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Die Welt · 1910-02-25 · 8 (25.2.1910) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 8 --. ' -- DIE^ELT ' 173 Der Streit zwischen Ost und West ist ebenso bedauerlich, wie es im höchsten Interesse aller Beteiligten liegt, ihn zu einem klaren Austrag zu bringen. Es ist ein bequemes Mittel, ihn auf persönliche Motive zurückzuführen, den unseligen Riß, der sich zwischen Ost und West geöffnet hat, der sich immer mehr erweitert, durch schablonenhafte Parteischlagworte erklären zu wollen. Es ist heute schon so weit gekommen, daß das Östjudentum, noch immer vom Pulsschlag des nationalen Judentums belebt, im Westen nicht nur ausgeschaltet, sondern nicht einmal mehr verstanden wird. Diesen gefährlichen Prozeß, der unsere Organisation und unsere Sache aufs schwerste bedroht, wollen wir aufzuhalten suchen. Durch Wort und Tat die Gemeinschaft aufzubauen, soll unsere vornehmste Aufgabe sein. II. Die Palästinaarbeit bildet den Kern unserer politischen und praktischen Tätigkeit. Sie ist Voraussetzung und wesentliche Unterlage unserer Politik, die ohne sie erfolglos bleiben muß. Die Palästinaarbeit ist in großzügiger Weise zu führen, alle finanziellen und sonstigen Machtmittel der Organisation sind ihr in größtmöglichem Umfange zur Verfügung zu stellen. Damit ist scheinbar nur eine Wahrheit ausgesprochen, die man bereits für programmatisches Gemeingut der Gesamtorganisation halten könnte. Aber nur scheinbar. Es genügt eben nicht, ja, es liegt eine große Gefahr darin, daß diese Wahrheit mit Worten jetzt allgemein zugegeben wird. Die entweder mit geänderten taktischen Verhältnissen begründete oder mit allerhand politischen Vorbehalten verklausulierte, ja auch die vorbehaltlose Proklamierung dieser natürlichen Forderung ist wertlos, wenn nicht die treibende Kraft zu fühlen ist, wenn nicht die Tat folgt. Eben dieser Mangel an Impuls, an Plan und Aktivität, dieses nur gezwungene, unfreudige Begleiten der paar Unternehmungen des Palästinaressorts ist es, was die Zionisten, was insbesondere die Palästinenser trotz aller Worte schmerzlich fühlen. Durch die Tat soll bewiesen werden, daß man in Palästina in gemeinsamem Wirken aller dortigen Faktoren vorwärtsschreitet. III. Wir benötigen eine reale, moderne Politik. Real, indem sie die diplomatische Aktion auf die tatsächlichen moralischen und materiellen Grundlagen unserer Organisation stellt. Modern, indem sie sich auf die wirklichen Machtfaktoren der konstitutionellen Türkei, auf die Zustimmung und Mithilfe der türkischen Völker stützt. Unsere Politik ist keine Geheimwissenschaft, bedeutet nicht Hofgängerei. Sie lautet: Stärkung unserer türkischen Positionen, unermüdliche, tiefeindringende Aufklärung von türkischen Juden und Nicht Juden, von Volk und Regierungen. Ihr Gewinn wird sich aus rastloser Arbeit vieler, nicht aus der Geschicklichkeit eines einzelnen Unterhändlers ergeben. IV. Es ist eine selbstverständliche Forderung jeder organisierten Körperschaft, daß ihre Hauptfunktionen von ihrer Leitung erfüllt werden können. Die zionistische Organisation muß vor allem volkstümlich sein, und so war sie auch gedacht. Die eigentliche Leitung gehört dem Großen Aktionskomitee, das Engere Aktionskomitee ist nur der geschäftsführende Ausschuß des Großen A. C. Diese leitenden Gesichtspunkte müssen wieder zur Geltung kommen. Die rückständige, alle Initiative und Aktivität tüchtiger und alterprobter Zionisten verletzende Bevormundung, die allmählich in Alleinherrschaft ausartet, ist eine Mißbildung, die nicht den Notwendigkeiten und Lebensbedürfnissen einer modernen nationalen Bewegung entspricht, — und sie entspricht nicht einmal, ja sie widerspricht unsern Statuten. Diese Mißbildung ist es, die das persönliche Element in die Bewegung trägt, die alle Parteibegriffe verwirrt. Loyalität gegen die Idee wird verkehrt in Loyalität gegen Personen, * Rücksichten für die Organisation werden in Opportunitätsrücksichten für die Führung verwandelt. Wir verwerfen diesen verderblichen Personenkultus, wir verwerfen den Streit gegen Personen. Was wir erstreben, ist die