Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 15 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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No. 15 DIE3KEELT 341 Wahlrecht in Rischon le Zion Rischon le Zion, 30. März. Seit zwei Jahren erstreben die hier wohnenden Arbeiter das aktive und passive Wahlrecht, das bis jetzt nur dm Grund und Boden besitzenden Einwohnern gewährt wurde. In letzter Zeit hat der neue Waad, zum Teil unter dem Einfluß des Oberrabbiners K'uk in Jaffa, beschlossen, den Wunsch der Arbeiter zu erfüllen. Nunmehr hat jedermann, der 2 Jahre in der Kolonie wohnt, das volle Wahlrecht, Purim in Palästina Weit mehr als im Golus> hängt man in Erez-lsrael an den nationalen Festen, die man ihrem ganzen Inhalte nach auszukosten bemüht ist. Am Purim sorgt man daher eifrig dafür, daß Humor, Witz und Lustigkeit zu ihrem Rechte kommen. Nicht weniger als 5 Witzblätter sind an diesem Tage in Jerusalem und in Jaffa erschienen. Der in Palästina besonders stark entwickelte kritische Geist kam hierbei in der politischen Satire natürlicherweise ganz besonders zur Geltung. Auch Feste mit dramatischen Aufführungen, Tanz, Maskerade usw. wurden überall veranstaltet, nicht alle mit gleichem Erfolge. So zeichnete, sich das Purimfest, das der „Hapoel Hazair" in Jaffa veranstaltete, im Gegensatz zur Feier des vorigen Jahres, durch große Unordnung und Mangel an Geschmack aus. Einweihung jemenitischer Häuser in Rischon le Zion Rischon, den 30. März. Am vorletzten. Sabbath wurden hier die"neuen zwei jemenitischen Häuser eingeweiht. Zu der Feier haben sich mehrere Kolonisten und fast alle Arbeiter eingefunden. Die beiden Häuser, die Wohnungen für sechs Familien enthalten, wurden ausschließlich von den Beiträgen der Kolonisten, die durch die Herren Lubmann und Schmolitschansky gemäß der Aufstellung des Waads der Kolonie erhoben wurden, erbaut. Außerdem haben sich in der Kolonie die Kolonisten Abramowitsch und Pinie um die Beschaffung von Kleidungsstücken für die Jemeniten verdient gemacht. Verfolgung der Jaffaer Missetäter Jaffa, März. 28. Das Strafverfahren gegen die Mörder Benzion Levys hat einen regulären Fortgang genommen. Der Jaffaer Untersuchungsrichter hat bereits die Akten, auf Grund deren die Anklage sich gegen 20 Personen richtet, an das Kriminalgericht in Beyruth weitergegeben. Mehrere Polizeibeamte, die von einem Verschulden in dieser Angelegenheit nicht freizusprechen waren, sind ihres Amtes enthoben. Auch der Kaimakam wurde zufolge der Vorstellung des französischen Konsuls von Jaffa versetzt. Sterbefälle In Paris starb vorige Woche im Alter von 72 Jahren der berühmte französische Dirigent Edouard Colonne, Begründer und Leiter der nach ihm benannten Konzerte im Chätelet-Theater zu Paris. Er war insbesondere um die Aufführung Berliozscher und Wagnerscher Werke verdient und machte mit seinem Orchester auch .glänzende Kunstreisen nach Deutschland und Österreich. Edouard Colonne entstammte einer jüdischen Familie in Bordeaux. Unser Gesinnungsgenosse, Herr Dr. Egon Zweig in Wien, Obmann der österreichischen Nationalfondskommission, ist von einem herben Schicksalsschlag betroffen worden. Am 6. d. M. ist. sein Vater, der Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde Olmütz, Jierr kais. Rat Sigmund Zweig, nach langem, schwerem Leiden im 65. Lebensjahre verschieden. Eine jüdische chirurgische Klinik Aus München meldet man uns: Am 14. April tritt hier die konstituierende Versammlung des Vereins „Schwesterheim" zusammen, um definitiv die Gründung einer jüdischen chirurgischen Klinik zu beschließen. Die Vorbereitungen sind bereits alle getroffen. Das Haus Hermann-Schmidt- Straße 5 wird zum genannten Zweck umgebaut und das. jüdische Schwesterheim hinein verlegt. Die Verwaltung des Hauses bleibt in den Händen der jüdischen Schwestern und eines ärztlichen Beirates. Die Kosten werden außer aus den Mitteln des Vereins „Jüdisches Schwesterheim" mittels Subvention der U. O. B. B.