Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Jüdische Sektion in der sozialistischen Internationale Im Oktober vorigen Jahres, anläßlich der Sitzung des Internationalen sozialistischen Bureaus in Brüssel, bei der der „Bund" eine offizielle Zurückweisung der zionistisch-sozialistischen Fraktionen {S.S. und Poale-Zion) zu provozieren suchte, richtete das Wiener Verbandsbureau des Universellen jüdischen sozialistischen Arbeiterverbandes Poale-Zion an die Internationale Arbeiter-Assoziation ein Schreiben, in dem zum erstenmal der konkrete Antrag unterbreitet wurde, innerhalb der proletarischen Internationale eine „jüdische Sektion" zu errichten, der alle sozialistischen Parteien des jüdischen Proletariats anzugehören hätten, die ihren Beitritt zur Internationalen Arbeiter-Assoziation bis nun angemeldet haben. Es sind dies, heißt es im erwähnten Schreiben, der Allgemeine jüdische Arbeiterbund Rußlands, der Allweltiiche jüdische sozhlfstische Arbeiierverband Poale-Zion, die Jüdische sozialistische Arbeiterpartei Rußlands („Serp") und die Zioi islisch-soziatfstische Arbeiterpartei Rußlands (S.-S.). Nun richtete das genannteVerbandsbureau, angesichts derSitzung des Internationalen sozialistischen Bureaus vom 7. November d. J., an dieses ein neuerliches Schreiben, das die interessante Mitteilung enthält, daß Unterhandlungen im Gange sind, um ein Einvernehmen der jüdischen sozialistischen Parteien in dieser Frage zu erzielen und gemeinsame Schritte aller dieser Organisationen herbeizuführen. Aus diesem Grunde bittet das Verbandsbureau das Internationale sozialistische Bureau, vorläufig von einer Beschlußfassung über die Frage der jüdischen Sektion abzusehen, bis das Ergebnis -der eingeleiteten Verhandlungen vorliegen wird. Galizien (Von unserm Berichterstatter) Zionistische Studentenbewegung Es ist eine langher festgesetzte Tatsache, daß die Studentenschaft das beste und edelste, Übergebenste und opferwilligste Kampfmaterial für eine jede neue und große Idee abgibt. Darum geschah es auch, daß es die jüdische, idealistische Studentenjugend war, die sich überall in aller Herren Länder unter das biau-weiße Banner des Zionismus scharte und ihm zu seiner gewaltigen Ausdehnung verhalf. So auch bei uns in Galizien. Die ersten glühendem Vorkämpfer des galizischen Zionismus waren -- mit wenigen Ausnahmen -— Studenten. Anfangs arbeiteten sie einzeln unter den jüdischen Volksmassen, späterhin schlössen sie sich in sehr wenigen Zirkeln in den Hauptstädten zusammen, um auf diese V/eise mit vereinter Energie um so intensiver ihre Arbeit zu verrichten. Und heute gibt es kaum eine größere Stadt in unserm Lande, wo nicht ein zionistischer Studentenverein aufgeschlagen wäre. Abef eines fehlte! Es fehlte jenes äußere zusammenhaltende Band, welches in einer jeden großen, umsichgreifenden Bewegung notwendig ist. Es fehlte jene obere Instanz, die alle einzeln hin- und herziehenden, lose herumarbeitenden Elemente zusammenschließen, zentralisieren und dirigieren soll. Hs fehlte jenes Organ, welches seine Kontrolle über die Tätigkeit der einzelnen Vereine ausdehnen und denselben ein fest organisiertes, einheitliches Programm geben sollte, um dadurch ihre Bedeutung und Stärke erheblich zu vergrößern. Und dem soll jetzt abgeholfen werden. Jetzt, noch rechtzeitig! Denn es drohte schon die Gefahr, daß alle die zionistischen Studentenvereine auf Abwege geraten. Indolenz, Apathie, Gleichgültigkeit — all die Ungeziefer und Gespenster — begannen in diese Institutionen hineinzuschleichen und sich dort breitzumachen. Übertriebener Kritizismus und andere Unholde begannen ihre Wühlarbeit fortzuführen. Alle Betätigungsgebiete der zionistischen Studentenschaft lagen brach dahin, und das wenige, was in den letzten drei Jahren getan wurde, war läppisch und nachlässig, und ließ irgendeine Ermüdung unter den kämpfenden zionistischen Studenten befürchten. Das entging nun nicht dem wachenden Auge des zionistischen Zentralkomitees in Galizien. Im Einverständnis mit den in Lemberg existierenden vier zionistischen Studentenverbindungen und Vereinen berief es zunächst für den 10. v. M. eine vertrauliche Beratung aller in Galizien existierenden Studentenvereine. Dieselbe beschloß eine Zentralorganisation zu gründen und akzeptierte ein vom Gg. Adolph Rotfeld vorgeschlagenes Verbandsstatut. Ferner beschloß sie, für den 1. d. M. eine allgemeine zionistische Studentenkonferenz einzuberufen, die auch tatsächlich unter dem Vorsitz des Gg. Isidor Schneider, des Leiters der