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Die Welt · 1909-12-10 · 50 (10.12.1909) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
– (sequence 16)
Language
German
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rt 1114 DIE3äK£LT: No. 50 n f'\ *»' iKp' $2{4'f IM* Ä--f- MP ft! 'S *MSS I Hv> m' 'k t'\:f$' die nicht die gleichen Schicksale gehabt haben, kann fü> die Beweisführung auch nicht ausschlaggebend sein, namentlich da man, wenn auf die Armenier hingewiesen wird, wohl sagen kann, daß die Armenier zum Teil von demselben Geschick betroffen worden sind wie die Juden, nämlich seit Jahrhunderten als Fremde unter andern Völkern zu leben. Nun läßt sich aus den Erlebnissen eines Volkes wohl manches zur Begründung seiner Eigenschaften ableiten, wenn auch die Theorie der Assimilationsjuden abzuweisen ist, wonach die Juden von Haus aus Ackerbauer sind und später gewaltsam in den Warenhandel und aus diesem in den Geldhandel hineingetrieben worden seien, der ihnen gewisse Züge aufgeprägt habe. Richtig ist freilich, daß die Juden ein Handelsvolk von Hause aus nicht gewesen sind. In Palästina überließen sie den Handel vorwiegend den Phöniziern, und in der Tat wurde ihnen der Handel im Mittelalter aufgedrängt. Aber schon lange vor der christlichen Zeitrechnung hatten sie eine ausgesprochene Begabung für den Geldverkehr und die Geldleihe. Weit in das Altertum hinein waren sie Verwalter fremder Vermögen, wie z. B. Joseph in Ägypten, und im Talmud sind die Rabbis mit dem Geldwesen so vertraut wie nur je ein Londoner Effektenmakler. Auch die Unstetheit der Juden ist uralt. Man muß also tiefer schürfen, um auf die Ursachen des jüdischen Wesens zu kommen. Der Vortragende stellt nun die Theorie auf, daß die Menschheit in zwei große Teile zerfällt, deren einer durch eine „statistisch-organisch - konkrete" Weltanschauung charakterisiert wird, während sich der andere von einer „dynamisch-mechanisch-abstrakten" Weltanschauung leiten läßt, und daß sich diese beiden Typen zurückführen lassen, auf die beiden großen Grundbeschäftigungen der Menschheit: den Ackerbau und die Viehzucht. Auf der einen Seite ist Stabilität der Weltauffassung vorhanden, die auf dem Grundgedanken beruht, daß der Mensch auf einem bestimmten Platze stehe und auf diesem sein Dasein zu vollenden habe. Nach der andern Auffassung hat jeder sich jederzeit seinen Platz neu zu erobern. Dort, staatlich betrachtet, die Idee der staatlichen Gliederung, hier die Idee der Durchsetzung der individuellen Interessen. In der Scholle wurzelt die Persönlichkeit und alles, was wir Bodenständigkeit nennen, — gegenüber der Heimatlosigkeit des Nomaden. In der Stille der agrikultureilen Tätigkeit verkümmern die intellektuellen Fähigkeiten und entwickeln sich die des Gemüts; der Nomade dagegen steht immer auf dem Qui vive, seine intellektuellen Fähigkeiten wachsen über die des Gemüts hinaus. Die dampfende Scholle und die Wüste, — das sind die beiden Gegensätze. Die letzte Idee des Kapitalismus ist darin gelegen, daß das Nomadentum in den Kampf tritt mit dem Ackerbautum, daß es das Neue gegenüberstellt dem Traditionellen. In der Herde wurde zuerst gezählt, von der Herde stammt die Zahl, die Herdentiere waren das erste Zahlungsmittel. Und ebenso läßt sich eine Menge anderer Beziehungen zwischen Kapitalismus und Nomadentum feststellen. Ein großer Teil der Fähigkeiten der Juden zum Kapitalismus geht auf die Tatsache zurück, daß die Juden als Nomadenvolk in die Geschichte eingetreten sind und in letzter Linie ein Wandervolk bis heute geblieben sind, daß sie der dampfenden Scholle ferngeblieben sind und aus der alten Steppe und Wüste hinübergegangen sind in die neue Wüste: in die moderne Stadt. Von dem Durchzug durch die Wüste an hat das gelobte Land der Juden immer in der Zukunft gelegen. Der Glaube an den „Fortschritt der Menschheit" ist hieraus geboren. Der Grundgedanke Nietzsches „Unser Kinderland, nicht unser Vaterland lieben" ist ein tief jüdischer Gedanke. Es sind aber auch, so fuhr Sombart fort, andere Seiten der historischen Entwicklung der Juden zu betonen. Die eine Quelle ihrer Eigenschaften ist das Zelt, die andere aber das Ghetto. Schlimmer als das topographische Ghetto war das moralische, schlimmer als Unterdrückung, Peinigung und Verfolgung war die Erniedrigung, Verhöhnung und Demütigung, unter der noch der alte Rothschild zu leiden hatte, der den Hut abnehmen mußte, wenn ihn ein Gassenjunge auf der jStraße mit der Aufforderung anredete: „Jud\ mach Mores!" Daraus erklärt sich der vielfach bei den Juden vorkommende Mangel an persönlicher Würde. Bei einer großen Klasse von Juden ist dieser Zug nicht vorhanden. Er fehlt bei den aus Spanien stammenden sephardischen Juden. Auch diese lebten in Ghettos, auch sie wurden verfolgt, aber die Schmach der übrigen europäischen Ghettos haben sie