Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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langer Zeit sah ich vor mir wiederum hier so ein Stück Leben, so einen Block Wirklichkeit. Allerdings einen kleinen, gewiß, einen noch unbehauenen. Aber er ist da. Er ist tastbar, fühlbar, greifbar, ja sogar käuflich. Er muß nicht konstruiert, bewiesen, dialektisch herausgehauen werden. Die heilige Einfalt der Gewordenheit S Was lag mir denn daran, ob dieser Teppich, den die Jemeniter- Juden im „Bezalel" machen, schön ist? Was liegt daran, daß die Filigransachen noch unbeholfen sind? Gehe ich denn in eine Kunstausstellung? Ich gehe in eine Ausstellung palästinensischer Arbeit, jüdischer Arbeit, meiner Arbeit. Jawohl, meiner. Es kommt Ihnen seltsam vor? Aber in diesen Teppichen, in diesen Spitzen ist auch meine Arbeit eingewebt und eingeflochten, ein Atom von mir, meine Worte, mein Sinnen, mein Wollen, das sich hier kristallisierte. Meiner und Ihrer und unser aller, die nur einmal, und wenn auch nur für einen Augenblick, diese Zukunft wollten. Wir haben gesprochen und geträumt, und aus den Worten sind Taten geworden. Ich begreife die Begeisterung der reinen Palästinenser. Jeder Baum in Palästina, jede Hecke ist ihnen teuer. Weil es endlich einmal das Hinausgehen des Juden über das rein Subjektive, über das Reden und Wollen ist. Endlich einmal. Wh haben solange nur geträumt und nie gearbeitet. Unsere Arbeit war nie von einem Zweck getragen, sie war nicht durch eine Idee mit unserm ganzen Wesen verflochten. Glauben Sie, man wirft uns ganz ohne Grund ökonomisches Parasitentum vor? Unsere Arbeit war und ist unproduktiv, weil nicht mit unsern Gesamtzielen verbunden, weil isoliert, und darum etwas Abstraktes, Fremdes. Wir können eben nicht den Zusammenhang herstellen zwischen Ethos und Ptysis. Wir nicht, — aber die „da unten", dort in Palästina, die sind des Zweckes voll. Welch eine Wonne muß es sein, nur für einen Augenblick sich als zweckdienlich zu empfinden! Ja, lieber Freund, ich hätte Ihnen mein ganzes Reich der Träume für diesen Genuß überlassen......... Und ferner. Hier sind Möglichkeiten. Ich sehe sie. Ich taste sie beinahe. Man spricht bei uns so viel von jüdischer Kultur, jüdischer Kunst. Sie wissen ja, ich habe oft in dieser Richtung gesündigt. Und wir konnten uns nie, — verzeihen Sie. daß ich auch Sie mit hineinbeziehe, während ich eigentlich nur mich meine, — eigentlich recht klar werden, was denn diese jüdische Kunst sei. Der alte Meister Israels sagte mir einmal, als wir in seinem stillen, sonnigen Atelier im Haag an einem wunderschönen Sonimernachmittag saßen: „Man fragte mich einmal, ob ich ein jüdischer Maler sei. Aber nein, ich bin ein Jude, aber ein holländischer Maler! Ich male gerne Juden, aber Rembrandt hat es auch getan!" Und der alte Meister hatte recht. Warum soll man ihn einen jüdischen Maler nennen, ihn, der Hollands Sonne in seine Bilder zauberte, ihn, der Hollands Kinder in ihrer tiefsten Innerlichkeit gezeichnet hat? Oder, warum ist Antokolsky ein jüdischer Bildhauer, Lewitan oder Liebermann jüdische Künstler? Oder gar ein Pissaro? Man kann ja darüber schöne und tiefsinnige Worte sprechen. Aber wo ist die Grenze zwischen der Wahrheit und der Phrase? Und darauf kommt es mir an. Mein Glaube wurde im selben Augenblick erschüttert, als das Gespenst der Phrase vor mir auftauchte. Vielleicht habe ich unrecht. Andere mögen wirklich die „Spuren des Messias" bereits jetzt sehen, das Wehen des „jüdischen Geistes" wahrnehmen. Ich kann es nicht. Für mich ist es nicht Wirklichkeit. Sehen Sie, hier, in diesem Bezalel, beginnt ein jüdisches Schaffen. Ich weiß, verziehen Sie nur keine Miene, das ist noch keine Kunst. Aber hier ist konzentriertes Wollen. Wissen Sie, wie die italienische Kunst entstanden ist? Lesen Sie Nasari. Er wird Ihnen erzählen, daß die alten florentinischen Künstler noch „artefici" waren, gewissermaßen Handwerker. Benvenuto Cellini war ein „Kunstarbeiter". Bis sich die Kultur differenziert hat und die Künstler kamen. Die Persönlichkeiten. Das Große der Renaissancekultur war ja, daß sich die genialen Persönlichkeiten mit dem Milieu zu einem harmonischen Ganzen verschmolzen. Deshalb ist auch diese Kultur so dauerhaft, so fruchtbar geworden. Ja, wenn ... Ich möchte träumen. Ich möchte glauben, glauben, daß in dem weißen, orientalischen Hause in Jerusalem* und in all den andern Stätten