Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 16-17 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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gearbeitet und gelernt und wenn unsere Opposition anstatt große Reden zu halten und anstatt einen Kampf gegen die Leitung zu führen, positives leisten wird, Zionisten werben und sich mit allen unsern Institutionen beschäftigen wird, dann wird sie die Leitung ohne Kampf bekommen, wenn sie sie nur dann übernehmen will. Und deswegen sage ich, es ist nicht gut, daß dieser Kampf fortgesetzt werde. Es ist gefragt worden, ob wir durch die Umwälzung in der Türkei und durch die Einführung der Konstitution in diesem Staate uns besser stehen oder nicht Das ist nach meiner Ansicht eine müßige Frage. Selbstverständlich steht es jetzt für unsere Aussichten und unsere praktische Arbeit in Palästina bedeutend besser als wie jemals zuvor. In der Türkei soll jetzt Freiheit herrschen. Es ist nicht mehr die alte Wirtschaft, sondern Freiheit und tileichheit für alle. Es ist selbsverständlich, daß man unter solchen Umständen viel eher etwas in Palästina unternehmen kann als früher. Aber mit dem Ausrufen der Konstitution ist noch nicht die Freiheit und auch noch nicht die Gleichheit und Ordnung da. Es kann nicht über Nacht das gut gemacht werden, was Jahrhunderte früher verdorben haben. Das türkische Volk und die türkische Regierung haben jetzt sehr, viel zu arbeiten. Es wird noch sehr lange dauern, bis sie das erreicht haben, was andere Völker schon lange besitzen. Nur eines scheint absolut sicher zu sein, daß die Türkei jetzt die Freiheit behalten wird, und daß die Ordnung, die diesem Staat zu wünschen ist, ganz bestimmt kommen wird. Die Gesetze müssen dort geändert werden und es müssen Verhältnisse geschaffen wrerden, die es der Türkei ermöglichen, ihre Kiäfte zu entfalten. Von dem Augenblick an, wo das türkische Volk daran gehen wird, bei sich selbst Ordnung zu schaffen, wird es einsehen müssen, daß es uns Juden sehr gut gebrauchen kann. Die türkische Regierung wird sich überzeugen, daß sie keine bessern Einwanderer haben kann als die Juden. Und das, meine Damen und Herren, müssen wir vor der ganzen Welt bekennen, daß das jüdische Volk noch keine bessern Freunde gehabt als das türkische Volk. Man braucht das nich4 erst durch viele Reden zu beweisen, die Tatsachen zeigen es. Es gibt kein Land, wo Juden gelebt haben und nicht verfolgt worden sind. Nur ein einziges, und das ist die Türkei. Inder Türkei hat noch nie ein Jude gelitten, weil er Jude war, und ich glaube, die Türkei wird auch keine bessern Freunde haben, wie uns Juden. Wir Juden haben die Eigenschaft daß wir überall, wo wir uns eingelebt haben, die besten Bürger des Landes werden. Wir sind manchmal amerikanischer als der Amerikaner, deutscher als die Deutschen. Ich bin überzeugt, daß, wenn wir in Palästina sind, wir bessere Ottomanen sein werden, wie die Ottomanen selbst und deswegen muß die Türkei zu dem Schluß kommen, daß sie die Einwanderung von Juden gerne annehmen wird. Sie möchte schon heute die Einwanderung gerne sehen, nur will sie eine zerstreute Einwanderung, aber Dr. Nordau hat es auf dem letzten Kongreß schon klar ausgedrückt, daß es nicht unsere Sache sei, die Juden unter den gleichen Bedingungen von dem einen Lande in das andere zu verpflanzen. Unser Ziel ist auf dem Boden unserer Väter eine Heimstätte zu finden. Jetzt ist die Möglichkeit für uns gegeben, in Palästina intensiv zu arbeiten, um dem türkischen Volk und der türkischen Regierung zu zeigen, was wir leisten können, und ich glaube, dies wird das beste politische Mittel sein, um die Türkei von unserm guten Willen und dem, was wir leisten können, zu überzeugen. Wir wollen jetzt mit aller Kraft in Palästina arbeiten. Aber mit dem Willen allein ist es nicht getan, wir müssen vor allem auch die Mittel haben, und wir werden die Mittel erst dann bekommen, wenn wir die große Masse und auch die wohlhabenden Juden auf unserer Seite haben. Erst dann wird es möglich sein, großes in Palästina zu leisten. Das soll darum der erste Punkt unseres Programms sein, die großen jüdischen Massen zu werben und zu gewinnen, und dann auch die Juden in der Türkei, in Palästina selbst, damit diese auch mitarbeiten. Der zweite Punkt, muß sein, die großen jüdischen Organisationen für die praktische Arbeit in