Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIV. JAHRO. KÖLN, 22. Juli 1910;:-vr6 nö'pp'n non i'd No. 29. Bericht über meine Studienreise in Palästina*) Von Dr. Franz Oppenheimer, Berlin IV. Diese Ansiedlung selbständiger Elemente soll sich aber nun — und hierin erblicke ich den größten Vorzug der Organisation, die dadurch jedem individualistischen Streben vollkommen freie Bahn läßt — nicht nur auf solche Handwerker, Händler, freie Berufe, Rentner, Gärtner und Landwirte erstrecken, die nach der Begründung der Genossenschaft von außen her zuwandern, sondern auch auf alle diejenigen ersten Mitglieder der Genossenschaft, die den Wunsch nach Selbständigkeit haben. Sobald es sich über jeden Zweifel hinaus ergeben hat, daß das Unternehmen dauernden Bestand haben wird* eventuell schon vor dem Übergang von der Gewinnbeteiligung in die Produktivgenossenschaft, soll es jedem Arbeiter frei stehen, in einer von den folgenden drei Formen, je nach seiner Wahl, zu einer mehr oder minder großen Selbständigkeit zu gelangen. Wir werden grundsätzlich nur mit ledigen Arbeitern beginnen, da wir die Verantwortung für das Schicksal einer Familie nicht eher tragen können, als bis der günstige Ausgang feststeht. Ist aber jeder Zweifel geschwunden, so werden wir unsere Arbeiter ermutigen, sich zu beweiben. In Parenthese: Hier liegt der schwierigste Punkt der ganzen Kolonisation. Wenn es schon einige Bauern in Palästina gibt, so gibt es doch kaum schon Bäuerinnen. Und ohne Bäuerin ist der Bauer verloren! Die jungen Mädchen Palästinas sind reizende, frische Geschöpfe, aber sie haben in ihrer übergroßen Mehrzahl weder Lust noch Verständnis für die Landwirtschaft, und nicht im mindesten Neigung, die schwere und häufig unangenehme Arbeit zu übernehmen, die der Bauernfrau auf dem Geflügelhof, im Stall und oft genug in der Ernte neben ihrer Haushaltsarbeit zufällt. Ich habe sehr viele elegante seidene Blusen und schlanke Stöckelschuhe gesehen, habe viel Intelligenz und Willen zu höherer Bildung getroffen, aber nur wenige Erscheinungen gesehen, die ich mir mit geschürztem Rock und Holz- *) Vgl. „Welt", Nr. 25, 26 und 27. schuhen auf dem Melkschemel oder beim Ausmisten oder beim Garbenbinden unter glühender Sonne vorstellen könnte. Dieser vorläufige Mangel an ausreichenden und genügend vorgebildeten Arbeitsbäuerinneri — und Salonbäuerinnen können nichts helfen — erscheint mir als der vornehmste Grund, aus dem wir auf den Erfolg einer einzelbäuerlichen Siedlung im großen vorläufig nicht werden rechnen dürfen. Und es erscheint mir fernerhin als ein entscheidender Vorteil des von mir vorgeschlagenen Systems, daß es die Ansiedlung zahlreicher Bauern ermöglicht, ohne daß sie mit Bäuerinnen verheiratet sind. Der Arbeiter hat nämlich die Wahl zwischen folgenden drei Möglichkeiten: Erstens: er bleibt nach wie vor Arbeiter des Zentralbetriebes resp. Genosse der Genossenschaft; er wohnt entweder im Hauptgebäude in einer kleinen für ihn erstellten Wohnung von zwei bis drei Räumen, die seine Frau für ihn bewirtschaftet; er mag aus der Küchengenossenschaft austreten oder seine Frau eintreten lassen, ganz wie er will. Will sich die Frau als gewinnbeteiligte Arbeiterin oder Genossin im Zentralbetriebe gegen entsprechenden Lohn beteiligen, so steht ihr das frei; will oder kann sie es nicht, so mag sie es unterlassen. Zweitens: der Arbeiter bleibt ebenfalls gewinnbeteiligter Arbeiter des Zentralbetriebes resp. Genosse der Genossenschaft; aber er nimmt außerdem in Erbpacht etwa zehn Dunam Land, erbaut sich darauf aus eigenen Mitteln oder mittels eines Darlehens, das er bei der Kreditgenossenschaft aufgenommen hat, ein Häuschen mit einem kleinen Stall und bewirtschaftet mit Hille seiner Frau in seinen freien Stunden, die ab und zu durch einen Urlaubstag verstärkt werden können, das kleine Grundstück, die „bina jugera" des römischen Rechtes. Er kann hier soviel Korn und Viehfutter und Gemüse ziehen, als er für seine kleine Wirtschaft braucht. Das Geld für Haus und Inventar erhält er nicht von einer der großen Organisationen, sondern lediglich von der Kreditgenossenschaft seiner eigenen Genossen, die es ihm nur bewilligen werden, wenn er als tüchtiger