Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-05-18 · 18 (18.5.1910) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
18 (18.5.1910)
Date
1910-05-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316424--53176-3346948
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

No. 18 ö o o. o o o o c 1 o o o o o o o ,--DIE^ELT" ■-* AUS DER BEWEGUNG 399 |fooooooo| IL o o o o o o o Präsident Wolffsohn in England Glasgow. Am Dienstag, den 19. April traf Präsident Wolffsohn, begleitet von Herrn Israel Cohen, in Glasgow ein. Am Bahnhof wurde er von dem Komitee der Qlasgower Zionisten empfangen und von etwa 200 Gesinnungsgenossen, die mit blauweißen Fahnen erschienen waren, mit Hedad-Rufen und Tücherschwenken begrüßt. Die ganze Schar folgte ihm zum Zentralhotel, das Herr Wolffsohn bald wieder verließ, um, begrüßt von einer begeisterten Menge, einen offenen Wagen zu besteigen, der mit blauweißen Fahnen geschmückt war. Dem Wagen des Präsidenten folgten 20 ebenso dekorierte Wagen; und der Zug, welcher großes Aufsehen erregte, durchfuhr das jüdische Viertel der Stadt, wo der Präsident überall enthusiastisch empfangen wurde. Um 8 Uhr fand in St. Mungo Hall eine große, öffentliche und schon lange vor Beginn überfüllte Versammlung statt. Auf dem Podium saßen Vertreter aller jüdischen Vereine Glasgows und der Nachbarstadt Bdinburg. Als der Präsident erschien, wurde er mit minutenlangen Ovationen begrüßt. Darauf stimmte ein Chor von jungen Männern und jungen Mädchen ein speziell'für diese Gelegenheit verfaßtes Boruch Habo an. Den Vorsitz führte der Friedensrichter A. Schönfeld. Es wurden Begrüßungsbriefe und Telegramme von den Herren Professor Warburg, Sir Francis Montefiore, Mr. Joseph Cowen und andern verlesen. Rabbi Hill man schlug folgende Resolution vor: „Die hier tagende Massenversammlung von Zionisten anerkennt die zionistische Idee als den einzigen Weg zur endgültigen Lösung der Judenfrage und zur Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seiner historischen Heimat in Palästina, spricht ihre unverrückbare Treue zu den Grundsätzen des Zionismus aus und drückt Herrn David Wolffsohn ihr festes Vertrauen zu seiner Führerschaft und zu seinen unermüdlichen Bestrebungen, die Zwecke der Bewegung der Verwirklichung näher zu führen, aus. Diese Versammlung appelliert ferner an die jüdischen Bewohner von Schottland, die zionistische Organisation als die einzige Körperschaft, welche für die Realisierung des alten, hehren Ideals des jüdischen Volkes wirkt, materiell und moralisch zu unterstützen." Mr. Israel Cohen und Rabbi Mendelsohn unterstützten die Resolution, welche hierauf einstimmig angenommen wurde. Herr David Wolffsohn, (mit enthusiastischem Beifall, Hüte- und Tücherschwenken begrüßt) führte aus: „Als ich zum ersten Mal mit unserem verehrten Herzl nach England reiste, um den I, C. T. zu gründen, haben wir über die zu erwartende Stellungnahme der englischen Juden zum Zionismus diskutiert. Dr. Herzl glaubte, die englischen Juden würden unsere Bewegung mit allen Kräften unterstützen; ich war nicht so optimistisch, ich dachte, es würde sich hier ebenso wie in den andern westlichen Ländern Gegnerschaft oder Indifferenz zeigen, und leider sind meine Erwartungen in Erfüllung gegangen. W ieviel aber könnten wir leisten, wenn die Mehrheit cier Juden in England für unsere Sache einträte! Denn England ist ein freies Land und ich bin überzeugt, daß die Juden in den freiheitlichen Ländern endlich einsehen werden, daß die jüdische Frage nur durch den Zionismus gelöst werden wird. (Beifall.) Manche sagen, der Zionismus ist eine Utopie. Das behauptete auch einmal ein Berliner Jude, bevor er nach Palästina reiste. Er führte einen Kreditbrief an die A. P. C. mit sich. Wie groß aber war sein Erstaunen, als er in Palästina erfuhr, daß diese Company die unsere sei, die zionistische Bank; und sein Erstaunen stieg noch höher, als er den Bezalel, das Hebräische Gymnasium in Jaffa und die jüdischen Kolonien besuchte; und als er schließlich die1 jüdischen Kinder hörte, die auf der Straße spielten und hebräisch sprachen, konnte er nicht an sich halten und rief aus: „Jetzt fühle ich mich als Jude, jetzt bin ich Zionist!" Unsere Gegner haben uns immer etwas neues vorzuwerfen; jetzt sagen sie, die Türkei werde uns Palästina nicht geben. Die Türkei aber hat jetzt eine Konstitution, sie entwickelt sich, und sie wird gewiß einsehen, welchen Nutzen das ganze ottomanische Reich davon haben wird, wenn die Juden sich im heiligen Lande ansiedeln. (Beifall.) Dann kommt Mr. Lucien Wolf, der erst vor einigen Tagen eine Rede gegen uns gehalten hat. Früher einmal hat Lucien Wolf gegen Zangwill gesprochen; da aber Zangwill jetzt gegen uns ist, so hilft ihm Lucien Wolf in seinen Angriffen auf uns. Dieser Publizist, der auf Prophetengabe Anspruch macht, hat schon oft von unserm Tode gesprochen; wir aber leben noch und werden all seine Prophezeihungen überleben. (Bravo!) In wessen Namen spricht er? Wir sprechen im Namen einer Weltorganisation, die eine Volksvertretung, einen Kongreß besitzt. In unserer Oganisation gibt es zum Unterschiede zu andern Organisationen eine öffentliche Me/nung. Daher gibt es in unserm Parlament natürlich auch eine Opposition. Als Dr. Herzl sich einmal mit einem Staatsmann in Petersburg unterhielt, sagte ihm dieser: „Wie können Sie mit diesen Leuten wirtschaften? Sie werden Ihnen schwerere Opposition machen als der russischen Regierung." Darauf erinnerte ihn Herzl an Kolumbus. Auf seiner Entdeckungsfahrt hätten seine Matrosen gegen ihn gemeutert, als sie aber Land erblickten, hätten sie erkannt, daß Kolumbus im Rechte sei und hätten um Verzeihung gebeten. Herr Wolffsohn schilderte dann den Unterschied zwischen dem Chowewe-Zionismus und dem jetzigen Zionismus und betonte, daß er immer für praktische Arbeit in Palästina gewesen sei. Deswegen begrüße er das Projekt von .Dr. Franz Oppenheim er, das für die jüdische Kolonisation in Palästina von grundlegender Bedeutung werden könne. Allerdings sei das Unternehmen augenblicklich noch im Stadium eines Experimentes, doch freue er sich, mitteilen zu können, daß Dr. Oppenheimer, der gegenwärtig in Palästina weilt, um die Bedingungen an Ort und Stelle zu studieren, ihm vor einigen Tagen geschrieben habe: „Es wird gehen!" (Beifall.) Es gehört jetzt zu den Hauptaufgaben des A. C, unsere Organisation zu entwickeln, unsere Mittel zu vergrößern und auch die Mitarbeiterschaft anderer jüdischer Organisationen zu gewinnen für die Arbeit in Palästina.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.