studentischen Zentralorganisation, stattgefunden hat. Die Tagesordnung war eine sehr reichhaltige; lebhafte Debatten wurden geführt und am lebhaftesten wurde es, als das Thema „Hebräisch und Jüdisch" berührt wurde. Einige Resolutionen mit Bezug auf den nationalen Kampf um Anerkennung der jüdischen Nationalität an den österreichischen Hochschulen, auf die Einführung von Lehrkanzeln für Hebräisch und jüdische Geschichte an den Universitäten, auf die Kulturarbeit den Kampf gegen den von den Wunderrabbis unter den jüdischen Volksmassen verbreiteten Klerikalismus und Fanatismus und für die Verbreitung der hebräischen Sprache und Unterstützung des galizischen hebräischen Schulvereins, sind gefaßt worden. Von denen soll eine insbesondere hervorgehoben werden. Die Konferenz bedauert es lebhaft, daß der zionistische Kongreß und das A. C, geleitet von opportunistischen Rücksichten, gegenüber dem wachsenden Einflüsse der „Misrachisten", die Kulturarbeit aus seinem Arbeitsprogramm ausschalte, und drückt den Wunsch aus, das A. C. möge die Führer des Zionismus in Galizien beeinflussen, daß sie die Kulturfrage nicht in dieselbe Reihe mit den Fragen privater Anschauungen stellen sollen. Und wenn auch die diesmalige Konferenz nicht voll und ganz den Intentionen der Einberufer entsprochen und ihre Hoffnungen erfüllt hatte, weil die Provinz aus ihrer Lethargie sich noch nicht emporzuraffen vermochte, so ist es dennoch zu erwarten, daß die Konferenz mehr erfrischendes Leben in die Reihen der zionistischen Studentenschaft hineintragen wird. Zionistischer Abituriententag in Lemberg Acht Tage vor der Konferenz der zionistischen Studentenvereine fand im Lokale des Vereins „Tikwath-Zion" ein zahlreich besuchter zionistischer Abituriententag statt. Die Initiative hierzu ging von der akademischen Verbindung „Hasmonea" aus, deren Senior die Beratungen eröffnete. Der Abituriententag hatte einen agitatorischen und informativen Charakter. Als Referenten traten auf die Gg. Dr. Josef Loewenherz („Die Lage der jüdischen Jugend und ihre Aufgaben"), Dr. Isaak Feld („Die jüdische Jugend und ihre Berufswahl") und Josef Gerstmann („Der Zionismus und die jüdische Jugend"). Von den Resolutionen ist die des Gg. Schneider zu erwähnen, die lautet: „Die zionistische Jugend stehe unumstößlich auf der Basis des Baseler Programms und gelobe unter dem Banner des Zionismus zu kämpfen." Eine weitere Resolution des Gg. Gerstmann empfiehlt den zionistischen Abiturienten, bei der Wahl eines Berufs, die Möglichkeit in Palästina leben und wirken zu können, zu berücksichtige^ Promotion ,;sine natione" Neulich kam es anläßlich der Promotion einiger jüdischer Doktoren an der Universität in Lemberg zu einer Kundgebung gegen die Eintragung der jüdischen Doktoren in das Register der polnischen Nation. Die lateinische Gelobungsformel enthält nämlich den Passus „natione Polonus", welcher wenigstens in bezug auf die zionistischen und sich zur jüdischen Nationalität bekennenden Kandidaten eine Unwahrheit ist. Da aber die Universitätsbehörden die Existenz einer jüdischen Nation noch immer nicht anerkennen wollen, lassen die zionistischen Advokaturskandidaten den Passus „natione Polonus" mit „sine natione" vertreten. Als sich nun letztens einige jüdische Kandidaten promovieren ließen, bereiteten die zahlreich versammelten zionistischen Studenten'denen, die mit „sine natione" die Gelobung vorgenommen hatten, eine freundliche Ovation, und diejenigen, die „natione Polonus" gelobten, wurden mit Zischen verpönt. Delegatenwahl zum IX. Kongreß Die lokale Organisation „Poale-Zion" in Lemberg wählte in der Samstag den 6. d. M. stattgefundenen Versammlung der poalezionistischen Scheckelzahler den Herrn Dr. Max Rosenfeld als ihren Delegaten zum IX. Kongreß. Rußland (Von unserm Berichterstatter) Die Jadenfrage im Senat Auf der letzten Senatssitzung, den 23. Oktober, behandelte man den Bericht des Ministers des Innern über die Frage des jüdischen Wohnrechts außerhalb des Ansiedlungsrayons. Laut dem Gesetze hat jeder Kaufmann erster oder zweiter Gilde das Recht, im Innern Rußlands selbst zu wohnen oder dorthin seine Bevollmächtigten zwecks Bestellung oder Verkaufs der Waren zu senden. Im Jahre 1897 erklärte der Senat, daß die Rolle der Polizei bei der Überwachung der im Kaiserreiche sich aufhaltenden Juden sich nur auf die Kontrolle beschränkt, ob der betreffende Jude sich nicht länger aufhält, als es in den Vorschriften erlaubt ist. Die Polizei hat nach der Meinung des Senats keine Pflicht, ru kon-