Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316405--52695-3346452- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 53 DIE^ELT 1247 Kummer, es ist ke.'ne Schande. Wankelmütigkeit ist eine Schande. Mein Ideal ist unverjährbar. Es gestattet jede Hoffnung. Endgültig hoffnungslos aber ist die Selbstaufgabe. Das mußte gesagt werden, für die Türkei, für die Welt, für uns Juden. Ich hatte in den letzten 18 Monaten mitunter die beklemmende Empfindung, daß im Bewußtsein mancher Zionisten der Ausgangs- und Zielpunkt unserer Bewegung verdunkelt werde. Darum rufe ich, so laut ich kann: Zurück zum Baseler Programm! (Beifall.) Vergessen wir nie, daß wir die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk erstreben, nicht für tausend arbeit suchende jüdische Tagelöhner, nicht für hundert stellungsuchende jüdische Intellektuelle; vergessen wir nie, daß wir die Ehre des jüdischen Volkes von allem Schmutz säubern wollen, mit dem zweitausendjähliger Haß sie besudelt hat, und daß erst dieser Vorsatz den großen Zug in unsere Bewegung bringt, die ohne ihn ein schlecht geplantes, mit unzulänglichen Mitteln ins Werk gesetztes, unpraktisches, kleines Kolonisationsunternehmen wäre. Stark durch unsern Gedanken, erhoben durch unsern Zweck, können wir allen Zwischenfällen der wechselnden Tagespolitik gegenüber innerlich ruhig bleiben. Außere Vorgänge können die Pole unseres Wesens nicht verrücken. Will die Türkei uns als aufopfernde Mitarbeiter ihres Gedeihens, so bieten wir uns ihr dazu freudig an. Fordert man aber von uns den Verzicht auf die jüdische Hoffnung und die Assimilation, dann sagt das Judentum: „nein!" (stürmischer Beifall), wie es verlockenderen Kulturen immer „nein!* gesagt hat. (Abermaliger Beifall.) Mag der Kongreß immerhin praktische Arbeit in Palästina beschließen, soweit sie uns derzeit möglich ist. Er wird aber niemals vergessen wollen, daß seine Voraussetzung nationales Judentum ist und daß er Selbstmord begehen würde, wenn er an diesem Grundbegriff seines eigenen Lebensgesetzes zweifeln ließe. (Anhaltender Beifall.) Was ihn geschaffen hat, das ist der Zionismus. In einer Bewegung aber, die nicht nur ihre Mittel, sondern auch ihr Ziel einem Wechsel des türkischen Regierungssystems zuliebe ändern würde, würde ich keinen Zionismus mehr erkennen, sondern Assimilation, türkische Assimilation. Dieser Zionismus wäre nicht länger mein Zionismus! (Minutenlanger, stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Dom 2. Bericht des Verbandes jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina, clor dem Kongreß vorliegt, entnehmen Avir folgendes: Der Verband kann trotz der Kürze seines Bestehens und der verhältnismäßigen Geringfügigkeit seiner Mittel bereits auf <Mne segensreiche Tätigkeit zurückblicken. Wir haben unsere Tätigkeit in Jaffa begonnen, erstens weil unsere Vertrauonsdame in Jaffa wohnt und doshalb dort der Leitung der Arbeiten des Frauenverbandes sich widmen kann, zweitens weil diese Stadt mehr als andere Orte Palästinns dem Kreise auswärtiger Wohltätigkeit entrückt ist, und doch ist Jaffa der Mittelpunkt der jucHiischen Kolonien, der Eintritts!)afen nach Palästina, in dem eine immer größere Zahl neuer Einwanderer, vielfach auch recht unbemittelter, sich sammelt. Eine der größten Sorgen, unter denen die palästinensische Bevölkerung zu leiden hat, sind die hier epidemisch auftretenden Krankheiten des Malariafiebers und der Augen. Diese beiden Krankheiten lassen sich zum Teil mit Erfolg bekämpfen, wenn für Sauberkeit, für hygienische Wohnung und gutes Essen gesorgt wird. Mitunter ist auch die Bevölkerung viel zu arm, um der bereits aufgetretenen Krankheit sich entgegenzustellen und ihre Verbreitung zu verhindern. Diese Erwägungen voranlaßten uns im Juli 1908, die in Dresden und Hamburg ausgebildete Krankenschwester T omp elmann, die außerdem in Jerusalemer Hospitälern clio Krankheiten des Landes kennen zu lernen Gelegenheit liatte, für häusliche KrankonphVge in