Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 60

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 60)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316426--53275-3347049
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

496 DIE2^ELT No. 20 König Eduard VII. Das britische Volk trägt heute den größten seiner Herrscher zu Grabe. Es hat ihn plötzlich verloren. König Eduard ist in den Sielen gestorben. Aus der Arbeit für das von ihm gelenkte Reich hat der Tod jäh und unerwartet einen Fürsten des Friedens abberufen, einen weisen, vielerfahrenen Mann, der seine schöne Begabung, sein reiches Wissen, seine Menschenkenntnis, die Erfahrungen eines langen Lebens ganz in den Dienst seiner Nation stellte und ihr in den wenigen Jahren, die er auf dem Thron saß, zum Vorbild stiller, ruhiger, ernster Pflichterfüllung geworden ist. Vornehme Betrachtung der Dinge und Menschen war ihm eigen. Daraus erklärt sich auch seine Stellungnahme zum jüdischen Problem. Der kluge Politiker, der die Erhaltung des Friedens nicht durch das „bellum parare" anstrebte, sondern durch Verträge von Nation zu Nation die der Menschheit gemeinsamen Kulturaufgaben umschreiben und sichern wollte, hat mit seinem in langjährigem Verkehr mit hervorragenden jüdischen Persönlichkeiten geschärften Blick die kulturelle Kraft des jüdischen Volksstammes erkannt. Er war einer der Ersten unterEuropasStaatsmännern, die dieweitreichende Bedeutung der zionistischen Bestrebungen erkannten. Disraeli war der Mutter König Eduards Berater gewesen. Lord Rothschild, Baron Hirsch, der Bankier Sassoon zählten zu seinen Vertrauten. In all seinen Ministerien saßen Juden, und sein letztes Kabinett, das erste seines Nachfolgers Georgs V., zählt drei jüdische Portefeuilleinhaber. Konnte König Eduard so die politischen Fähigkeiten seiner jüdischen Vertrauten und Minister erkennen und beurteilen, so hat der Diplomat in * ihm sicherlich ein intuitives Verständnis für den Nutzen gehabt, der der ganzen Menschheit erwachsen würde, wenn das jüdische Volk frei und ungehindert seine Kräfte als nationale Einheit entfalten könnte. Aus diesem Empfinden der Richtigkeit des zionistischen Gedankens entstand die Unterstützung, die Großbritannien der jüdischen Sache angedeihen ließ. Es mag auch die große imperialistische Auffassung von Englands Stellung in der Welt, von seiner Verpflichtung, die unterdrückten Nationen durch seine werktätigen Sympathien zu stärken, ein Grund für die warmherzige, von reinen Absichten getragene Anbietung El Arischs und dann Ostafrikas an Theodor Herzl gewesen sein. In den historisch bedeutsamen Schriftstücken, die John Chamberlain, der großzügige Kolonienminister Eduards VIL, an Theodor Herzl richtete, ist zum ersten Male seitens einer modernen Regierung vom jüdischen Volke die Rede gewesen. Und in den Vorschlägen, die „Sr. Majestät Kabinett" dem zionistischen Kongreß machte, ist die Anerkennung des Kongresses als Träger des Willens des jüdischen Volkes eingeschlossen gewesen. Die Bekanntgabe des Schreibens, welches Sir Clement Hill, der erste Vorsteher der Abteilung für die Schutzgebiete im Ministerium des Äußern, am 14. August 1903 im Auftrage Chamberlains an Herrn Greenberg gerichtet hatte, erweckte auf dem VI. Kongreß stürmischen Enthusiasmus für England. Und in allen Reden, die gegen das Ostafrikaprojekt gehalten wurden, kehrte stets der Ausdruck tiefster Dankbarkeit für England wieder, in dem Juda zum erstenmal in der Zeit des Exils einen mächtigen und mitfühlenden Freund gefunden hatte. Der Kongreß lehnte ab. Mußte ablehnen. Und gerade eine englische Regierung, die eine auf Jahrhunderte vorausblickende Politik betreibt, muß es verstehen, daß das Jungjudentum mit all seinen Kräften nur das eine Ziel anstreben darf, auf das alle Traditionen, alle Hoffnungen des jüdischen Volkes hinweisen. Die auf ihre Würde so bedachte englische Nation konnte nur achtungsvoll die Willensmeinung des Kongresses vernehmen, der den jüdischen Namen auf dem historischen, jedem Juden heiligen Boden Palästinas zu Ehren bringen will. Daß man in England die Motive für den Beschluß des Kongresses verstanden und richtig eingeschätzt hat, beweist die wohlwollende Aufmerksamkeit, mit welcher König Eduard auch in der Folgezeit den Fortgang der zionistischen Tätigkeit beobachtete. Die englische Nation hat einen weisen Herrscher, Europa einen großen Diplomaten und eifrigen Vertreter der Friedensidee, das Judentum einen warmen Freunä und Förderer seiner Regenerationsbestrebungen verloren. Unsere Teilnahme an dem Verlust, den England erlitten hat, ist tief und herzlich. j. 1. Landeskonferenz der ungarischen Zionisten (Orginaltelegramm der „Welt".) Die achte Laudeskonferenz der ungarläudischen zionistischen Organisation wurde Sonntag den 15. d. M. in Kassa (Kaschau) mit einem Massenmeeting eröffnet. Die Konferenz war von nahezu 50 Delegierten aus allen Teilen des Landes besucht. Aus der nähern und weitern Umgebung Kassas nahmen zahlreiche Gäste an der Konferenz teil. Dr. L. Grün begrüßte im Namen der Kassaer Gesinnungsgenossen die Teilnehmer und übergab den Yorsitz dem Präsidenten des Landeskomitees, Dr. Bela Österreicher, der die Landeskonferenz in schwungvollen Worten eröffnete. Ein Begrüßungsschreiben des Präsidenten Wolffsohn wurde mit stürmischem Beifall aufgenommen. Nachdem noch die zahlreichen Begrüßungsdepeschen verlesen worden waren, erstattete Ing. Beregi (Budapest) sein sehr beifällig aufgenommenes Referat über „Palästinaarbeit"- Dr. Kassai (Budapest) referierte über „Die zionistische Agitation". Es sprach noch Herr Lebowitsch (Budapest). Am zweiten Verhandlungstage wurde eine Resolution angenommen, die die Gesinnungsgenossen auffordert, durch Massenpetitionen bei der neuen Regierung auf die baldige Genehmigung der Statuten der Landesorganisation hinzuwirken. Dem Engeren Aktionskomitee und dessen Präsidenten wurde das Vertrauen ausgesprochen. Es folgten der Bericht des Landeskomitees, erstattet von L. Batö und der Nationalfondsbericht des Herrn Dr. L. Dömeny, der einen beträchtlichen Aufschwung Her Sammlungen in Ungarn konstatierte. In der Debatte erhoben die Misrachisten Anspruch auf eine Vertretung im Landeskomittee. Schließlich wurde hierüber eine Einigung erzielt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.