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Die Welt · 1910-04-08 · 14 (8.4.1910) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
14 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 14 NEBELT 317 Aus Palästina Zwei jüdische Richter In Beirut und in Jerusalem sind in den letzten Tagen zwei Juden als Richter am Tribunal L Instanz ernannt worden. Beide haben vor kurzem die juridische Fakultät in Konstantinopel absolviert. Die Mehrzahl der Richter vom alten Regime haben keinen regelrechten Studiengang durchgemacht. Jetzt ist die Regierung bestrebt, die Zahl der qualifizierten Richter zu vermehren. Beide jüdischen Richter (Sephardim) verstehen gut die hebräische Sprache. Jüdisches Hotel in Haifa Haifa, 18. März. Seit langem wurde in unserer Stadt das Fehlen eines jüdischen dem europäischen Geschmack entsprechenden Hotels, sehr vermißt. Diesem Bedürfnis ist jetzt durch das eben von Herrn Epstein eröffnete Hotel abgeholfen worden. Rezitationsabend Rischon Ie Zion, 18. März. Herr Schriftsteller York-Steiner, der mit seiner Gemahlin einige Tage in unserer Kolonie verweilte, hat im hiesigen Beth-Am einige seiner Novellen vorgelesen. Der Vortrag versammelte ein großes Publikum. Bestrafung schuldiger Missetäter Wir haben seinerzeit über den barbarischen Racheakt, den die Verwandten des von einem hiesigen Sefardi getöteten Arabers an dem Sefardi ausgeübt haben, berichtet. Inzwischen sind fünf Mitglieder der Sackali (der Familie des getöteten Arabers) und ein Gendarm, der ebenfalls der Teilnahme an diesem Vorfall angeklagt wird, bereits verhaftet worden. Außerdem ist gegen einige Polizeibeamte, die sich einer strafbaren Nachlässigkeit schuldig gemacht haben sollen, ein administratives Verfahren eingeleitet worden. Dr. Paul Nathan in Palästina Jaffa, 18. März. Herr Dr. Paul Nathan, Vorsitzender des „Hilfsvereins der deutschen Juden", ist heute hier eingetroffen. Er begibt sich nächstens nach Jerusalem und Haifa, wo der Bau des Technikums nun bald in Angriff genommen werden soll. Einstellung des „Hazwi" Der „Hazwi" hat infolge von Unstimmigkeiten zwischen Ben-Jehuda und dem Herausgeber, Herrn Feingold, sein Erscheinen eingestellt. Anstatt des „Hazwi" redigiert jetzt Ben-Jehuda den „Haor", der ebenfalls täglich erscheint. Herausgeber ist Herr Scherisli. Luigi Luzzatti — Ministerpräsident von Italien Zum erstenmal in der neuzeitlichen Geschichte bekleidet ein Jude das Amt des Premierministers einer Großmacht. Signor Luigi Luzzatti wurde mit der Bildung eines neuen Kabinetts an Stelle des abtretenden Kabinetts Sonnino betraut, in welchem er das Portefeuille des Ackerbauministers inne hatte. In der neuen Regierung hat Luzzatti außer dem Präsidium auch das Ministerium des Innern übernommen. Luigi Luzzatti wurde im Jahre 1841 als Sproß einer alten Venezianer jüdischen Familie geboren. Er studierte die Rechte und wurde schon mit 26 Jahren Professor des Staatsrechts an der Universität Padua. Im Jahre 1871 wurde er zum erstenmal in die Kammer gewählt. Ende der siebziger Jahre wurde er zum Staatssekretär im Ackerbau- und Handelsministerium ernannt. Viermal bekleidete er das Amt eines Finanzministers: 1891 und 1896-unter Rudini, 1901 unter Z anardelli und 1906 unter Sonnino, dessen Nachfolger er jetzt geworden ist. Um die Sanierung der italienischen Finanzen hat sich Luzzatti unvergängliche Verdienste erworben, insbesondere bei Gelegenheit der Konversion der italienischen Rente. Nach der glücklichen Durchführung dieser großartigen Finanzoperation war Luzzatti Gegenstand rauschender Ovationen in der Kammer und empfing tausende Glückwunschdepeschen aus allen Teilen des Landes. Der neue italienische Ministerpräsident genießt den Ruf eines hervorragenden Nationalökonomen und Soziologen und hat eine fruchtbare literarischwirtschaftliche Tätigkeit auf volkswirtschaftlichem Gebiete entfaltet. Er befürwortete als einer der ersten die Errichtung großer Aktienbanken. Zur Zeit der großen internationalen Finanzkrise im Jahre 1907 schrieb Luzzatti einen viel beachteten Artikel in der „Neuen Freien Presse4', in dem er