Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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juepiscHeR nATionAL-Fonps)^ Der Jüdische Nationalfonds ist dazu bestimmt, in Palästina Grund und Boden als unveräußerliches Eigentum des jüdkclmi Volkes zu erwerben. Vom V. Zionistenkongreß im Jahre 1901 gestiftet, hat er bereits die Höhe von über 2 Millionen Mark erreicht. MITTEILUNGEN DES HAUPTBUREAUS DES JÜDISCHEN NATIONALFONDS IN KÖLN Moses Montefiore Am 28. Juli d. J. werden es 25 Jahre, seit Sir Moses Montefiore, 100 Jahre alt, sein dem jüdischen Volke gewidmetes Leben beschloß. Was dieser Große in Israel für seine Brüder getan, wie er für ihr gleiches Recht überall gestritten, ihnen in allen Nöten hilfreich beigestanden, das ist noch in lebendiger, dankbarer Erinnerung der Juden in allen Ländern der Diaspora. In England, seinem Vaterlande, war er der Vorkämpfer der Judenemanzipation. Dort fand er in der großherzigen Königin Viktoria und ihrer Regierung mächtige Hilfe für seine politischen Aktionen zugunsten seiner Brüder auch außerhalb des britischen Reiches. So zuerst bei den Judenverfolgungen in Damaskus, wo es ihm mit Hilfe des englischen Geschäftsträgers gelang, die unschuldig eingekerkerten und gefolterten Juden frei zu bekommen. Damit nicht zufrieden, erwirkte er durch eine Audienz beim Sultan in Konstantinopel einen Firman, der allen türkischen Juden völlige Gleichberechtigung und dauernden Schutz verbürgte. Und als der französische Agent bei Verschwinden eines christlichen Kindes eine zweite Verfolgung der Juden in Damaskus anzettelte, intervenierte Montefiore persönlich bei König Louis Philippe von Frankreich, worauf den Juden durch den Ministerpräsidenten Guizot volle Genugtuung zuteil wurde. In Rußland erschien Montefiore zweimal, erlangte Audienzen bei den Zaren Nikolaus I. und Alexander II. und versuchte eine Milderung des harten Loses seiner Brüder durchzusetzen, sowie einen Teil derselben dem Ackerbau zuzuführen. Als in Italien der Judenknabe Mortara auf Befehl des Papstes gewaltsam seinen Eltern weggenommen wurde, erschien Montefiore in Rom und war — allerdings vergeblich — bemüht, vom Papste die Rückgabe des Kindes zu erwirken. Beim Ausbruch der Judenverfolgungen in Marokko scheute Montefiore nicht die gefährliche Reise in das wilde Land, wo er allerdings vom Sultan wie ein Souverain empfangen wurde. Bei einer Audienz erlangte er vom Sultan einen Schutzbrief, den er, um größere Bürgschaften für die Juden zu erlangen, persönlich Napoleon III. und der Königin Isabella von Spanien präsentierte. Auch für unsere schon damals wie heute wenig beneidenswerten Brüder in Rumänien intervenierte Montefiore zuerst bei Napoleon und hierauf bei König Carol in Bukarest, wo er vom rumänischen Pöbel sogar tätlich bedroht wurde. Würden diese Taten schon allein hinreichen, um dankerfüllt des edlen Mannes zu gedenken, so haben wir Zionisten noch eine große Dankesschuld an den Zionisten Montefiore^ abzutragen. Jawohl, Moses Montefiore war Chowew-Zion und, wenn man will, sogar;politischer Zionist. Nicht weniger als siebenmal reiste Montefiore jener Zeit nach Palästina, zuletzt im Alter von 91 Jahren, und iesmal ergoß sich ein reicher Segen über Erez Israel. Bei all diesen Reisen war das Hauptziel Montefiores: mit aller ■ r'ift die palästinensischen Juden einer dauernden, produktiven Tätigkeit zuzuführen. So plante er anläßlich seiner zweiten Reise die Gründung einer „Gesellschaft zur Beförderung der Bodenkultur in Palästina", suchte vom Pascha von Ägypten, dem damals Palästina unterstand, eine Art Charter zu erlangen, durch den er Ländereien für einige 100 jüdische Dörfer erwerben könnte. Durch einen Zufall, den Ausbruch des türkisch-ägyptischen Krieges, ist dieser Plan leider vereitelt worden. Gelegentlich einer andern Reise nach Palästina erwirkte er in eher Audienz be'm Suitm einen Firman zum Bau . eines Krankenhauses in Jerusalem sowie zum Ankauf ron Boden für Zwecke des Ackerbaues, gründete eine Industrieschule für jüdische Mädchen in Palästina usw. Und als er im 100. Lebensjahre von der Gründung der ersten Chowewe Zion-Vereine hörte, schätzte er sich glücklich, dies erlebt zu haben. Treffend bemerkt eine kürzlich erschienene nichtzionistische Schrift*): „Das heilige Land war aber nicht nur Montefiores höchste Freude, es war auch der Gegenstand seiner Hoffnung." Wenn es noch eines Beweises für die zionistische und nationaljüdische Gesinnung Montefiores bedürfte, so sei daran erinnert, daß er, als Königin Viktoria ihn zum Ritter schlug, als Wappen eine Zeder des Libanon wählte und als Inschrift auf den Fähnchen den Namen „Jerusalem" in hebräischen Buchstaben. Überhaupt war ihm das Hebräische das einigende Band aller Juden auf dem ganzen Erdenrund, weshalb er auch so entschieden gegen die Bestrebungen der Reform, das Hebräische abzuschaffen, Front machte. Ist es zuviel verlangt, wenn wir die Zionisten auffordern, ihre Dankesschuld abzutragen? Diese Schuld ist eine zweifache, einerseits Montefiore und anderseits dem jüdischen Volke gegenüber. Wohl sind seine Verdienste noch in lebendiger Erinnerung aller Juden. In Westeuropa und Amerika führen angesehene jüdische Körperschaften mit Stolz seinen Namen. Im Osten hat die Volksphantasie einen Kranz schöner Legenden um das Andenken Moses Montefiores geflochten, und in den Hütten der Ärmsten ist das Bild dieses patriarchalischen und heldenhaften Juden zu finden. Allein es ist unsere Aufgabe, sowohl Zionisten wie Nichtzionisten darauf aufmerksam zu machen, daß man einen Montefiore nicht bloß durch Bilder und schöne Reden, sondern vor allem durch die Tat in seinem Sinne ehren muß. Es ist unsere Pflicht, alle Juden, die es noch nicht wissen, damit bekannt zu machen, daß Montefiore, trotzdem oder gerade weil er überall für die Gleichberechtigung seiner Brüder kämpfte, doch das Hauptziel in der Überführung der Juden zum Ackerbau und zu produktiven Berufen in Palästina erblickte. Und so möge denn der 25. Todestag von Moses Montefiore den Anlaß bilden, um seinen glorreichen Namen dauernd mit einer Schöpfung in Palästina zu verbinden. In erster Linie müssen die Zionisten selbst hierzu beitragen, und weiter sollen alle Juden, die in der Verehrung Montefiores zugleich die Liebe zum Judentum bekunden, daran gemahnt werden, daß dieses Judentum seine Wiedergeburt nur in dem von Montefiore so geliebten Erez Israel erleben kann und wird. *) Sir Moses Montefiore, ein Lebensbild für jung uml alt. von Oberlehrer Dr. Eugen Wölbe, Verlag von Louis Lamm in ÜJerlin.