Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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71b Ö\E% Recht anzuwenden und im Talmud ein Rechtssystem herauszufinden. Dr. Eisenstadt hat sich entschlossen, seine Kräfte der Bearbeitung des talmudischen Rechtsstoffes in modernen Formen zu widmen. Die Doktorarbeit wird in nächster Zukunft im deutschen Original wie auch in hebräischer Sprache erscheinen. Die Sonntagsruhe in Rumänien Aus Jassy wird uns berichtet: Das Gesetz der Sonntagsruhe, das mit großer Strenge durchgeführt wird, ist für die zahlreichen jüdischen Handwerker, welche Sabbathruhe halten, ein Unglück. Während das Gesetz der Kammer vorlag, haben die Rabbiner Dr. Beck, Taubes, Schorr, Bukarest, und Dr. Niemiro wer, Jassy, dem Minister Bratianu eine Petition zukommen lassen. Die Judenheit rührte sich aber nicht. Jetzt, nachdem das Gesetz in Kraft getreten, herrscht, besonders in der Moldau, große Aufregung. In Jassy fand eine Massenversammlung statt; die Rabbiner waren anwesend mit Dr. Niemirower an der Spitze, der eine flammende Rede hielt. Es wird dem Minister ein Memorandum überreicht behufs-einer Interpretation des Gesetzes zugunsten der Schoumrei- Schabbos. Unser Gesinnungsgenosse Dr. Niemirower, Präsident der hiesigen Loge, erklärte, daß die Bnei-Brith im Herbst energische Schritte bei Regierung und Parlament machen werden. Judenverfolgungen in Persien Infolge der Vorstellungen, die bei den europäischen Gesandschaften in Teheran wegen der Angriffe auf Juden in verschiedenen persischen Städten, namentlich in Hamadan, erhoben worden waren (vgl. Nr. 22 der „Welt"), beauftragte der britische Gesandte den Konsularagenten in Hamadan, eine genaue Untersuchung einzuleiten. Der Direktor der dortigen Allianceschule übergab dem britischen Konsularagenten das Aktenmaterial über den jungen Juden, der unter falscher Beschuldigung verhaftet worden war: Auch der französische Botschafter in Teheran hat an den persischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten eine dringende Note in dieser Sache gerichtet und versprach dem]Direktor der Allianceschule, den weitern Verlauf der Angelegenheit mit der größten Aufmerksamkeit verfolgen zu wollen. Drei neue jüdische Baronets In der Liste der„Birthday Honours", die am 24. Juni, dem Geburtstag des verstorbenen Königs von England publiziert worden ist, befinden sich auch drei jüdische Namen: Mf. Alfred Mond, Mitglied des Parlaments, Mr. Adolf Tuck, ein bekannter Führer im jüdischen Gemeindeleben, und Mr. Carl Meyer. Alle drei sind vom König in den erblichen Baronetstand erhoben worden. Bücherbesprechung bwiE'1 HnblH ~}£D- Die Geschichte Israels nach den Urquellen neu und selbständig bearbeitet von W. Jawitz. Siebenter Band. Vom Anfang der Amoräerzeit bis zu ihrer Blüte in Babylonien und ihrem Niedergang in Palästina. Berlin 1909. Verlag des Verfassers. (Hebräisch.) Mit rastlosem Fleiße arbeitet der ausgezeichnete Gelehrte an seinem großangelegten, einzig in seiner Art dastehenden Geschichtswerke, dessen VII. Band nunmehr vollendet vorliegt. Jawitz bringt von Haus aus eine reiche Fülle von Eigenschaften mit, die ihn zum Geschichtsschreiber des jüdischen Volkes par excellence prädestinieren. Seine gediegene, tiefgründige Kenntnis der Quellenschriften, insbesondere der gesamten weitverzweigten talmudischen und xMidraschliteratur; sein liebevolles, verständnisinniges Eindringen in das Leben und Streben, Denken und Empfinden unserer Altvordern, denen er sich in der Hochhaltung unserer nationalen Heiligtümer, in der Pflege der religiös-sittlichen Ideale des Judentums wesensverwandt fühlt; sein geschulter historischer Scharfblick, der das Wesentliche vom Unwesentlichen zu sondern versteht und anderseits aus unzähligen Einzelzügen, wie sie uns da und dort überliefert sind, lebensvolle Gesamtbilder zu konstruieren weiß; die bei aller künstlerischen Vollendung herzgewinnende Schlichtheit der Darstellung, überhaupt der mustergültige, unvergleichlich reizvolle hebräische Stil, — alle diese und noch manche andere Vorzüge Jawitz7 rechtfertigen die außerordentliche Beliebtheit, deren sich sein großes Geschichtswerk ebenso wie seine frühern historischen Schriften*) in weiten Kreisen des hebräisch lesenden Publikums erfreuen. 