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Die Welt · 1909-12-17 · 51 (17.12.1909) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
51 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Stammes Keime zu neuen Entwicklungen in das Judentum, die in ihm unfruchtbar verdorrten, weil sie nicht beachtet oder nicht richtig behandelt wurden. Das aber, was wir als ausgestorben, als entwicklungsunfähig, als schädlich erkannt haben für das höhere Wachstum des Judentums, müssen wir als unerbittliche Feinde beseitigen. Diese Feinde sind nicht die Menschen, die wir achten, wenn sie auch anders denken, sondern die Auswüchse derSklaverei: die Nachahmungssucht, die Gleichmacherei, das Mimikry. Was die moderne Seele von der Seele des Unmodernen, Rückständigen, von der „Seele" des Seelenlosen unterscheidet, ist der Beginn der Entwicklung zu höhern Daseinsformen. Von dem Standpunkt: modern teilt sich die heutige Judenheit in zwei Heereslager: Die Entwicklungsfähigen und die Erstarrten. Es ist leicht zu erkennen, wer zur Vergangenheit und wer von ihnen zur Zukunft gehört. Nur der wirklich Intellektuelle sieht diesen Riß, diesen Wesensunterschied durch alle heutigen Juden ziehen, und erkennt die Seele eines Zukunfts- oder eines Vergangenheitsjuden. Nur im Zukunftsjuden lebt die Volksseele, deren Reich sich erweitern muß. Das Sich-anschmiegen an fremde Kulturen allein vermag es nicht, diese Entwicklung zu ihrem Ziele zu führen. Der Einzelne vermag es auch nicht ohne Massenenthusiasmus, und eine Gesamtheit kann das Fremde nicht schaffen. Während die Einzelnen sich keuchend anstemmen müssen, um von den feindlichen Kräften nicht nach jenem „Asasel" geschleppt zu werden, wohin die Ströme der Überlieferung nicht fließen, während die Einzelnen in beständigem Kampf des Wissens und Willens, des Herzens und der Vernunft, der Liebe und der Selbstsucht sich aufreiben, steht die Volksseele einfach, wahrhaft da, ohne die schwere Rüstung, mit der sich die Einzelnen gegen die feindlichen Dämonen schützen. Was sie tut, ist nicht das Resultat der komplizierten Maschine des Einzelnen, abhängig von tausend fremden Einflüssen, zufällig, wan- * delbar, besiegbar, sondern es ist das unmittelbare Ausströmen der Gesamtheit. Selbstverständlich und doch geheimnisvoll, alltäglich und ewig zugleich, so wie das Blühen der Blumen, das Wehen des Windes, wie die Sonne, die Nacht! Es ist dies mit einem Worte die in der Wissenschaft zur Genüge festgestellte und gekennzeichnete Psychologie der Masse. Jede Versammlung löst Kräfte aus und schaft Gemütswerte, die in dem Einzelnen nicht vorhanden sind, oder richtiger nur in einem latenten Zustande in ihm vorhanden sind. Das ist keine Demonstration; es ist eine ernste und gemeinsame Volksarbeit. Wie sich die Assimilation gegen alles auflehnt, das ein starkes jüdisches Selbstbewußtsein wecken und fördern könnte, so lehnt sie sich auch gegen die Veranstaltung großer jüdischer Versammlungen und großer jüdischer Kundgebungen auf. Aus der richtigen Distanz gesehen, wird unsere Wirksamkeit als vom Geiste der Mäßigung beherrscht erscheinen, jener Mäßigung, die auch im wildesten Getöse des Kampfes nie ganz vergißt, daß aller Streit schließlich um des Friedens willen ausgefochten werden muß. Sie kapituliert noch nicht. Sie räumt den Zionisten noch nicht das Feld. Sagen wir es frei heraus: wir genießen noch nicht das Vertrauen und die günstige Meinung, auf das wir, nach dem was wir für das Judentum getan haben, sollten