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Die Welt · 1909-12-31 · 53 (31.12.1909) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Beilage zur Kongreßausgabe Nr. 6 der „Welt" Der IX. Zionistenkongreß (Telepbonischer Spezialbericht) Fünfter Verhandlungstag Donnerstag den 30. Dezember 1909 Fortsetzung der Vormittagssitzutig*) Moise Cohen (Jaffa) stellt folgenden Antrag: „Die palästinensische Landsmannschaft wünscht, berechtigte Beschwerden gegen die Tätigkeit der A. R C. vorzubringen und ersucht»zu diesem Zwecke um Bildung eines Ausschusses, bestehend aus dem E. A.C. und drei Mitgliedern des Kongresses." Wolffsohn: Ich betrachte es als selbstverständlich, daß Sie einen derartigen Antrag nicht annehmen werden. Berechtigte Beschwerden gegen die A. P. C.! Die Herren haben bereits das Urteil, daß ihre Beschwerden gerechtfertigt sind. (Hört, hört.) Sie sollen ihre Beschwerden anbringen bei den Instanzen, die der Kongreß bereits dafür eingesetzt hat (Sehr wahr!) Wir haben einen Aufsichtsrat, ein Direktorium. Wenn Sie die Beschwerden hier beim Kongreß vorbringen, dann hätte ich andere Beschwerden vorzubringen gegen Leute, die in Palästina der A. P. C. das Leben sauer machen. Gehen Sie zu den Direktoren und bringen Sie tatsächliches Material vor. Der Kongreß darf das Mißtrauen nicht aussprechen, das in dem Antrag liegt. (Sehr wahr!) Wir wollen uns unsere Arbeit nicht zerstören lassen. Lehnen Sie den Antrag ab. (Lebhafter Beifall.) Vorsitzender Dr. Bodenheimer: Mir wird eine Erklärung von Scheinkin übermittelt, die palästinensische Landsmannschaft wünsche es nicht. Also scheint eine Differenz bei der palästinensischen Landsmannschaft selbst zu bestehen. (Hört, hört!) Der Antrag ist unterschrieben und unterstützt von einer Reihe von Delegierten, die zum größten Teil Nichtpalästinenser sind. Es wird gewünscht, daß die Namen verlesen werden. Dies geschieht. Bei der Abstimmung wird dann der [Antrag nahezu einstimmig abgelehnt. Nunmehr kommt der Antrag Simon-Mannheim' zur Verhandlung. Der Antrag lautet:^ „Der Kongreß ist der Ansicht, daß die gegenwärtige geschäftliche Tätigkeit des J. C. T. in Europa außerhalb der Interessensphäre der zionistischen Bewegung liegt. Der Kongreß fordert die allmähliche Liquidation der europäischen Geschäfte des J. C. T. und Überleitung seiner Mittel nach Palästina." Reichsratsabgeordneter Dr. Gabel kritisiert die europäische, Tätigkeit der Bank auf Grund ihrer finanziellen Erfolge, kommt aber gerade zum Schluß, daß der Antrag abgelehnt werden müsse. Ein solches Institut könne nicht außerhalb Europas existieren. Es muß Beziehungen zu andern europäischen Finanzinstituten haben und insbesondere ein Bindeglied zwischen den jüdischen Finanzinstituten sein. Katzenelsohn wendet sich gegen die Ausführungen des Vorredners, soweit sie die geschäftlichen Manipulationen der Bank kritisieren. Ussischkin: Der Antrag Simon ist der wichtigste Antrag. Er fordert, daß die ganze finanzielle Kraft der Jüdischen Kolonialbank nach Palästina gehen soll. Gegen diesen Antrag werden die Herren Direktoren stimmen. Das ist ein Beweis, daß wir den Antrag annehmen müssen. (Unruhe.) Um einen Beschluß zu fassen, der unsere Arbeit in Palästina stärken wird, sollten Sie unbedingt, ohne Kompromiß, ohne Amendement, den Antrag Simon annehmen. Dr. Friedemann: Ich bin damit einverstanden, daß die Gelder, die hier in Europa arbeiten, so weit flüssig gemacht werden sollen, als irgend möglich ist, ohne daß man die europäischen Geschäfte schädigt. Natürlich muß in London genügend Geld bleiben, das die A. P. C. unter Umständen in Anspruch nehmen kann. So weit gehe ich mit Herrn Simon und werde für den *) Da uns über die Vormittags- und einen Teil der Nachmittagssiizung des letzten Verhandlungstages kurz nach Fertigstellung der Nr. 6 noch ausführliche Mitteilungen zugekommen sind, veröffentlichen wir diese nachstehend in einer besondern Beilage. Antrag stimmen. Aber die Begründung des Herrn Ussischkin ist eine so unglaubliche Demagogie (stürmische Zustimmung), wie sie mir noch nicht vorgekommen ist. Was Sie hier tun, tun Sie aus sachlicher Überzeugung, aber nicht, weil die Direktoren der Bank dagegen sind. Wenn man mit solchen Argumenten zu wirken sucht, schafft man sich künstlich eine Gegnerschaft gegen verständige Anträge, die man besser vermeiden sollte. (Lebhafte Zustimmung.) Dr. Katzenelsohn: Ussischkin hat ganz richtig gesagt, daß wir dagegen stimmen werden. Das Direktorium nimmt alle Anträge an, die etwas schaffen, aber nicht diejenigen, die dazu angetan sind, die Arbeit zu zerstören. (Beifall.) Barth-Lemberg ist gegen den Antrag. Die Bank leiste wenig, aber wenn man sie aus Europa hinauschmeißen wolle, würde sie überhaupt nichts leisten. Wolffsohn: Was würde Ussischkin sagen, wenn ich den Kongreß auffordern wollte: Stimmen Sie ohne Nachdenken gegen einen Antrag, wenn Ussischkin dafür eingetreten ist! Ich glaube nicht, daß der Kongreß etwas Derartiges zugeben würde. Das ist eine Disziplinlosigkeit (stürmischer Beifall), die unsere Organisation bald zerstören würde. Was soll da aus der Bewegung werden! Ich ersuche Sie, lehnen Sie den Antrag einstimmig ab. Sie blamieren sich in den Augen aller geschäftskundigen Leute. Ich bin nicht in der Lage, Ihnen das hier auseinanderzusetzen, was das bedeutet, die Liquidation zu beschließen. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Herr Simon meint das auch gar nicht. Er meint nur, daß Sie die Gelder nach Palästina hinbringen sollen. Das haben wir getan, das tun wir weiter. Der Antrag ist überhaupt überflüssig. Bitte, lehnen Sie den Antrag ab. (Lebhafter Beifall.) Ussischkin (wird mit großer Unruhe empfangen): Herr Wolffsohn hat mich mißverstanden. Ich sagte, die Direktoren sind gegen den Antrag, und wir sollen den Antrag annehmen, nicht weil sie gegen den Antrag sind, sondern weil es selbstverständlich ist, daß, wenn der Kongreß seine Meinung ausspricht, die Direktoren sich dann darnach richten werden. Hier ist eine Frage der Disziplin, bei Wolffsohns Ansicht nicht. (Beifall und lebhaftes Zischen.) Kessler: Der Antrag enthält eine schwerwiegende technische Frage. Wenn wir medizinische Fragen verhandeln, dann beraten wir mit Medizinern. Über banktechnische Fragen müssen wir mit Banktechnikern verhandeln. Wir im Kongreß können dochnichtsolchetechnischen Zweckmäßigkeitsfragen mit Ja oder Nein entscheiden. Lehnen Sie den Antrag ab, oder weisen Sie ihn höchstenfalls einer Kommission aus Bankfachleuten zu, die uns Bericht erstatten soll. (Beifall.) Podlischewski: Der Antrag ist gefährlich für unsere Sache. (Hört! Hört!) In Palästina sind Handel und Industrie noch nicht so entwickelt, daß das hineingeflossene Geld so leicht wieder hinauszuziehen ist. Wenn wir das ganze Kapital nach Palästina bringen, wenn wir das ganze Kapital dort verwenden, haben wir keine Reserven mehr. Alle Banken in Europa haben ihre Reserven in der Reichsbank usw. (Sehr richtig!) Wenn eine Krisis kommt, dann kommt die Reichsbank zu Hilfe. Wir haben das nicht, das Kapital in London ist unsere Reserve. Wenn das Geschäft sich entwickeln wird, werden die Direktoren selbst das Geld hinführen. Wir müssen Vertrauen zur Direktion haben und müssen es ihr überlassen. Bentwich spricht für den Antrag. Simon-Mannheim: Gestern wurde die Angelegenheit nüchtern und geschäftsmäßig verhandelt, heute ist ein anderer Ton hineingekommen. Er bedaure,' daß die Worte Ussischkins in der Erregung falsch gedeutet worden sind. Die Mittel sind jetzt doch nicht so liquid, wie es gewünscht werden muß, falls wir sie gebrauchen. Ich will ja nicht jetzt die Bank plötzlich auflösen und die Mittel irgendwie nach Palästina schaffen, sondern ich habe ausdrücklich die geschäftliche Frage aus der Debatte gelassen, in welchem Maß die Liquidation erfolgen soll, in welchem Maß die Gelder nach Palästina kommen sollen. Ich vertraue auf das geschäftliche Empfinden der Direktoren. Ich habe nur gefordert, daß der Kongreß I

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