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Die Welt · 1910-07-08 · 27 (8.7.1910) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
27 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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DIE3§£ELT , No. 27 DIE RESULTATE DER JAHRESKONFERENZ Was hat die Jahreskonferenz gebracht? Was ist eigentlich das Resultat dieser drei Tage, in denen die hervorragendsten Männer der zionistischen Bewegung über all die Fragen diskutierten, die seit dem Kongreß offen geblieben sind und einer Beantwortung harrten? Die Frage, die mit uns alle Zionisten stellen, ist eigentlich recht schnell beantwortet. Die Jahreskonferenz hat den Frieden, das allgemeine gegenseitige Vertrauen hergestellt. Alle die Dinge, die nicht erst seit dem Kongreß, die schon lange vorher bis in die letzten Tage die Gemüter unter einem fast unerträglichen Druck hielten und eine Atmosphäre des verbitterndsten Mißtrauens erzeugt hatten, fielen in sich zusammen. In diesen Verhandlungen, die in ihrem Verlauf die Nerven der Teilnehmer fast bis an die Grenze der Leistungsfähigkeit anspannten, ist alles vorgebracht worden, was an äußerlichen Momenten sich angesammelt und die Gemüter erregt hatte. Und all diese kleinlichen Mißverständnisse, Haarspaltereien und Wortklaubereien schwanden ins wesenlose Nichts in dem Augenblick, als es zur Aussprache kam. Die Jahreskonferenz hat den festen und energischen Willen, bis zum Kongreß Ruhe zuschaffen, gezeigt, und diesem Willen Ausdruck verliehen, indem sie sich einstimmig auf die Bedingungen vereinigte, die die Voraussetzungen hierfür bilden. Es ist dies gewiß ein schönes Ergebnis, das jeder Zionist mit Freuden begrüßen muß. In langen Debatten hat sich die Konferenz mit persönlichen Streitfragen, mit äußerlichen Momenten beschäftigen müssen. Die sind, wie wir alle hoffen und wünschen, für alle Ewigkeit beseitigt. Durch diese Fragen aber ist die Konfereuz verhindert worden, zu dem Gebiet vorzudringen, auf dem einzig und allein die letzten Ursachen für die innerlichen Unstimmigkeiten liegen, die erst den Anlaß zu jenen Mißverständnissen bilden. Die tiefgehende fundamentale Frage nach dem Verhältnis, das zwischen der praktischen Palästinaarbeit und der rein politischen Auffassung der zionistischen Ziele besteht, ist nicht angeschnitten und nicht gelöst worden. Die praktische reale Arbeit in Palästina, die bereits von drei Kongressen als die reifste Forderung des Zionismus erklärt worden ist, gehört noch immer nicht zu den allem Streit entrückten Grundlagen für die Tätigkeit der Zionisten. Vielleicht ist es deshalb bedauerlich, daß der Unterschied in der Auffassung und damit auch in der Betätigung der zionistischen Idee auf der Jahreskonferenz nicht zur Sprache kam, weil sich vielleicht auch hier die Möglichkeit eines synthetischen Kompromisses hätte ergeben können. Immerhin, diese Strömungen sind vorhanden. Es handelt sich um einen Widerstreit der Auffassung zwischen denjenigen Zionisten, welche für die praktische Arbeit in Palästina erst rechtliche Garantien und die Vorbereitung des Volkes im Golus als Voraussetzungen verlangen, und denjenigen, welche die sofortige intensivste und allseitige Palästinaarbeit für nötig erklären und, um ein Wort unseres Wiener Gesinnungsgenossen Böhm zu gebrauchen, der Ansicht sind, daß Palästina den Golus überwinden wird. Dieser Widerstreit, der ja im Wesen eine Frage des Temperaments ist, wurde von der Jahreskonferenz nicht besprochen, also auch nicht gemildert. Wohlverstanden: wir reden nicht