der Einberufung einer internationalen Finanzkonferenz nach dem Muster der Haager Friedenskonferenz das Wort redete. Seit dem Jahre 1900 ist Luzzatti Professor des Staatsrechts an der Universität Rom. Er ist ferner Mitglied des Institut de France und anderer gelehrter Gesellschaften. Als Redner hat er sich nicht besonders hervorgetan, doch fanden seine Reden in der Kammer infolge ihrer wertvollen Durchdringung der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Fragen mit tiefem wissenschaftlichem Gehalt gleichwohl stets lebhaftes Interesse. Luigi Luzzatti hat sich wiederholt mit Stolz als Jude bekannt. Als ein sozialistisches Blatt ihn im vorigen Jahre als , Juden Luigi Luzzatti" verächtlich zu machen suchte, schrieb er der Zeitung einen sehr geharnischten Brief, in dem er die Zugehörigkeit zum Judentum als einen Ruhmestitel bezeichnete und sich in scharfen Worten gegen diejenigen Juden wandte, die es unangenehm empfinden, wenn sie an ihre Abstammung erinnert werden. Jubelfeier der Alliance Israelite Universelle Am 4. und 5. Mai d. J. wird die Alliance Israelite Universelle die fünfzigste Jahreswende ihrer Gründung festlich begehen. Aus diesem Anlaß sollen in Paris große Feierlichkeiten stattfinden, zu denen Vertreter der Gemeinden und jüdischen Vereinigungen aller Länder, in denen die Alliance tätig ist, eingeladen worden sind. In der Synagoge der Rue de la Victoire wird ein Festgottesdienst stattfinden, worauf die Mitglieder der Alliance sich zu einer Festsitzung versammeln werden. Ein Gartenfest in den Anlagen des Lehrerseminars der Alliance wird die Reihe der Festlichkeiten beschließen. Auch ist die Herausgabe einer Festschrift geplant, die u. a. die Geschichte der Alliance sowie ein Verzeichnis der Gründer, Präsidenten und geschäftsführenden Ausschüsse seit dem Jahre 1860 enthalten soll. Ein Arbeitsamt für jüdische Akademiker Aus Berlin wird uns geschrieben: Auf die Initiative des Bundes Jüdischer Korporationen ist durch eine Anzahl im jüdischen Leben Deutschlands prominenter Persönlichkeiten ein Arbeitsamt für jüdische Akademiker als ein gemeinnütziger Verein gegründet worden. Das neue Amt dient der Vermittlung von vorübergehenden Beschäftigungen und dauernden Stellungen für jüdische Akademiker und erstreckt seine Tätigkeit durch Mitwirkung von Vertrauensleuten an allen wichtigen Plätzen über ganz Deutschland. Auf diese Weise und durch Sammlung und Sichtung des Materials soll es den schweren sozialen Schäden entgegenwirken, die die abnorme wirtschaftliche Lage der deutschen Juden, bedingt durch die gegenwärtige Zwangslage und historische Faktoren, in der Überfüllung der akademischen Berufe einerseits, wie auch der scharfe Boykott, der in immer wachsendem Maße jüdischen Stellenbewerbern gegenüber geübt wird, anderseits hervorgerufen haben. Das Bureau des „Arbeitsamtes für jüdische Akademiker" befindet sich in Berlin, An der Spandauer Brücke 151. More judaico Aus Bukarest meldet man uns: Die Frage der Eidesleistung more judaico wird nunmehr in absehbarer Zeit zum endgiltigen Austrag kommen. Die Frage unterliegt jetzt dem Kassationshofe, der in einer Sitzung seiner sämtlichen vereinigten Senate darüber entscheiden wird. Die Entscheidung wäre schon diese Woche gefallen, wenn nicht die Rabbiner Niemirower und Taubes, die Beklagten in dieser Angelegenheit, eine nochmalige kurze Vertagung gewünscht hätten, um ihr Material zu vervollkommnen. Allgemeine Immigranten=Organisation Aus New-York wird uns geschrieben: Mr. Louis Hammerling, der Begründer der bekannten. „Foreign Language Newspapers Association", fordert zur Gründung einer allgemeinen Organisation der Einwanderer auf, die zum Zwecke der gegenseitigen Hilfeleistung und der Verteidigung der Interessen aller Einwanderer in Amerika dient. Die jüdischen Zeitungen stehen dem Plane der Gründung dieser Organisation, die den Namen „Liberty Immigration Society" führen soll, sympathisch gegenüber und treten dafür ein, daß die Juden sich rechtzeitig ihren Anteil an der neuen Organisation sichern.

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