Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 24 (17.6.1910)
- Date
- 1910-06-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 \tf ERSCHEINT IEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIV. JAHRG. KÖLN, 17. Juni 1910 p-nn*? ND'nn'tf ]V>D "*> No. 24. ORGANISATION j. 1. Wir haben uns in dieser Woche an das Fest der Gesetzgebung erinnert, an die Stunde, da am Sinai das jüdische Volk seine zehn Grundsätze erhielt, die in den folgenden Jahrhunderten zum moralischen und ethischen Besitzstand der zivilisierten Welt geworden sind. Von allen Schauern der Mystik umsponnen, von der Patina der Geschichte verklärt, tritt die Stunde vor das geistige Auge, in der ein Volk, kaum frei geworden, die Prinzipien verkündigen hörte, ohne die das moderne Staatsleben undenkbar wäre. Die Freiheit des Individuums, die Unantastbarkeit fremder Überzeugung, die Heiligkeit des Eigentums, der Ehe, des Wortes, der soziale Ruhetag, — alles Dinge, die uns heute selbstverständlich scheinen und deren Proklamierung doch in einer Zeit, in der brutalstes Faustrecht herrschte, das kühnste Unterfangen darstellte. Die zehn Thesen, die Moses seinem Volke übergab, bildeten die Grundlage für die Organisierung des gesamten Volkes, und jeder Staatsorganismus baut sich auf der bewußten freudigen Unterordnung des Freien unter die Forderungen der Gesamtheit auf. An diesen Gedanken der mosaischen Gesetzgebung müssen wir uns erinnern, wenn wir vom Zionismus sprechen, der zum erstenmal in der Zeit des Exils die Organisierung des Judentums, die Zusammenfassung auseinanderstrebender heterogener Elemente, die Umwandlung und Umwertung zentrifugal wirkender Kräfte begonnen hat. Es sei einen Augenblick lang von dem Endziel der Erreichung der jüdischen Besiedelung Palästinas abgesehen. Dieses Ziel war schon vor dem Eintreten des politischen Zionismus in die jüdische Geschichte gesteckt. Es war da, als der zweite Tempel stürzte, und blieb aufrecht in jedem jüdischen Herzen. Aber es war nur ein schwacher vager Traum. Der politische Zionismus, der alle, die diesen Traum hegten, vereinigte und ihnen durch die Aufstellung des Volksbegriffes ein großes fruchtbares Ideal gab, hat den Traum zur Arbeit, die Sehnsucht zum Willen gewandelt. Das Ziel trat aus dem Schleier der Hoffnung in das helle Tageslicht der Wirklichkeit, und der Zionismus zeigte den Weg, auf dem allein es erreichbar ist: die geordnete, systematische Verwertung der in der Volksseele schlummernden Kräfte. Und so schloß man die ' Bekenner des nationalen Judentums nach Staaten, Ländern und Gemeinden zusammen und gab ihnen die parlamentarische Tribüne des Kongresses, der aus dem allgemeinen Wahlrecht hervorgehend die Legislative des Golus wurde. Es wurde die zionistische Organisation ins Leben gerufen, Sie trug den neuerweckten jüdischen Geist durch die ganze Welt in die jüdischen Häuser, eroberte sich die Herzen der Jugend und erwarb dem jüdischen Namen aufs neue Achtung und Hochschätzung. Im jüdischen Volk war ihr Auftreten anfangs von dramatischer Wirkung. Heute ist die zionistische Organisation zu dem natürlichen Vorkämpfer und Verteidiger des Judentums geworden, und wenn sie auch noch immer nicht das ganze Volk umfaßt, so hat sie doch den besten, weil arbeitenden und zukunftsfrohen Teil für sich gewonnen. Und wenn heute auch die dem Zionismus fernstehenden philanthropischen Körperschaften im Judentum — ob eingestandenermaßen oder nicht, bleibe hier unerörtert — von Tag zu Tag mehr nach Palästina gravitieren, wenn sich überall in der Welt das jüdische Selbstbewußtsein, der Stolz auf die Zugehörigkeit zu der ältesten Kulturnation erhöht und vertieft hat, so sind das sicherlich mit die schönsten Folgewirkungen der zionistischen Organisation, die heute das jüdische Leben beherrscht, dem sie den wuchtigen Impuls des nationalen Gedankens gegeben hat. Daß sie im Volkstum fest verankert ist, hat die zionistische Bewegung schon mehrmals zu beweisen gehabt. Sie hat den Tod ihres Schöpfers überdauert und hat die Ugandakrise verwunden. Je weiter sie anwächst, desto mehr und neue Fragen steigen vor ihr auf, die gelöst werden müssen. Wenn es jemals scheinen konnte, daß der Zionismus eine Partei innerhalb des Judentums darstelle, so ist das heute sicherlich nicht mehr wahr. Er hat längst den engen Rahmen, in dem er sich anfangs bewegte, verlassen, ist darüber hinausgewachsen und stellt heute, da er alle die in sich einschließt, die die Erhaltung des jüdischen Volkstums wollen, ohne nach ihrem sonstigen ethischen oder sozialen Bekenntnis zu fragen, das jüdische Volk selbst dar. Daraus erwachsen aber wieder neue Pflichten. Die zionistische Bewegung muß stets darüber wachen, daß die Form der Organisation der Größe ihrer Aufgabe entspricht. Sie muß jedem, der zu ihr zählt, die