Palästina zu gewinnen. Bis jetzt haben die großen jüdischen'Organisationen beha uptet, daß wir Zionisten nur Reden halten, daß wir aber nichts Praktisches leisten. Wir wollen jetzt sehen, ob die jüdischen Organisationen mit uns arbeiten. Wir werden uns anstrengen, mit ihnen Hand in Hand zu arbeiten, wie wir es bereits ih einzelnen Fällen getan haben und wir sind überzeugt, daß auch dielca und die AUiance Israelit^ Universelle zu der Überzeugung kommen werden daß sie an der zionistischen Organisation die besten und tüchtigsten Mitarbeiter haben. Wir wollen ferner unsere eigene Organisation ausgestalten, es fehlt noch vieles bei uns Wir müssen unsere Finanzinstitutionen entwickeln, sorgen, daß unsere Banken noch größere Kapitalien an sich ziehen und auch jetzt mehr in Palästina arbeiten. Kurzum, wir müssen größeres mit unseren Finanzinstitutionen leisten und schließlich in Palästina selbst kolonisieren und Ackerbau, Industrie und Handel fördern, kurzum alles, was nötig ist, um die Vorbereitungen für das große Ziel zu treffen, das wir uns gesteckt haben. Meine Damen und Herren, wenn Sie nur von der Leitung selbst erwarten, daß sie das alles macht, dann werden Sie noch lange warten müssen. Sie selbst müssen mitarbeiten, dann bin ich sicher, daß wir noch Großes erleben werden „birnhero bejomenu." (Stürmischer Beifall, Hüte- und Tücherschwenken. Der Applaus dauert minutenlang fort, Die Versammlung erhebt sich.) Herr S. B. Rubinstein brachte sodann das Dankesvotum für den Vorsitzenden Sir Montefiore ein, welches nach einer Befürwortung durch Rev. Qoldbloom von der Versammlung einstimmig angenommen wurde. Der Vorsitzende dankte in kurzen Worten, worauf die Versammlung geschlossen wurde. Die Teilnehmer stimmten die Hatikwah an. Die Versammlung endete unter stürmischer Begeisterung. * * ♦ Samstag, den 16. a. M. abends 8 Uhr, fand in den Räumen von Armfields Hotel, London die erste Versammlung des neugegründeten Hebrew-Klub statt. Der Klub wurde vor kurzem gegründet und bezweckt die Pflege der hebräischen Sprache. Sein Vorsitzender ist Herr L. B. Rubin stein. Bei der ersten Sitzung waren u. A. anwesend: Herr David Wolffsöhn, Achad Haam, Dr. Melamed, Dr. Weizmann, J. L. Greenberg, Dr. Salkind usw. Es fanden Vorträge hebräischer Dichtungen statt und es wurden verschiedene hebräische Lieder gesungen. Nach Beendigung des Massen-Meetings am Sonntag, fand in der Zionshall Fulbourne Str., London E. C. zu Ehren des Präsidenten David Wolff söhn eine Reception der London Eastend Zionist Association statt. Das dem Verein gehörende Lokal war festlich mit Blumen und Dekorationen geschmückt. Im Laufe des Abends wurden verschiedene Toaste gehalten, von denen die Ansprache von Herrn Horn, welcher in hebräischer und englischer Sprache als Ältester der Versammlung auf die Gesundheit von Herrn und Frau Wolffsohn toastierte, hervorzuheben ist. Sodann sprach Herr Dr. Charles Dreyfus, Präsident der englischen zionistischen 'Federation, Manchester übr den Erfolg des Zionismus in England, und das Mitglied des E. A. C, Herr J. Kann, über die Fortschritte der zionistischen Institutionen. Herr Dr. Melamed toastete auf die Damen, Herr Ingenieur Leopold Kessler sprach über den Nationalfonds, Herr Rubinstein über die hebräische Sprache und Herr Co wen über die Verwaltung des Vereins und die Presse. Herrn und Frau Wolffsohn wurden hübsche Blumenspenden überreicht. Nach Absingen der Hatikwah wurde gegen 7*8 Uhr die Rezeption beendet. Um 8 Uhr fand unter Anwesenheit von Herrn und Frau David Wolffsohn in Little Alie Str., London E. C. die Eröffnungssitzung der neugegründeten David Wolffsohn Benefit-Society statt. Herr und Frau Wolffsohn wurden von dem Vorsitzenden des Vereins, Herrn Ginsburg, festlich empfangen. Derselbe wies auf den guten Zufall hin, daß Herr Wolffsohn persönlich bei der Eröffnung dieses Vereins, der seinen Namen trägt, anwesend sei. Herr Wolffsohn hielt die Eröffnungsrede, in der er die Hoffnung aussprach, daß dem Verein eine günstige Entwicklung beschieden sein möge. Er habe sich gern damit einverstanden erklärt, daß man dem Verein seinen Namen gäbe, da er sehr gut wisse, daß gute Zionisten an dessen Spitze stehen und daß der Verein därum auch für unsere Bewegung vieles und gutes leisten werde. Herr Wolffsohn wurde zum Ehrenpräsidenten des Vereins ernannt, welche Wahl er dankend annahm.