Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIV. JAHRG. KÖLN, 27. Mai 1910 p-iirA NO'nrVfi* n" No. 21. Die Krakauer Beschlüsse Gute Nachrichten kommen aus Österreich. Die Juden Bosniens haben sich für die Wahlen zum bosnischen Landtag auf einen gemeinsamen Kandidaten geeinigt und so die Mißhelligkeiten zwischen Aschkenasim und Sephardim zu einem schönen Abschluß gebracht. Sie werden im Landtag wohl nur über zwei Stimmen verfügen, — der Oberrabbiner von Sarajewo ist Virilist, — doch ist es kein Zweifel, daß die Vertreter der ökonomisch und kulturell hochstehenden Judenschaft der österreichischen Reichslande ein gewichtiges Wort bei den Verhandlungen des Landtages werden mitreden können. Die andere Meldung muß jeden, der das Vorwärtsdringen des nationalen Geistes in Westösterreich aufmerksam verfolgt, mit großer Freude erfüllen. In Krakau hat an den beiden Feiertagen der vorletzten Woche eine Konferenz der jüdisch-nationalen Organisationen Galiziens, der Bukowina, Wiens und Prags stattgefunden, welche den Zusammenschluß der Jüdisch-Nationalen vollzog und eine Reichsexekutive mit der Ausführung der gefaßten Beschlüsse betraute. Dieses Konferenzresultat bedeutet einen weiteren energischen Schritt auf dem mit den Maiwahlen von 1907 betretenen Wege. Damals war der Jüdische Klub gegründet worden. Man erwartete viel von ihm. Was bis dahin in der Vertretung der Juden, in ihrer Organisierung und einheitlichen Zusammenfassung versäumt worden war, sollten die vier Männer mit einem Schlag nachholen: die Geltendmachung der Forderungen der jüdischen Nation, die Erzwingung der Gleichberechtigung und die Eindämmung des staatlichen Antisemitismus. Die Verhältnisse im österreichischen Parlament haben es mit sich gebracht, daß der Jüdische Klub der an ihn gestellten Aufgabe nicht ganz gerecht werden konnte... Seine Mitglieder haben sich redlich und ehrlich gemüht und geplagt und ihr Hauptaugenmerk auf das weite, aber dornenreiche Feld der nationalen Kleinarbeit gerichtet, ein Gebiet, auf dem es unmöglich ist, blendende Effekte zu erzielen oder „große Politik" zu treiben. Die Resultate, die hier erreicht wurden, sind erst kürzlich auf dem zionistischen Parteitag in Lemberg rühmend anerkannt worden. Aber der Klub stand durch fast drei volle Jahre •allein dem gefährlichsten Gegner seiner Bestrebungen gegenüber: dem Indifferentismus der jüdischen Bevölkerung im Westen Österreichs. In Wien war nach dem schönen Anlauf von 1907 die Ruhe der Ermüdung eingetreten. In Böhmen, wo der Kampf zwischen den beiden großen Nationen nach der Durchführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts weit schärfere Formen als je vorher angenommen hatte, konnte nur eine langsame und schrittweise Organisierung der national-bewußten Elemente in Angriff genommen werden. Die antisemitischen Vorstöße im Parlament, die von den jüdischen Abgeordneten nur mit der größten Mühe abgewehrt werden konnten, weckten wenig Widerhall in der jüdischen Bevölkerung, wenn man von dem mehr passiven Verhalten der Juden in der Roseggersammlung absieht, das ja eigentlich eine Antwort auf die antijüdische Abstimmung der Deutschen bei Gelegenheit der Schmidtschen Resolution darstellte. So standen die jüdischen Wähler tatenlos abseits, ließen die vier Abgeordneten sich plagen und bemängelten höchstens das, was ihre Abgeordneten natürlicherweise — 4 unter 516 — nicht erreichen konnten. Die Dinge änderten sich erst, als die sogenannten Demokraten in Wien es versuchten, der jüdischen Wählerschaft getaufte Renegaten zur Wahl in den Gemeinderat aufzuoktroyieren. Man unterschätze nicht die Bedeutung dieser Angelegenheit, die wir in der „Welt" ausführlich besprochen haben. Es war ein elementarer Ausbruch des jüdischen Geistes, der sich in einem Gebiet zeigte, wo ihn niemand vermutet hätte, in der Wiener Innern Stadt, dem festesten Bollwerk der liberalisierenden Assimilation. Daß nur die Zionisten diese jähe Wendung herbeigeführt haben, ist selbstverständlich. Nur die Zionisten sind die Träger des nationalen Gedankens, nur ihrer Arbeit ist es zu danken, wenn die Judenschaft Wiens wieder Rückgrat bekommt. Diese Umstände sowie der in einem andern Volk fast unerhörte Verrat, der von Kuranda und den jüdischen „Faktoren" des Polenklubs an den Bukowinaer Juden begangen worden war, führten endlich zu der Erkenntnis