Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316438--53561-3346915- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
OCR text
770 DIE^ELT No. 32 ZUM NEUNTEN AB Von Julius Löwy Das ist ein Tag, der — wie nur wenige im Jahr, — die jüdische Geschichte am ausdrucksvollsten zeigt. Man nennt den 9. Ab, — und im rasenden Lauf stürmen die Jahrhunderte reichster, blutigster Geschichte vorbei, voll unnennbaren Schreckens. Auch heuer vollziehen sich gerade um diese Zeit wieder einmal Judenaustreibungen in Rußland. 418 Jahre zurück: In den spanischen Häfen gehen 300000 Juden an Bord, von der Inquisition, der Vollstreckerin römischens Willens, aus dem Land gewiesen. Vor weiteren vierzehn und ein Viertel Jahrhundert drängen im grauenden Morgen römische Legionäre in die Straßen um den Tempel, gehen droben vor dem brennenden Nationalheiligtum die letzten Juden in den Tod, zertritt der dröhnende Marschschritt der Cohorten das jüdische Reich. Und blicken wir noch 700 Jahre rückwärts: .Die babylonische Flut schlägt am 9. des Monats Ab über dem verhaßten Juda zusammen. Fürwahr: dieser Tag zwingt zur Rückschau. Denn er ist unsere Geschichte. Kein ander lebendes Volk trägt solchen Tag in seinem Kalender. Auch in der Vergangenheit anderer Nationen gibt es Trauertage. Als diese die Sonne sah, da schien es, als wäre für das Volk die letzte Stunde gekommen. Man denke an den Tag von Sedan, an die Kaiserproklamation im Schlosse zu Versailles. Man denke an den Tag von Jena. Aber diesen Völkern ist die Erinnerung an solche Tage ein Stahlbad. Sie blieben aufrecht, erholten sich, wurden größer. Auf dem Schlachtfeld von Jena bereiteten sich die Freiheitskriege vor, ward, unerkennbar den Zeitgenossen, aber deutlicher sichtbar den Nachkommen, der Grund zur deutschen Einheit gelegt. Und an jenem Januartage des Jahres 1871 wrard die stolze freie Republik geboren, die strahlend aus den Trümmern des dritten Kaiserreiches emporwuchs. Noch andere Tage kennt die Geschichte, an denen Völker zermalmt wurden. Aber die Goten, die der schlaue Narses am Vesuv erdrosselte, die Vandalen, die Beiisar auf den Trümmern von Karthago zerschmetterte, Roderichs Heer, das Tarik in Xeres de la Frontera vernichtete, — das waren alles Teile eines großen' starken Volkes, die geopfert wurden und werden mußten, damit der Mutterstamm sich ungestört in Mitteleuropa konzentrierte, unbekümmert um solche Verluste. Die Schlacht auf den katalaunischen Feldern, die König Etzels Macht brach, war die von Aetius vollzogene Justifizierung einer Reiterhorde, deren Leben nur Zerstören war, deren Auslöschen keine Lücke hinterließ. Eine Welle, die spurlos an weit entferntem Strand verlief, weil sie sich zu weit vom Meer verirrt hatte. Und daheim blieben, wie die Avaren, die Magyaren, wie Tamerlan lehrte, noch genug. Aber einen Tag wie diesen 9. Ab hat kein Volk als das jüdische zu beweinen. So oft er kam, sah er Not. Und an dem 9. Ab des Jahres 70 ging ein ganzes Volk, sowreit es noch lebte, unter das kaudinische Joch, mußte es der Heimat den Rücken kehren. Die Sonne der Freiheit ging für immer unter. * * * Der Zusammenstoß zwischen der riesigen Militärmacht Rom und dem kleinen semitischen Volk zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer führte zu der restlosen Vernichtung der jüdischen Unabhängigkeit. Er war aber auch zugleich das Ende des Kampfes um das Mittelmeer und darum eine Folge der römischen Staatskunst. Noch heute gilt das Wort Napoleons: Wer das Mittelmeer hat, beherrscht Europa. Dem Mittelmeer zu strebten die deutschen Kaiser im Mittelalter; dem Mittelmeer, nicht allein der Erlangung Jerusalems galten die Kreuzzüge. BeiNavarino wurde das Schicksal des osmanischen Reiches endgültig entschieden und Napoleons Grenadiere zogen von Kairo bis Akkon. Dann nahm England Gibraltar, Ägypten und Malta, Frankreich setzte sich in Tünis fest, Italien, Österreich ringen um die Vorherrschaft in der Adria. Die Kretafrage ist ein Ausfluß der Eifersucht der Mächte, die einander nicht den Besitz dieses wichtigen Stützpunktes gönnen und deshalb die Entscheidung über sein Geschick verzögern. Was heute gilt, wußte auch Rom. Die Quiriten mußten das A^littelmeer besitzen, mußten jederzeit nach Afrika, nach Asien freie Bahn haben, mußten die Küsten in sicherem Besitz wissen. Schon einmal, ehe noch der Kampf gegen Juda begann, hatte Rom seine Kräfte mit einem Feind messen müssen, der ihm die Herrschaft im Mittelmeer streitig machte. Es war ein semitischer Stamm, der sich an der afrikanischen Küste festgesetzt, dort ein blühendes Reich geschaffen hatte, und, da Überbevölkerung eingetreten war, nach dem Besitz des Mittelmeeres streben mußte. In Sagunt, auf spanischem Boden begann das Ringen. Hannibal trug den Krieg und den Schrecken bis vor die Tore Roms. Auf Leben und Tod ging das Spiel, bis anno 146 Scipio den Pflug über die Stätte, auf der Karthago gestanden hatte, führte. Zwei Jahrhunderte später fiel Jerusalem. Das Mittelmeer war römisch. Und in diesem Augenblick hub die jüdische Wanderung an. * * * An jedem Tage, den die jüdische Gemeinschaft feiert, sucht sie nach einer Lehre, nach einer Bedeutung des Tages für künftige Zeiten. Dieser 9. Ab gibt keine Lehre. Denn wir denken, wenn der Tag sich jährt, nicht an zertretene Hoffnungen; nur an den Verlust der Heimat. Nichts auf der Welt ist ärger für eine Nation, als Haus und Herd verlassen müssen. Aber Pflichten bringt uns dieser Tag. Uns, die wir unser Volk lieben und es wieder glücklich sehen wollen. Der Boden, der durch jüdisches Blut geheiligt ist, soll durch jüdische Arbeit wieder Frucht tragen wie ehedem. Wir haben die Pflicht, jüdisches Leben dort zu wecken, wo das jüdische Reich gestürzt ist. Eine Heimat dem Volke wieder zu werben, das, seit es am Grab der Mutter Rahel vorbeizog, friedlos, freudlos in fremden Landen leben mußte, bis das Sehnen nach Zion wieder seine Seele ergriff. „Die von Bet El sandten Scharezer und Regem Melech und seine Leute, den Herrn zu befragen, zu befragen die Priester, die im Hause des Herrn Zebaot sind, und die Propheten: Soll ich weiter trauern im fünften Monat in Enthaltsamkeit, so wie ich es getan so viele Jahre? ... So spricht der Herr Zebaot: . . . Die Fasten des fünften Monats werden nunmehr dem