'ELT — No. 29 Jawitz vertritt bekanntlich den Standpunkt des religiöstraditionellen Judentums. Zugleich ist aber die Tendenz seines historischen Schaffens national und palästinensisch im besten und strengsten Sinne des Wortes. Wirkte er ja selbst jahrelang in Palästina segensvoll für das Ideal unserer nationalen Wiedergeburt. (Es mag hier an seine „Bilder aus dem jüdischen Bauernleben in Palästina" sowie an seine Jugendschriften „Hamoria" und „Tal Jalduth" erinnert werden.) Ein hervorstechender Charakterzug seines geschichtlichen Forschens ist das Aufsuchen und liebevolle Verfolgen der Kontinuität im Ablauf der historischen Geschehnisse. Keine Begebenheit steht ihm vereinzelt da; eine planvolle, zweckbestimmte Einheitlichkeit waltet in der Aufeinanderfolge der einzelnen Ereignisse. Der vorliegende siebente Band behandelt die Zeit der zwei ersten Amoräergenerationen in Babylonien und Palästina. Das erste Kapitel zeigt uns die Anfänge des Thorastudiums in Babylonien, die weit in die Tanaitenzeit hinaufreichen. Wir werden mit dem Leben und Treiben, dem Handel und Wandel der babylonischen Juden vertraut gemacht, lernen ihren Wohlstand, ihre politische Stellung, ihre Beziehungen zum palästinensischen Judentum, die Licht- und Schattenseiten ihres Charakters kennen. Das zweite Kapitel führt uns in das Zeitalter ein, da der Schwerpunkt der Gesetzeskunde und damit des Judentums überhaupt eine Verschiebung von Palästina nach Babylon hin erfuhr. Wir sehen die Lehrhäuser Rabs und Samuels in Sura und Nehardea entstehen und alsbald mit ihrem Glänze die alten palästinensischen Lehrstätten überstrahlen. Im dritten Kapitel werden wir nach Palästina zurückgeführt, das nach dem Tode Samuels durch die Lehrtätigkeit Rabbi Jochanans in Tiberias den geistigen Primat wiedererlangte, ohne ihn dauernd behalten zu können. Es werden uns auch die Lehrer, Genossen und Schüler R. Jochanans vorgeführt, u. a. der bedeutendste seiner Jünger, den er als ebenbürtigen Gefährten gelten ließ (talmid-chaber) R. Simon b. Lakisch, der ungleich allen andern Weisen des Talmud auf eine sehr bewegte Vergangenheit zurückblickte und in seiner Jugend Ringkämpfer und Gladiator war. — Nach dem Tode R. Jochanans wurde wieder ein babylonischer Gesetzeslehrer, Rab Huna in Sora, das geistige Oberhaupt der Gesamtjudenheit, dem sich auch die palästinensischen Wreisen willig unterordneten. Nach seinem Ableben erbte Rab Jehuda, der die Akademie in Pumbaditha begründete, seinen Rang. Diesem folgte Rab Chisda, das Schuloberhaupt von Sura. Das Leben, die Lehrtätigkeit und das öffentliche Wirken dieser und einer großen Menge anderer hervorragender Gelehrter in Babylon werden im vierten Kapitel der vorliegenden Schrift eingehend geschildert. Daneben erfahren — wie in den übrigen Abschnitten — auch die politischen Ereignisse der nichtjüdischen Umwelt und ihre Rückwirkung auf das jüdische Volk eine treffende Beleuchtung. Das fünfte und sechste Kapitel endlich bringt uns wieder nach Palästina und' macht uns mit den Schulhäuptern R. Ami und R. Abahu in Tiberias und Cäsarea sowie mit ihren palästinensischen Zeitgenossen und Jüngern bekannt. Um diese Zeit vollzog sich die folgenschwere Wandlung der römischen Weltmacht zu einem christlichen Reiche, und nun lastete die Herrschaft Roms noch weit drückender als in den Tagen des Heidentums auf der Juderischaft Palästinas. Jede freie Regung unterband die römisch-christliche Gewalt und machte auch die kümmerlichste Entfaltung der materiellen und geistigen Kräfte ihrer jüdischen Untertanen zur Unmöglichkeit. Unter solch trostlosen Umständen erstarb nach und nach alies jüdische Leben in Palästina; dafür fand das jüdische Volk in dem unter persischer Herrschaft stehenden Babylonien eine gesicherte Zufluchtsstätte für Lehre und Leben, einen neuen ruhmvollen Mittelpunkt für die Pflege der Thora, die fast ein Jahrtausend hindurch, bis zum Ende der Gaonenzeit, in diesem Lande ihren Hauptsitz hatte. In meisterhafter Weise entrollt Jawitz vor unsern Augen ein fesselndes Bild jener bewegten Zeiten, ihrer Leiden und Kämpfe, der geistigen Bestrebungen ihrer Heroen und der vielfältigen Wirkungen, die von den einzelnen Brennpunkten des geistigen Lebens ausstrahlten. Durch die in den Fußnoten enthaltenen vollständigen Quellennachweise erhält auch der Laie einen Begriff von der immensen Stoffülle, die der Verfasser bei Bearbeitung seiner Geschichte zu bewältigen hatte. Von bedeutendem wissenschaftlichen Werte sind die dem vorliegenden Bande als Anhang beigedruckten Noten. Ein Namensregister erleichtert die rasche Orientierung im Buche. Hervorzuheben ist auch die vorzügliche Ausstattung des Werkes sowie der billige Preis von Jt 4.50 für den stattlichen, 230 Großoktavseiten umfassenden Band. Dr. M, Zobel. *) Wir nennen hier die „Weltgeschichte in jüdischem Geiste" (Dibre j'me ha-arnim b'ruach Israel) in vier Bänden und die kurzgefaßte jüdische Geschichte für Schule und Haus (Dibre hajamim Tam b'ne Israel).