nicht durchgemacht. Möglich, daß man nicht imstande gewesen ist, ihnen diese Schmach aufzuerlegen, weil sie von der herrschenden aristokratischen Klasse Palästinas abstammten und daher höher qualifiziert waren als die andern Juden. Am Schluß des Vortrags knüpft Sombart wiederum an den Beginn an, indem er die Frage aufwirft: wie viel von den jüdischen Eigenschaften ist nun auf Rechnung des Blutes und wie viel auf Rechnung der Tradition zu stellen? Das könnte, so sagte er, nur durch das Experiment erreicht werden. Wenn man jahrzehntelang jährlich 500 neugeborene jüdische Kinder gleich am ersten Tage an christliche Familien verteilt und umgekehrt 500 christliche Kinder an jüdische Familien,,— dann wird man vielleicht mit einiger Gewißheit feststellen können, was im Blute steckt und was nicht. Solange das nicht, geschieht, — so schloß Sombart launig, — hat man Gott sei Dank das tröstliche Bewußtsein, daß es auf unserer satten Erde noch ungelöste Probleme gibt. Eine Lilien -Ausstellung Im städtischen Museum in Braunschweig ist eine Ausstellung von Zeichnungen und Radierungen E. M. Liliens eröffnet worden. Die Ausstellung enthält außer einigen Exlibris, Porträtzeichnungen usw., hauptsächlich die Originalzeichnungen des Buchschmuckes de'r „Lflien:Bib"elu. Vorher war dieselbe Ausstellung in Wien, wo sie von den maßgebenden Blättern überaus freundlich besprochen wurde. Österreich (Von unserm Berichterstatter) Makkabäerfeier der Wiener Zionisten Es war das gewohnte Bild aus der früheren Glanzzeit der Wiener Makkabäerfeiern, die seit dem Tode Herzls nicht abgehalten wurden. Tausende überfüllten den größten Saal Wiens — die Sophiensäle, — viel Beifall und stürmische Zustimmungskundgebungen während der Vorträge und der Festrede. Beim Anblick dieser Tausende von geradezu jugendlicher Begeisterung hingerissener Menschen kommt es einem nur mühevoll zum Bewußtsein, daß die Feier Nationalhelden geweiht ist, die vor mehr als zwanzig Jahrhunderten gekämpft und gesiegt haben. Das Programm der Akademie umfaßte Gesangsvorträge der Opernsängerin Frl. Helene Oberländer und des Hof Opernsängers Herrn Josef Schwarz, die lebhaften Beifall fanden. Die packende und beseelte Sprechkunst der Burgschauspielerin Frl. Lia Rosen riß die tausendköpfige Zuhörerschaft zu tosenden, begeisterten Ovationen hin. Frl. Rosen trug jüdische Gedichte vor und einen Bibelabschnitt ,.Simsons Fall und letzte Rache". Es ist bemerkenswert, daß Bibelrezitationen in Wien eine wachsende kunstsinnige Gemeinde finden. Die Rezitationen der Frau Irene Triesch im Vorjahre sowie der Bibelvortrag Lia Rosens (und Herrn Gregoris) im .Kunstsalon Keller anläßlich der Ausstellung der Lilienschen Bibelillustrationen fanden reichen Beifall. Auch bei der Makkabäerfeier war der Eindruck der schlichten biblischen Erzählung von Frl. Rosen, ergreifend gesprochen, ein überwältigender. Die Festrede, die einer einleitenden Ansprache des Herrn Dr. Pollack folgte, hielt Herr Abg. Dr. Mahl er. Rußland (Von unserm Berichterstatter) Die Konferenz in Kowno Zu den aktuellsten Fragen im Leben der Juden in Rußland gehört im gegenwärtigen Momente zweifellos die Konferenz der jüdischen Vertreter, die in Kowno stattfindet. Im Momente der schrecklichsten Reaktion, wo die feindlichen Kräfte mit außerordentlicher Energie sich gegen unser Volk verschwören, wo wir nicht nur den Glauben an die Besserung unserer Lage in Rußland verloren haben, sondern im Gegenteil noch befürchten, daß man uns sogar unsere „Rechtslosigkeit" wegnimmt, wäre eine alljüdische Konferenz eine höchst wünschenswerte Erscheinung. Man muß sich einigen, die Situation genau prüfen und die Mittel zur Verteidigung finden. Jetzt ist keine Zeit zu Parteizwistigkeiten. Leider hat die Konferenz keinen alljüdischen Charakter, und schon in den Vorbereitungen ließ sich eine gewisse parteiische Richtung verspüren. Ihre Resolutionen werden demnach nur die Ansichten einer gewissen Gruppe der russisch-jüdischen Intelligenz und nicht den Standpunkt des ganzen jüdischen Volkes widerspiegein. An der Konferenz beteiligen sich 109 Delegierte aus 44 Städten, unter ihnen 20 Zionisten, so Dr. Bruck-Witebsk, Katzenelensohn- Libau, Goldberg-Wilna, Rabbiner Freidenberg-Krementschug und andere. Die Konferenz eröffnete einer der Organisatoren, A. B. Wolf, mit einer Begrüßungsrede. Vor der Wahl des Präsidiums erteilte Herr Wolf das Wort dem Vertreter der Kownoer Gemeinde Dr. Feinberg zum Referat über die traurige Lage der jüdischen Gemeinde, In das Präsidium wurden gewählt: Rabbiner Mase-Moskau; Harkay-Moskau; Rabbiner Kantor-Riga; Katzenelensohn-Libau; Brutzkus-Minsk; Leo Brodzki-Kiew; Dr. Feinberg-Kowno; A. B. Wolf-Kowno; Rabbiner Rabinowitz-Kowno; Rechtsanwalt Sliosberg- Petersburg; M. Winawer-Petersburg; D. F. Feinberg-Petersburg.

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