Verwirklichung des organisatorisch-volkstümlichen Gedankens in der Leitung unserer Bewegung. Diese Forderung bedeutet für uns geradezu eine Lebensfrage. Wir sind daher für die Verlegung des Zentrums nach einem Orte, der vielen Kräften die Möglichkeit zur Mitarbeit gibt, so daß auf der Grundlage kollegialen Zusammenarbeitens alle Tätigkeitsgebiete entsprechend versorgt werden. Wir bitten alle, die sich mit uns in den hier ausgesprochenen Grundtendenzen eins wissen, sich uns anzuschließen und uns ihre Zustimmung mitzuteilen. * * Indem wir den uns zugesandten Aufruf veröffentlichen, möchten wir an ihn gleich heute einige Bemerkungen knüpfen. Wir haben nichts anderes erwartet, und es ist auch selbstverständlich, daß dieselben Herren, deren Versuch, auf dem Kongreß in Hamburg die bisherige Leitung zu stürzen, an ihrer Unfähigkeit scheiterte, nunmehr neue Wege und Mittel suchen, eine Änderung der Organisation mit mehr Aussicht auf Erfolg vorzubereiten. Wir fürchten aber, daß der von den Unterzeichnern des Aufrufs beschrittene Weg nicht der richtige ist. Der Verlauf des Kongresses hat erwiesen, daß mit unfruchtbarer Polemik allein nichts Fruchtbares geschaffen werden kann. Der Aufruf verfällt aber in den gleichen Fehler, den die Opposition auf dem Kongresse beging. Statt auf Tatsachen aufzubauen, statt die bisherigen positiven Leistungen der Leitung anzuerkennen und auf der Grundlage dieser den Weg zu weiterer fruchtbringender Tätigkeit zu weisen, geht dieser Aufruf von der durchaus unwahren Voraussetzung aus, daß die jetzige Führung überhaupt keine Arbeit leiste oder geleistet hat. Der Aufruf zeigt ferner, daß die Führung dieser neuen „Fraktion" innerhalb der Bewegung in keiner Weise auf der Höhe der Situation steht; denn wenn es ihr mit der Schaffung einer zweckmäßigen Neuorganisation ernst wäre, so wäre sie auf dem Kongreß selbst in die sachliche Beratung der von der Leitung vorgeschlagenen und längst vorher zur öffentlichen Diskussion publizierten Neuorganisation eingetreten. Sie hat diesen Entwurf aber weder beraten noch bekämpft, sondern hat die ganze Zeit des Kongresses mit einem Kampf gegen die Leitung verzettelt, um zum Schlüsse deutlich zu zeigen, daß sie nicht imstande sei, an die Stelle der bisherigen Männer in der Leitung bessere zu setzen. Der Aufruf stellt sich als nichts anderes dar, denn als eine Fortsetzung dieser verfehlten Taktik. Er scheint uns darum auch durchaus nicht geeignet, der Bewegung neue und nützliche Impulse zu geben und fruchtbringende Resultate zu zeitigen. Er scheint auch kaum geeignet, heute „angesichts einer so bedeutsamen, wie folgenschweren Veränderung der äußern Umstände, in einem vom Standpunkt unserer Bewegung vielleicht historisch zu nennenden Momente alle zionistischen Kräfte zusammenzuschließen". Denn die Hinaussendung eines solchen Aufrufes kann nur eine Trennung, eine Zersplitterung der zionistischen Kräfte zur Folge haben. Deutschland Köln: Morgen, den 26. Februar, wird hier Professor Dr. Franz Oppenheimer-Berlin über „Bodenreform in Alt- und Neu-Israel" sprechen. Der bekannte Soziologe und Vorkämpfei derSiedelungsgenossenschaft wird dieses Thema zum erstenmalinKöln öffentlich behandeln. Dieser Umstand dürfte wohl, im Hinblick «.audie modernen jüdischen Kolonisationsbestrebungen, bei der jüdischen Bevölkerung durch die Persönlichkeit des Vortragenden und du Aktualität des Themas das lebhafteste Interesse wachrufen. Besonders seien die Gesinnungsgenossen in Rheinland und Westfalen auf den Vortrag aufmerksam gemacht, der um 9 Uhr abends im großen Saal der Rheinlandloge (Cäcilienstraße 18—22) beginnt. Der Abend wird von der Zionistischen Vereinigung Köln veranstaltet. Leipzig. In der am 13. Februar stattgefundenen Versammlung der Schekelzahler erstattete unser Delegierter, Herr Dr. med. R. Cham izer-Leipzig, seinen Bericht über den IX. Kongreß. Er schilderte uns verschiedene Kongreßtypen und führte uns dort die Debatten, Verhandlungen und erregten Szenen vor, die uns während der Tagung des Kongresses so sehr bewegten. Erfreulich war es

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