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Die Welt · 1910-05-18 · 18 (18.5.1910) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
18 (18.5.1910)
Date
1910-05-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIEÄELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 NVy/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIV. JAHRO. KÖLN, 6. Mai 1910 p-nrfc ND'Wtf \m t'd No* 18 ARBEITSPROGRAMM ODER WELTANSCHAUUNG? Von Dr. Osias Thon, Krakau*) Ist der Zionismus ein Arbeitsprogramm oder eine Weltanschauung? Ist er der Ausdruck für eine Genossenschaft, die sich zusammengetan hat, um ein bestimmtes Programm in rascherm oder langsamerm Tempo aufzuarbeiten, oder ist er eine Art von Bekenntnis, das Menschen desselben Blutes und derselben Seelenstimmung zu einer innigen Gemeinschaft zusammengezogen hat? Genügt es, um Zionist zu sein, jährlich eine Reichsmark an die Parteikasse abzuführen und für eine jüdische Siedlung in Palästina Geld oder Arbeit zu leisten, oder gehört vielmehr zum Zionistsein vor allen Dingen das tiefe Bewußtsein, daß man ein Glied eines lebendigen Volksorganismus ist? Lnd dann: Gibt es im Zionismus dogmatisch feststehende Grundprinzipien, auf denen sein ganzes Gebäude wie auf unverrückbaren Fundamenten ruht, oder darf man immer wieder auch die fundamentalsten Grundsätze zur Diskussion stellen und sie sogar zu erschüttern versuchen? Und schließlich: Darf das Zentralorgan der Partei, das zum Hüter dieser Grundsätze bestellt ist, diese zur Diskussion stellen? Diese und viele andere beunruhigende Fragen tauchten in mir auf, als ich den Aufsatz Franz Oppenheimers : „Stammesbewußtsein und Volksbewußtsein" in der — „Welt" gelesen habe. Das sind ja lauter Vorfragen, die endgültig gelöst sein mußten, bevor es zu einer zionistischen Regung kommen konnte. Das jüdische Nationalbewußtsein ist das logische und psychologische „prius", ohne das ein Zionismus als Programm gar nicht denkbar wäre. Hätten die ersten Anreger des zionistischen Gedankens das Judentum für ein ethnisches Material gehalten, das sehr wohl in andern Völkern aufgehen kann, dann hätten sie kein psychologisches Sprungbrett zu einem Gedanken und einer Hoffnung auf Ausbau und Wiedergeburt des jüdischen Volkes in einer eigenen Heimstätte. Dazu *) Dieser Artikel ist seit Anfangs März im Besitz der Redaktion. Wir bringen ihn deshalb so spät zum Abdruck, da wir ihn für den geeignetsten hielten, die Reihe der Erwiderungen auf den Artikel des Herrn Dr. Oppenheimer in Nr. 7 der „Welt" abzuschließen. Wir hoffen, in nicht allzulanger Zeit das Schlußwort des Herrn ür- Oppenheimer veröffentlichen zu können. Die Redaktion. war lebendiges Volksbewußtsein unbedingte Voraussetzung, das dunkle, halbschläfrige und halbromantische Stammesgefühl konnte hierzu unmöglich ausreichen. Vom Stammesbewußtsein hat man ja sogar in der Johannesstraße in Berlin gesprochen, mit viel Salbung, manchmal sogar mit warmem Gefühl und manchmal, wenn es sehr hoch ging, sogar mit — Stolz. Aus all dem ist aber noch nie ein jüdischer Renaissancegedanke hervorgequollen. Nachdem nun die zionistische Ideologie seit mehr als einem Vierteljahrhundert unverrückbar feststeht, — jene Ideologie, deren erster Satz es ausspricht, daß das Judentum ein lebendiges Volk ist, das nach einem vollen und ganzen nationalen Leben sich sehnt, — wird sie jetzt mit einemmal noch einmal als Frage aufgeworfen und gar umgestürzt? So schmerzlich es berührt, daß die Frage aufgerollt wurde, — nun, da es geschehen ist, muß man sich mit ihr befassen und sie zionistisch beantworten, und das umso mehr, als tatsächlich die Gefahr droht, daß zwar nicht die überzeugende Kraft der Argumente, aber doch die persönliche Autorität Oppenheimers in den Reihen unseres jüngern Anhanges Verwirrung anrichten könnte. * * * Man liest den Aufsatz Oppenheimers und traut seinen Augen nicht. Immer wieder schaut man zurück nach dem Namen des Verfassers, — Dr. Franz Oppenheimer! Dieser scharfe Denker, dieser disziplinierte Kopf, und er bewegt sich hier auf seinem ureigensten Gebiete, auf einem Gebiete, in dem er geradezu ein führender Geist ist. Ist es möglich, daß dieser Denker auf dem Gebiete, in dem er sozusagen zu Hause ist, nicht imstande war, grundverschiedene Begriffe ordentlich auseinander zu halten? Und doch ist es Tatsache, daß er auseinanderliegende Begriffe — mindestens drei: Staat, Volk und Kultur — heillos zusammengewürfelt hat. Was er vom Volke sagt, das paßt voll und ganz auf die Staatszugehörigkeit; was er aber von der Kultur aussagt, das paßt weder auf das Volk noch auf den Staat, sondern bezieht sich vielmehr auf eine höhere Menscheneinheit, die mit An- und Eingeborenheiten überhaupt nicht das mindeste zu tun hat. 1*

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