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Die Welt · 1909-10-29 · 44 (29.10.1909) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
44 (29.10.1909)
Date
1909-10-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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958 D i E 2q£E LT No. 44 sachlichen Maßnahmen suchen, welche bestimmt und geeignet sind, den Zionismus zu fördern, und nicht leichtfertig am Programm rütteln und Abänderungen ausklügeln1, die nichts außer Verwirrung erreichen können. Die „Programmfrage" ist ein Wahngebilde, gut für die Grübelei, um an ihr mit haarspaltenden Einwendungen herumzuarbeiten, die weder am Platz noch an der Zeit sind. Für ein ernstes Denken und Tun gibts keine Programmfrage. Niemand verlangt von uns eine Programmänderung, und die etwaigen Vorurteile und Widerstände können wir auch hierdurch nicht überwinden. Zu welchem Zweck soll ein solches Wagestück unternommen werden? Gilt es vielleicht, unsere Loyalität an den Tag zu bringen? Es würde heißen, daß wir bis jetzt illoyal waren. Nun, wenn jemand dafür den Beweis antreten müßte, so würde er wahrlich in arge Verlegenheit kommen. Wo und wann waren wir denn mit dem alten Programm illoyal? Zu keiner Stunde hat der Zionismus ein anderes Ziel vor Augen gehabt, als er heute hat und haben muß, d. h. ein offenes und ehrliches Handeln inÜbereinstimmungmitder Staatseinheitund den Interessen des ottomanischen Reiches. Diese Richtlinien haben sich durchaus bewährt. Alles, was wir gegründet, unternommen oder zu unternehmen beabsichtigt haben, war immer im Rahmen der bestehenden Staatsordnung, mit der wir ja so verknüpft sind. Die Gesinnungsgenossen, die das Wort „Programmänderung" in die Öffentlichkeit geschleudert haben, sind sich weder über das Programm noch über die Politik im klaren. Politik ist selbstverständlich nichts Starres und Festes, es ist Entwicklung. Wir kennen in dieser Beziehung keinen Stillstand und Ruhepunkt, nur vorwärtsdrängende Bewegung. Das Ideal an und für sich ist unwandelbar. Aber die Arbeit wird hierdurch nicht beschränkt. In dieser Arbeit sind viele frühere Bedingungen aufgehoben worden; eine veränderte Wertschätzung der Machtverhältnisse ändert auch die Natur unserer Arbeit. Unser Programm ließ immer und läßt auch jetzt die Erfahrung zu ihrem Rechte kommen, in dem stets festgehaltenen Grundsatze, daß diese der unentbehrliche Ausgangs- und Stützpunkt für die Politik ist. Das Programm ist objektiv gerichtet, wie allgemeine grundlegende Leitsätze sein müssen. Das Volksbewußtsein hält in unbefangener Zuversicht daran fest, daß seine Lebensform dem Ideal entsprechen könne, In der Anerkennung dieser Wahrheit findet das nach Befreiung suchende Volksbewußtsein seinen Ruhepunkt. Aber es vermißt sich wiederum nicht, aus der programmatischen Formulierung all die praktischen Maßnahmen herzuleiten, und es läßt sich nicht zu Unbesonnenheiten hinüberdrängen. Schon Herzl war auf die Frage des unausweichlichen Gegensatzes zwischen Theorie und Praxis gestoßen. Seine Charteridee war eine weitere Etappe in der Entwicklung, die bekanntlich auch auf diesem Punkt nicht stehen blieb. Niemand wagte sich aber an das Programm heran, weil es nicht das Ergebnis einer 10jährigen, sondern einer 1800jährigen Geschichte unseres Volkes darstellt. Wohlgemerkt, die Formen ändern sich; es sind Teile eines festgefügten Gebäudes weitreichender Gedanken, die sich in einer höhern Einheit wiederfinden. Die Praxis schreitet immer