rechnen können. Hier spielen auch taktische Gründe und Ambitionen eine große Rolle. Man kapituliert nicht gerne. Aber unser Geist dringt auch in die Reihen der Assimilanten ein. Die Assimilanten wissen gar nicht, daß sie anstatt zu schieben, geschoben werde. Sie haben schon mit Bezug auf Landeskongresse Zugeständnisse gemacht, und auch das ist gewissermaßen die Folge des nationalen Geistes, der sich auch außerhalb des Zionismus Geltung verschafft und die Goluthängstlichkeit, wenn auch nur zum Teil, überwindet. Das ist der richtige Kulturfortschritt, der uns den Völkern nicht scheinbar ähnlich, sondern innerlich ebenbürtig macht. In dieser Weise werden uns die Völker, mit denen wir in bestem Einvernehmen bleiben wollen, viel besser verstehen und viel mehr achten können. Die Vorurteile werden verschwinden, und das ehrliche und mutige Auftreten wird am Ende eine ihm gebührende Wertschätzung finden. Für den Sehenden unterliegt dies gar keinem Zweifel. Im Zionismus verlebendigt sich das Judentum immer mehr. Es nähert sich seinen großen Vorbildern der Vergangenheit, |und es wird zugleich immer moderner. Wir, die wir mitten in der Bewegung stehen, und die wir hundertmal mehr wollen, als wir erreicht haben, sind unzufrieden. Und das ist gut. Die Unzufriedenheit wird uns ein Ansporn sein, neue Kräfte zu gewinnen. Aber ein Fortschritt ist doch schon nach der kurzen Spanne Zeit zu verzeichnen, — ein Fortschritt innerhalb und außerhalb des Zionismus. Die Talmudweisen behaupteten, daß wir die Sphärenmusik, die Musik der kreisenden Himmelskörper nur aus dem Grunde nicht hören, weil unser Gehör durch die unablässige Fortdauer dieser Töne so eingeschläfert worden sei, daß wir sie trötz ihrer Stärke aus Gewöhnung nicht mehr vernehmen können. Ebenso gelangen wir gar nicht dazu, unsere Seelen zu „hören", ihre Existenz zu spüren, sie als etwas dem Körper Divergentes zu empfinden, sie als ein besonderes Eigentum zu betrachten, da wir von Geburt an unmerklich daran gewöhnt werden, nicht toten Dingen, sondern lebenden, uns vollkommen gleichenden Menschenseelen zu begegnen. Aus Gewöhnung gelangen wir nicht dazu, unserer eignen Seele bewußt zu werden. Wir lernen unser reiches Kleid und unser wohnliches Haus als unser eigen erkennen, das uns von jenen Bettlern auf der Straße und von jenen Armen, die in Kellern und Mansarden leben, unterscheidet, ebenso wie der Palast und die Prunkwagen der Fürsten diese von uns scheidet. Aber wir lernen es nicht, uns zu wundern, daß der Bettler, der Arme, der Fürst eine Seele haben, die uns blutsverwandt ist. Wir weigern uns, unsere Seelen als Teile der Volksseele zu erkennen. Geistige Erzieher, Propheten kamen und befreiten uns von dem Kinderunglauben an die Volksseele. Unsere Propheten besonders sprachen immer von der Volksseele. Die ganze Thora richtet sich in der zweiten Person, an den Einzelnen, d. h. an das ganze Volk, das im Einzelnen lebt. So sind auch all unsere Gebete — Gebete des Einzelnen, der in sich die Gesamtheit, d. h. die Volksseele fühlt Aber immer wieder wird von Zeit zu Zeit das Gefühl des Juden für die sein nationales Leben erzeugende, es fortwährend mit unhörbarer und unsichtbarer Macht umgebende Volksseele erstickt. Generationen des Skeptizismus und der Assimilation verwüstende gräßliche Orkane und Sündfluten, die geistige Männlichkeit des Juden, sein höchstes Besitztum: die Erkenntnis, daß seine jüdische Seele unverlierbar sei,

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