Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316438--53578-3346932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 32 DIE^ELT 787 Aber im allgemeinen hatte er hier kaum mehr Erfolg als später, wo er von der katholischen Kirche das seinen Eltern gewaltsam geraubte Kind Edgar Mortara zurückforderte. Auch in andern Ländern, wo die Juden nach dem Rechte der Barbarei behandelt wurden und noch werden, in Rumänien und Marokko, bemühte sich Montefiore bei Fürsten und Landesherren, das Los seiner Brüder zu erleichtern. Alle diese Mühen ertrug er gern und willig um seines Stammes willen, dem er mit der glühendsten Liebe anhing. Aus seiner innigen Liebe zu seiner Nation entsprang die gleiche Anhänglichkeit an das Land, in dem die glorreiche Geschichte der Hebräer sich abgespielt und dem sie in allem Elend und aller Not, in der grausamsten Unterdrückung und den blutigsten Verfolgungen ungemindert treu geblieben waren. Im Jahre 1827 konnte er zum erstenmal der Sehnsucht folgen, die ihn und seine Gemahlin nach dem Lande Israel als Gast führte. Die mit dem Khedive Muhammed 'Ali hierbei geschlossene nähere Bekanntschaft diente ihm bei seiner zweiten Reise im Jahre 1838 bereits dazu, von diesem eine öffentlich-rechtliche Konzession für die Gründung einiger Hundert jüdischer Landsiedlungen im alten Stammlande Israels zu erreichen. Nicht die Schuld Montefiores war üs, daß auf dieser Grundlage nicht weiter gearbeitet wurde. Die blutigen Ereignisse im Orient ließen damals keine solche friedliche Entwicklung für das schwächste der schwachen Völker zu. Als er bald darauf zum dritten Wale nach dem Orient eilte, um für die Damaskener luden einzutreten, gegen die man eine Verfolgung auf Grund der Blutlüge inszeniert hatte, führte er mit Cremieux aisammen diese Sache zum erwünschten Ziele, vergaß iber nicht, auch für sein Lebensziel tätig zu sein, das ausschließlich der Wiedererweckung seines Volkes im alten Heimatlande galt. Auch diesmal wieder versuchte er für den Ackerbau und die Erwerbstätigkeit der palästinischen Juden zu werben und zu wirken. Wie er für die russischen Juden die eigentliche Hilfe allein in der planmäßigen Auswanderung nach Palästina erblickte, so sah er für die orientalischen Juden das Heil in ihrer Oberführung zum ländlichen und Handwerksberuf in den Dörfern des heiligen Landes. Der erste jüdische Wassergarten (Bujära) im Lande Israel verdankt ihm ebenso seine Entstehung, wie er die erste hebräische Druckerei in Jerusalem begründete. Siebenmal suchte er das Land Israel auf, und jedesmal wirkte er für das Wohl des Stammes, dem-er angehörte, und für die Vorbereitung seiner Wiederherstellung im eigenen Lande. Als die Königin von England ihn zum Baronet ernannte und ihm gestattete, ein Wappen zu führen, setzte er in dieses die Zeder vom Libanon und das Wort n&ffw. Nicht aus allgemeiner Menschenliebe, die Montefiore keineswegs fremd war, sondern aus jüdischem bewußten Nationalismus heraus widmete er der jüdischen Palästinaarbeit sein Leben, mit dem festen Ziele, daß diese kleinen Anfänge einst zu dem Fundamente einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk als kleine Bausteine gehören sollten. Es ist ja kein Zufall, daß die beiden ersten großen bewußten Nationaljuden der Neuzeit aus den Nachkommen jener selbstbewußten spanischen Juden hervorgingen, die zugleich mit dem reichen jüdischen Wissen ihr reiches jüdisches Gewissen mitnahmen, als sie den spanischen Landen für immer den Rücken kehren