosophie des Friedens übergehend, zeigt er, wie alle Fragen nach der Berechtigung der Friedensidee zuletzt auf die eine Kardinalfrage hinauslaufen: Ist der Krieg in der Natur des Menschengeschlechts begründet oder nicht? Zwecks Beantwortung dieser grundlegenden Frage untersucht nun der Autor die drei 'Antworten, die auf die Frage: „Wie ist der Mensch von Natur aus, gut oder böse?" gegeben worden sind, und weist nach, daß selbst nach der Ansicht, die den Menschen zur Bestie stempelt, der Krieg nicht unbedingt als in der Natur des Menschen begründet, notwendig erscheint. Vielmehr lehren selbst Spinoza und Hobbes, die Hauptvertreter der Machtrechtstheorie in der neuen Zeit, nicht den Krieg als Endpunkt, sondern den Krieg als Ausgangspunkt und meditieren: „Weil der Anfang Krieg war, muß das Ende, das Ziel, der Friede sein." (S. 35.) Betreffs der Bedeutung der Friedensidee für die Ethik und für die Kultur überhaupt gelangt Dr. Melamed zudem Ergebnis, daß „die Sache des Friedens, des politischen Völkerfriedens, sich völlig mit der Sache der Kultur und Zivilisation identifizieren muß". (S 41.) Nach dieser in warmen Worten gegebenen philosophischen Begründung der Friedensidee streift er noch kurz ihren Ursprung in den ältesten Weltanschauungen und Religionen wie Brahmanismus und Parsismus und gelangt darauf zu seiner eigentlichen Aufgabe, zur Darstellung der Geschichte der Friedensidee, die auch nur kurz wiederzugeben den Rahmen dieser. Zeitung weit überschreiten würde. Wir können uns hier nur auf die Kritik, die wir hier und da auszuüben haben, beschränken. Zwei Forderungen sind es besonders, die man an einen Geisteshistoriker zu stellen hat. Die erste Forderung besteht darin, daß die Ideen und Anschauungen der einzelnen Denker richtig und klar dargestellt sind — notwendige Voraussetzung beim Autor: Ein großes, umfangreiches Wissen —, und die zweite verlangt, daß die Urteile über die einzelnen Denker und ihre Anschauungen gerecht und objektiv sind. — Notwendige Eigenschaften beim Autor: Vorurteilslosigkeit und Gerechtigkeit. Was die erste Forderung betrifft, so hat Dr. M61amed sich im allgemeinen ihrer gut entledigt. Er hat keinen einzigen Denker, der irgendwelche Bedeutung für die Entwicklung der Friedensidee gehabt hat, vernachlässigt oder gar übergangen. Die Darstellung selbst ist klar und verständlich, und — mit einer Ausnahme — im allgemeinen auch richtig. Diese eine Ausnahme jedoch ist für uns besonders wichtig, sie betrifft nämlich die Darstellung der Friedensidee in Judäa. Wer nämlich das Kapitel über Judäa liest, wird unbedingt den Eindruck gewinnen müssen, als ob die Propheten — Kosmopoliten gewesen waren. Wir wissen nicht recht, worin die Ursache des Fehlers zu suchen ist, oh nämlich Herr Dr. Melamed nach berühmtem Muster die Propheten in der Tat als Kosmopoliten ansieht, — da der Verfasser als Nationaljude bekannt ist, ist es nur schwer anzunehmen, — oder ob es nur ah der mißlungenen Darstellung liegt. Ist das erstere der Fall, dann müßten wir es als ein völliges Verkennen und Mißverstehen der prophetischen Ideen seitens des Autors bedauern, sollte der Fehler aber nur in der Darstellung liegen — was wir annehmen — so hoffen wir, daß Herr Dr. Melamed dieses Kapitel über Judäa bei einer etwaigen zweiten Auflage seines Werkes — die wir ihm gerne wünschen — einer gründlichen Umarbeitung unterziehen wird. Soweit zur Darstellung, die von dieser einen Ausnahme abgesehen, sonst dem Autor durchaus gelungen ist. Wir kommen nun zur zweiten Forderung, die man an den Autor stellen muß, zu der vollständiger Fernhaltung von Einseitigkeit in der Beurteilung der einzelnen Denker. Da müssen wir nun konstatieren, daß Herr Dr. Melamed in dieser Hinsicht manche Fehler begangen hat. Von vornherein lag bei der Bearbeitung eines solchen Themas für den Autor die Gefahr