-Loge und durch Ausgabe einer 4°/o Anleihe gedeckt. Abg. Dr. Mahler — Offizier der Acad£mie Fran£aise Aus Wien wird uns gemeldet: Dem Abgeordneten Dozenten Dr. Artur Mahler, Mitglied des Jüdischen Klubs, ist eine seltene Auszeichnung widerfahren. Dr. Mahler, der jüngst in den Mitteilungen der Pariser „Acad6mie" eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten veröffentlichte und ein in englischer Sprache verfaßtes Buch über die Sammlungen des Louvre herausgab, wurde zum Offizier der Academie Francaise ernannt. Ein jüdischer Dozent an der Lemberger Universität Der bekannte jüdische Gelehrte Dr. Moses Schon* ist zum Privatdozenten für semitische Philologie und Geschichte des alten Orients an der Lemberger Universität ernannt worden. Dr. Schonwirkte bisher als Religionslehrer am Lemberger Gymnasium und Lehrerseminar. Von seinen Schriften sind zu erwähnen: „Die babylonische und althebräische Kultur", ferner einige Abhandlungen zur Geschichte der Juden in Polen4, so die Monographien „Die Juden in Przemysl", „Die Organisation der Juden in Polen" u. a. Ordensbrüder als Hetzapostei Ein empörender Vorfall, der sich am 18. März in Usznia (Bezirk Zloczow) zugetragen hat, beweist, wie berechtigt noch die Furcht der jüdischen Landbevölkerung in Galizien vor dem Herannahen der christlichen österhige ist, die nur noch allzuoft zu den abscheulichsten Ausschreitungen Anlaß geben. Einige Tage vor Ostern kamen in den genannten Ort, ein größeres galizisches Dorf mit ca. 100 jüdischen Seelen, drei Kapuzinerbrüder in Begleitung mehrerer Geistlichen, um den dortigen Bauern, die seit jeher mit ihren jüdischen Nachbarn im besten Einvernehmen lebten, — christliche Nächstenliebe zu predigen. Während der 3 Tage ihres Aufenthaltes waren ausschließlich die Juden das Objekt ihrer Hetzreden. Gegen die jüdischen Läden wurde der Boykott proklamiert und den Bauern deren Betreten unter Eid untersagt. Kurz darauf wurde als praktische Folge der Predigten ein Laden von einem Nichtjuden eröffnet. Das Ereignis wurde in der Nacht des 18. März mit dem Einschlagen der Fensterscheiben in den jüdischen Häusern gefeiert. Der Getreidehändler Abraham Zeisil und dessen Frau wurden auf das gröblichste mißhandelt, das Häuschen eines armen Juden namens Uscher Lindner wurde vollständig demoliert. Begreiflicherweise herscht seitdem unter den Juden des Dorfes eine unbeschreibliche Panik. Die Erregung ist um so größer, als ihnen durch den mit größter Strenge durchgeführten Boykott der völlige wirtschaftliche Ruin droht. Und das alles infolge der geistlichen Erbauung von Priestern der Nächstenliebe......... Jüdische Internationale Konferenz gegen den Mädchenhandel Die Jüdische Internationale Konferenz zur Unterdrückung des Mädchenhandels fand diese Woche in London statt unter den Auspizien der Jewish Association for the Protection of Girls and Women. Die Konferenz wurde in der Musikhalle Bechsteiri Hall abgehalten und dauerte zwei Tage. Eine ansehnliche Zahl von Delegierten aus der Provinz und den verschiedensten Ländern Europas und Amerikas nahm an der Konferenz teil, die in Englisch, Deutsch und Französisch geführt wurde. Professor Sylvain Levy als Vertreter der, Alliance Israelite Universelle präsidierte. Der Chief Rabbi eröffnete die Sitzung mit einem eigens zur Konferenz verfaßten Gebete, und Mr. Gl. G. Montefiore und Lady Battersea und die Gräfin Desart begrüßten die Versammelten. Die Diskussion war lebhaft. Besonders beteiligten sich an derselben Baron Alexander Günzburg (St. Petersburg), Dr. Maretzki (Berlin), Miß Sadie American (Amerika), Dr. Blau und Frl. B. Pappenheim (Frankfurt a. M.), Mr. J. Z an g will, A, R. Moro und Dr. M. Gast er (London j,t Dr. A. K am in ka (Wien). Die verschiedenen Uisachen dieses Übels, unter welchem jüdische Frauen besonders leiden und an dem leider auch Juden schuld haben, wurden gründlich behandelt und verschiedene Mittel vorgeschlagen, um diesem schändlichen Handel ein Ende zu machen. Lord Rothschild gab in seinem Hause einen Empfang zu Ehren der Gäste. Am Mittwoch wurde im Trocadero Restaurant ein Diner veranstaltet, bei welchem Mr. Claude Montefiore als Präsident und der Chief Rabbi und Mr. Herbert Samuel, der neue Minister für das Post- und Telegraphenwesen, die Hauptredner waren. Letzterer versprach die Sympathie und Mithilfe der Regierung an den Aufgaben der Konferenz.