jüdischer Arbeit in Palästina wirkliches Leben geschaffen werde, eine neue, vielleicht ungeahnte Zukunft. Wer weiß? . . . Dr. Agon: Sie sind ja ganz enthusiastisch. Begeisterter als ich. Sie, der Zweifler! Dr. Noon: Dem Tätigen ist seine Tat ein Objekt, — dem Sinnenden ein Rätsel und ein Ziel. Verstehen Sie denn nicht? Gerade mein Zweifeln reißt mich zur Liebe hin, — Liebe zur Arbeit, zur Wirklichkeit, zur Entfaltung, zur Wahrheit. Überall, wo sie nur ist. Und weil ich hier Echtes sehe, Streben, das Tat wurde, möchte ich die segnenden Verse Bialiks, — den „Volkssegen", sagen, die wunderschönen, starken und metallenen Verse. Kennen Sie sie? Doch nein, lassen wir das. Es .wird schon beinahe sentimental. Sentimentalität aber ist mir ein Greuel. Also für dieses Mal genug. Adieu, lieber Freund...... (Geht eilig weg.) Dr. A. Corainik. Kunstgewerbeverein Bezalel in Prag Prag: Sonntag, den 6. Februar war Professor Schatz zum zweitenmal in Prag und nahm dort an der konstituierenden Generalversammlung des „Kunstgewerbevereins Bezalel in Prag" teil. Der Eindruck der ins jüdische Rathaus einberufenen Versammlung war ein sehr schöner. Herr Advokat Dr. jur. Theodor Weltsch eröffnete und leitete. Er begrüßte im Namen der Anwesenden Professor Schatz, er dankte dem rührigen Proponentenkomitee für die geleistete tüchtige Vorarbeit und gab der festen Hoffnung Ausdruck, daß in dem versöhnenden Zeichen von Arbeit und Kunst sich alle Richtungen der böhmischen und Prager Judenschaft für die Förderung des Bezalel zusammenfinden werden, nicht nur der arbeitenden palästinensischen Judenschaft zum Heil, sondern auch dem gesamten Judentum — auch in Böhmen — zum Ruhme und zur Ehre. Er machte auch die Mitteilung, daß die Repräsentanz der Prager Kultusgemeinde mit einem Beitrag von 200 Kr. dem Verein als Mitglied beigetreten, ihre Sympathien zum Ausdruck bringe und schriftlich ihre durch eine gleichzeitige Sitzung verursachte Abwesenheit entschuldige. Für das Proponentenkomitee sprach hierauf Herr Dozent Dr. L Pollak. Er begründete, warum die Proponenten den Verein „Bezalel in Prag" für notwendig gehalten hätten, warum sie überzeugt gewesen seien, daß heute auch viele nichtzionistische Kreise sich ganz lebhaft für eine Schöpfung wie den „Bezalel" in Jerusalem tatkräftig interessieren. In der ganzen Welt sind wir Juden — im Leiden — passiv solidarisch: sollte es da keine aktive Solidarität geben dürfen? Allerdings habe der Prager Zweigverein eine große und schwierige Aufgabe vor sich, größer schon deshalb, weil das Verständnis für jüdische Kunst und jüdisches Kunstgewerbe auf vielen Seiten erst zu wecken sei. Aber man werde den Wert von Bestrebungen einsehen, die uns Juden eine eigene Kunst zu schaffen imstande sind — ganz abgesehen von allen materiellen und sozialen Erfolgen, eine Kunst, in der wir nicht geduldet, sondern in Wahrheit zu Hause sein können. Dann nahm Professor Boris Schatz, mit Jubel begrüßt, selbst das Wort und referierte über den Bezalel, seine Ziele, seine Arbeitsmethode, seine bisherigen Erfolge, die Sympathien, die das Judentum aller Länder dem Bezalel entgegen bringe, er sprach über die Aussichten, die aus dem Bezalel für die Erweckung und Förderung einer'wirklich jüdischen einheitlichen Kunst erwachsen, und er übermittelte zum Schluß den Pragern den Dank seiner Schule und seiner Schüler. In einmütiger Freude über das Gehörte und Getane ging die Versammlung zur formellen Tagesordnung über, die Statuten wurden auf Antrag des Herrn Direktors Brod en bloc genehmigt, die Abfassung einer Geschäftsordnung dem Ausschuß überwiesen, auf Antrag des Herrn Advokaten Dr. jur. Emil Margulies ein Minimalmitgliedsbeitrag von 5 Kr. festgesetzt, während mit einem Mitgliedsbeitrag von 10 Kr. der Anspruch auf Erzeugnisse des Jerusalemer Bezalel verbunden sein werde. Hierauf wurde die vom Proponentenkomitee vorgeschlagene Ausschußliste einhellig angenommen. Hierauf schloß Herr Dr. Weltsch die 1 Generalversammlung. Der Prager Verein kann sehr viel leisten. Die Empfänglichkeit für die Ideale, die Professor Schatz so erfolgreich in Wirklichkeit umzusetzen weiß, ist in Prag und in Böhmen vorhanden. Das hat die Bezalelausstellung bewiesen. Die Männer, die sich im Ausschuß des „Bezalel" gefunden haben, verdienen das Vertrauen, das man ihnen entgegenbringt. Und alle, denen das Judentum etwas Teueres und Lebendiges ist, werden ihre Arbeit freudig fördern. —