nahe, einseitig zu werden, und aus einem Historiker der Friedensidee ihr Vorkämpfer zu werden. Dieser Gefahr ist nun der Autor hier und da erlegen. Wir wollen als Beispiel dafür, zu welchen Entgleisungen wissenschaftliche Einseitigkeit führen kann, nur eine Stelle über Hegel anführen. Der Autor beschäftigt sich mit Hegels Staats- und Rechtsphilosphie und schließt seine Ausführungen mit folgendem Satz: „Aber für preußische Kriegervereine ist Hegel Philosoph genug". Wir wollen gewiß nicht dem Autor das Recht nehmen, Hegel anzugreifen und zu kritisieren. Aber auch eine Kritik — ja, gerade eine Kritik — darf nicht in einem solchen Tone gehalten sein, der wohl für ein parteipolitisches Flugblatt in Wahlkampfszeiten, aber nicht für ein ernstes wissenschaftliches Buch paßt. Und besonders in einer Zeit, da man mehr und mehr Hegel anerkennt, erscheint es uns unverständlich, wie sich Dr. Melamed zu einer solchen Bemerkung hat hinreißen lassen. Wir haben bisher die Fehler des Buches etwas ausführlich behandelt, weil es vor allem Aufgabe der Kritik ist, auf solche Fehler hinzuweisen. Im Rahmen des Ganzen betrachtet, sind diese Fehler nicht so groß, daß durch sie das Werk etwa seinen Wert verlöre. ' Dieser Wert des Buches ruht in erster Linie in seiner Bedeutung für den Laien. Zum ersten Male unseres Wissens wird hier eine vollständige, umfassende Darstellung der Friedensidee und ihrer Geschichte geboten, und der Autor hat das Buch in solch leicht verständlichem Stile gehalten, daß es jeder Gebildete ohne Schwierigkeit lesen kann. Und wir meinen, in einer Zeit, die so sehr von der Friedensidee bewegt und durchsetzt ist, gehört es zur Bildung, diese Idee näher kennen zu lernen. Diesem Zwecke dient dieses Werk des Herrn Dr. Melamed ganz vortrefflich Trotz der einigen Fehler, auf die wir hinweisen mußten, können wir es daher nur warm empfehlen. N. G. Karl Schloß: Gedichte. (R. Piper & Co., München.) Unbekannt ist mir der Dichter. Nach diesem Buch zu urteilen, ist er jung und ernst. Ein Jude, laut Angabe des Verlages. Ich ahnte es. So schwermütig sind die jungen Germanen nicht, wenn sie dichten. Man lese nur das Gedicht: Verzweiflung! Voll echtester Poesie ist das stimmungsvolle Nocturno. Volkstümlich melodisch „Der verbotene Garten",ein Zyklus zarter Liebeslieder. Karl Schloß ist ein Dichter, den man kennen lernen sollte. Mit dem altjüdischen Leid vereinigt sich in ihm ein europäisch moderner Kunstsinn. — Adam Müller «Guttenbrunn: Der kleine Schwab. (L. Staackmann, Leipzig.) Es ist nicht gar so lange her, daß Adam Müller eine Sammlung kurioser Stücke herausgab, die von der Zensur verbotene dramatisierte Brandartikel gegen Juden waren. Dann leitete er die erste in Wien begründete judenreine Bühne. Aber das Geschäft ging ohne Juden miserabel. Und Adam Müller wollte doch gerne endlich auf einen grünen Zweig kommen. Der bot sich dar in der Stellung eines.Redakteurs beim Neuen „Wiener Tagblatt". Singer vergab ihm die Sünden und ließ ihn schreiben. Und Adam Müller schrieb über alles. Anfangs verschämt als Ignotus. Bis er sich häutete. Da lüftete er das Pseudonym. Nebst dem Feuilleton kultivierte er den Roman und die Erzählung aus Ungarn. Auf diesem Gebiete erwies er sich als scharfsichtiger Kulturschilderer und guter Deutscher. Sein Roman „Götzendämmerung" erzielte sogar einen Erfolg. Die vorliegende Erzählung wird gewiß auch viel gelesen werden, denn sie hat etwas von einem Volksbuch an sich, so schmucklos und bieder ist sie. Wie ein in die Fremde versprengter Teil eines Volksstammes sich seiner Haut zu erwehren hat, um von der autochtonen herrschsüchtigen Nation nicht restlos aufgerieben zu werden, wird hier angedeutet. Da heißt es, auf seine angestammte Art stolz sein, sie pflegen und bewahren. Recht schwer haben es

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