vorwärts. Die Eigenschaft der erforderlichen Sicherheiten kann nicht immer dieselbe sein. Wo diese vor unserer erweiterten und ausgereiften politischen Erkenntnis, oder vor einer ganz neuen Lage nicht standhalten, ergibt sich die Notwendigkeit eines ganz andern Vorgehens. Hier liegt der große Irrtum der Programmkritiker. Die Praxis hat sich auch bisher entwickelt, sie entwickelt sich jetzt rascher. Es ist selbstverständlich, daß wir unsere Arbeit nicht wie ein totes Gut weiterführen, sondern zu immer neuer lebensvoller Ausgestaltung bringen. Dazu brauchen wir keine Revision und keine Silbenstecherei und Wortklauberei im Baseler Programm. In diesem Sinne wirkt ja der Zionismus seit dem Anfang seiner Tätigkeit. Wir waren nie politische Abenteurer, umsoweniger jetzt, wo sich vor uns ein Arbeitsfeld erstreckt im Lichte der Freiheit, auf der festen Basis der Verfassung! Dazu brauchen wir aber nicht den „Todessprung" einer Programmänderung. Welcher Besonnene würde irgendeinerPartei einen solchen salto mortale empfehlen? Die Programmumwandler scheinen den Zionismus als einen wandelbaren Kinematographen zu betrachten. Nein, das ist der Zionismus nicht. Ein solches Verfahren wäre Leichtsinn. Loyalitätszeugnisse brauchen wir uns nicht auf diesem Wege zu holen. Wir waren immer loyal, sind es — mit unserm Programm, ohne jede Korrektur. Nur müssen wir richtig verstanden werden. Wer uns aber nicht verstehen will, wird an jedem Programm etwas auszusetzen haben, denn das Vorurteil ist zähe. Was wir den vielleicht wohlmeinenden aber übelratenden Programmkritikern zu sagen hätten, ist einzig und allein die Bitte, sie möchten von dieser Frage ihre Finger lassen ... Das Programm gehört nicht auf den Diskussionsmarkt. Das Selbstverständliche der neuen Methoden braucht nicht breitgetreten zu werden; sie ergeben sich von selbst. Aber die Fortdauer des Programms als solches ist eine Lebensbedingung für den gedeihlichen Bestand des Zionismus. Das türkische Agrargesetz, seine Mängel und deren Behebung*) Von Dr. Israel Auerbach I. Historisches v Die Finanzen des alttürkischen Kriegerstaates bauten sich auf folgender Grundlage auf: Der Staat trat die Einkünfte der eroberten Provinzen den siegreichen Kriegsführern oder andern getreuen Dienern des Reiches ab; dafür waren die Belehnten verpflichtet, die Kriegszüge für den Staat aus eignen Mitteln ohne Anspruch auf Entschädigung zu organisieren. Die Haupteinnahme der muselmanischen Lande war der Ackerzehnt. Das Recht auf diesen, nicht aber das Eigentumsrecht, ward den Lehnsmännern verliehen. Ihnen kam außerdem nur noch das Recht auf Erhebung einer Taxe für Gewährung der „Tapus", der Besitztitel bei Verkauf von Ländereien, zu. Ein Lehen von mehr als 100000 Aspern Zehntenertrag (1 Asper ca. 4 Pfennig) hieß ein „Hass". Die Besitzer des „Hass"-Priviiegs hatten einen Reiter auf je 5000 Aspern zum Kriegsdienst zu stellen. Ein Lehen von 20000 bis 10O000 Aspern Zehntenertrag wurde mit „Zeamett" bezeichnet, eines von 3000 bis 20 000 Aspern als „Timar". Die letztern hatten einen Reiter auf jede 3000 Aspern zu stellen. : Bei Eroberung eines neuen Sandschaks wurden die Einnahmen nach folgendem Schema vergeben: 20 °/o wurden als „ Hass" konstituiert, *) Der ausgezeichnete Redakteur des „Courrier d'Orient\ Dschebal Nuri Bej, veröffentlicht eine fortlaufende Studie unter dem Titel „Problemes sociaux", der die Daten dieses Aufsatzes entnommen sind.

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