mußten. Mordechai Manuel Noah, der in Amerika auf breiter rechtlicher Grundlage einen Judenstaat gründen wollte und die Juden aller Länder zur Mitarbeit aufrief, und Moses Montefiore, der Im heiligen Lande die ersten zarten Keime für ein neues jüdisches Werden bewußt legte, waren nicht allein begeisterte Nationaljuden, sie waren vielmehr hierin ganz die Erben jenes jüdischen Selbstbewußtseins, das die hochkultivierten sephardischen Juden während des ganzen Mittelalters als adelig erscheinen ließ. Sie selbst bewiesen ihren Adel, indem sie dieises von den Vätern überkommene Nationalbewußtsein erwarben, um für ihr Volk einen ewigen Besitz daraus erwachsen zu lassen. Die erste zionistische Weltorganisation, die noch klein war, aber bereits den Grund zur jetzigen großen, die Juden der Welt umspannenden Partei in sich schloß, führte mit Recht den Namen Montefioreverband. Und als die Vereine der Zionsfreunde in Kattowitz zu jener denkwürdigen Konferenz zusammentraten, die die Selbstemanzipation des jüdischen Volkes durch Kolonisation Palästinas erarbeiten wollte, da war der hundertjährige Greis glücklich, daß Männer und Organisationen seine Lebensarbeit aufnehmen und fortführen sollten. Als wichtigsten Einzelbeschluß faßte daher die Kattowitzer Konferenz die Resolution, daß einlnstitut gegründet werde, das den Namen führt: Montefiorestiftung twd n-Dio zur Förderung des Ackerbaues unter den Juden und zur Unterstützung der jüdischen Kolonisten im Lande Israel. Der hundertjährige Greis sah seine Mahnungen von Erfolg gekrönt, die er als Neunzigjähriger von der Rückkehr von seiner siebenten Palästinareise aus eindringlich wiederholt hatte, Land zu erwerben für die Juden in Jerusalem, Hebron, Safed und Tiberias, deren Tausende gewillt sein würden, sich mit freudiger Bereitschaft dem Ackerbau zu widmen auf dem Boden der Väter, in dem Lande der jüdischen Zukunft. Moses Montefiore war nicht bloß einer von uns. Er war viel mehr. Denn er war einer unserer Allerersten, einer unserer Vorläufer, einer der großen Bahnbrecher des Zionismus. Er sah in der planmäßigen Arbeit des Volkes Israel im Lande Israel, ebenso wie in der Erhaltung und dem Ausbau der hebräischen Kultur, die feste Grundlage für das Erwachen des Volkes, für das Erwachsen seiner Freiheit und Selbständigkeit. Mit unbeugsamer Energie hielt er an diesem beglückenden Glauben fest, bis der Tod den mehr als hundertjährigen Greis dem Volke entriß, das er mit der ganzen Glut seiner Seele innig geliebt hatte. An uns ist es, sein Andenken zu ehren. Nicht durch ein Denkmal von Erz oder Stein, nicht durch Marmortafeln oder Inschriften, sondern durch die Fortführung des Werkes, das ihm als das höchste Lebensziel seiner selbst und seines Volkes erschienen war. Ein Volk ehrt sich ja selbst, wenn es seine großen Toten ehrt, aber auch nur, wenn es sie in ihrem eigenen Sinne und Geiste ehrt. So gibt es denn keine Ehrung für Moses Montefiore, die nicht aufs innigste und unzerstörbar mit dem Lande Israel, als der neuen Heimat für das israelitische Volk, verknüpft ist. Aber jeder Baustein, den wir in seinem Namen und in seinem Geiste für den Neubau unseres Volkes auf dem alten Bauplatz zusammentragen und planmäßig aufrichten, ist ein Stück Denkmal für den großen Toten, den wir ehren wollen. Wenn wir so sein Werk fortsetzen, ist er uns nicht tot, sondern lebt in uns, mit uns, für uns. So wollen wir bei der 25. Wiederkehr seines Todestages eine große Landspende widmen^ die den Namen