etwa der Beseitigung irgendeiner Idee das Wort, und wir wissen, daß ein Kompromiß zwischen Ideen, wrenn es überhaupt möglich ist, zu einem Dogmatisieren führen muß. Das wäre der Untergang des Zionismus, wenn er nur eine einzige, gewissermaßen amtlich punzierte Auffassung über den Weg zum Ziel zuließe. Aber es gibt ein Gebiet, auf dem die verschiedensten Doktrinen zu gemeinsamer Arbeit zusammengefaßt werden können, und das ist die unter den gegebenen Verhältnissen, deren Änderung sich unserer Macht entzieht, mögliche Arbeit in Palästina. Die Feststellung dieses Begriffes, seine genaue Abgrenzung ist, wie schon erwähnt, durch drei Kongresse bereits geschehen. Es ist eine Klärung nach der praktischen Seite hin schon erfolgt. Es bestanden und bestehen aber leider noch Unklarheiten nach der theoretischen Seite hin, und diese hat die Jahreskonferenz nicht schlichten können. Ebensowenig ist sie in eine sachliche Beratung einer andern, nicht minder tiefgehenden Differenz eingetreten, nämlich über die Pflege der ideellen und kulturellen Momente im Judentum. W7enn auch eine solche Frage, solange der Golus besteht, niemals wird endgültig gelöst werden können, am wenigsten von einer politischen Organisation, so ist doch die Vorzeichnung gewisser Richtlinien möglich, die eine einheitliche Arbeit anbahnen. Die Jahreskonferenz hat den Frieden geschaffen, der für die Vorbereitung des Kongresses nötig ist und allein ein gedeihliches ruhiges Behandeln der wichtigen prinzipiellen Fragen verbürgt. Es ist weiter ein für uns alle sehr erfreuliches Ergebnis, daß gerade diese Jahreskonferenz, für die soviel Zündstoff angehäuft war, diejenige geworden ist, auf welcher zum erstenmal ein Budget vorgelegt und bewilligt worden ist. Die Verhandlung dieses Voranschlages wie auch seine Annahme sind ein ganz besonders beredtes Anzeichen für den sachlichen Ernst, mit dem die Jahfeskonferenz ihre Aufgabe auffaßte und durchführte, nicht nur Beruhigung zu schaffen, sondern auch gemeinsame Arbeit, an der sich alle Zionisten beteiligen sollen, zu ermöglichen. Durch die Mißhelligkeiten der letzten Monate ist vieles versäumt worden. Die Agitation für die zionistische Idee hat vielfach geruht, die Sammlung der Schekelgelder, die das engere Aktionskomitee zur regelmäßigen Abwickelung der Geschäfte unbedingt nötig hat, ist vernachlässigt worden. Das sind gleich zwei Gebiete, auf denen sich der heilsame Einfluß der vollzogenen Einigung vor allem deutlich und augenfällig zu erweisen haben wird. Die Referate Franz Oppenheimers und Dr. Ruppins haben weitere Angelpunkte gezeigt, in denen die ungesäumte Arbeit aller Gesinnungsgenossen sofort und intensiv einsetzen muß, wenn Resultate von bleibendem Wert erzielt werden sollen. Kurz, diese Konferenz hat für jedermann, in welchem Berufe er immer stehen, in welchem Lande er immer leben mag, soviel Möglichkeit der Mitarbeit gebracht, daß zu Streitigkeiten und Auslegungen wohl wenig Zeit und Gelegenheit übrig bleiben kann. Jeder, der es ernst mit unserer Sache meint — und das sind wohl alle, die sich zum Baseler Programm bekennen — muß von nun an wieder, wie in den ersten Tagen unserer Bewegung seine beste Kraft, sein freudigstes Wollen der gemeinsamen Sache widmen. Keiner darf mehr abseits stehen, weil jeder wissen muß, daß sein Können und Denken nicht ihm gehört, sondern unserm Volk, das nicht so reich an Kräften ist, als daß es nur eines seiner Kinder entbehren könnte. Jeder muß seine Pflicht kennen und üben um Zions willen.

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