Jaffa anzustellen. Tm Mittelpunkt der Stadt wurde ein Ambulatorium eingerichtet, in welchem einige Stunden täglich arme Krtuiko behandelt wurden nach Anordnung zweier hiesiger Arzte. Außerdem wurden arme Kranke, die bei sich zu Hause keine Pflege hatten, in ihrer Wohnung besucht. Das Hospital Schaare Zion in Jaffa ist eines der notwendigsten gemeinnützigem Institut«» in Palästina. Nicht nur für die »Stadt Jaffa, sondern auch für die umliegenden judäischen Kolonien ist es der einzige Zufiuohtspunl<t für verlassene Kranke. In erster Linie sind es die jüdischen Arbeiter, welche, wenn sie keine Aufnahme in das Krankenhaus finden, in hohem Fieber in den schmutzigsten Räumen hilflos dazuliegen gezwungen sind. Es war daher von großer Wichtigkeit, in diese Anstalt, die bis dahin nur ungescliultes Personal besaß, eine modern ausgebildete Kraft, wie es Schwester Tempelmann ist, einzuführen. Sie übernahm im Auftrage unseres Verbandes und von uns besoldet das Amt einer leitenden Schwester im Jaffaer Hospital. Außer der Ausgabe für Gehalt der Schwester hat sich der Verband bemüht, zur Ausstattung des Krankenhauses beizutragen. Unsere Jaffaer Freunde waren aueh eifrig bestrebt, an der finanziellen Fundierung des Hospitals ausgiebig zu arbeiten, und in der Tat gelang es, dem Krankenhause nicht unerhebliche Mittel zuzuführen. Die Schaffung von Erwerbsmöglichkeiten für die weibliche Jugend in Palästina gehört zu den wichtigsten Bedingungen der ökonomischen Hebung der palästinensischen Bevölkerung. Auch palästinensische Schulen, insbesondere die vom Odessaer Palästinakomitee unterhaltene Mädchenschule, beschäftigen sich seit langem mit der Frage, in welcher Weise für eine berufliche Ausbildung der Schülerinnen zu sorgen ist. Dieser Mangel zeigto sich insbesondere bei den ersten Versuchen, die auf unsere Veranlassung unternommen wurden, um in Jaffa Mädchen für Gewerbszwecke in Handarbeiten auszubilden. In der .jaffaer Mädchenschule wurde ein geregelter Handarbeitsunterricht eingeführt. Da in Palästina baldige Hilfe not tut, errichteten wir, einer früheren Anregung des Herrn Trietsch folgend, ein Atelier, in welchem Nadelspitzen nach einer nur im Orient bekannten Technik hergestellt werden. Nach Überwindung der ersten Schwierigkeiten begann im Februar dieses Jahres die regelmäßige Arbeit im Atelier. Die Zahl der Schülerinnen vergrößerte sich von Woche zu Woche, bis sie nach kurzer Zeit 25 erreicht hat. Sie entstammen den verschiedenen Schichten der Jaffaer jüdischen Bevölkerung, Sepharclim, Aschkonasiin, Eingeborenen, älteren und neueren Emigranten- Familien, manchen, die eben erst den Fuß auf Palästinas Boden gesetzt haben. Zum Schlüsse erwähnen wir noch, daß, als jenes abscheuliche Gewerbe, welches im benachbarten Ägypten sein Unwesen treibt, auch in Palästina Wurzel zu fassen drohte, wir Vorbereitungen getroff (Mi haben, um zusammen mit einigen zu diesem Zweck gebildeten Komitees in Jaffe uncl_ der Organisation zur Bekämpfung des Mädchenhandels diesem Übel zu steuern. Ein weites Feld liegt noch in Palästina für die Tätigkeit unseres Verbandes offen. Wenn sich weitere Kreise unserer Frauen ihrer Pflichten Palästina gegenüber bewußt werden, wenn sie für unsere Arbeit die notwendige Grundlage schaffen, dann wird der Frauenbund in der Lage sein, bleibende, wahrhafte Kulturarbeit in Palästina zu verrichten. I LECIN I Appetitanregendes Kräftigungsmittel für blutarme Rekonvaleszenten, Wöchnerinnen, Schulkinder. I Asw««4«»U1s>44.n*. für nervöse Blutarme Lecintabletten (auch «>- Kinde.), ==================z i" Apoth. od. franko ab Fabrik g. Einsendg. v. M 1.20: 1 Probeflasche Lecin, für 7Tage ausreichend, „ „ „ „ 2.20: 80 Lecintabletten f. 30-40 Tage ausreichend. Lecinwerk Hannover (Dr. E. Laves). Verlag: „Die Welt, Verlagsges. m. b. H.", Köln. — Verantwortlicher Redakteur: Julius Berger, Köln. Für die Rubrik „Jüdischer Nationalfonds" verantwortlich: Dr. Moritz Zobel, Köln. Druck von Af. DuMont Schauberg, Köln.