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Die Welt · 1909-08-27 · 35 (27.8.1909) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Gepräge längstvergangener Kalifenzeiten bewahrt. Sie bildet mit ihren Traditionen den Mittelpunkt der orientalischen Frage, dieses unentwirrbaren und unentwirrten Knäuels geheimer Hoffnungen und Wünsche. Man sieht diese Frage in der Reihe der „Stationäre und ihrer „Mouches" am Bosporus, wie auch in den riesigen Botschaftspalästen in der Stadt und deren Abteilungen für den Sommer in Therapia und Bjukdere verkörpert, man hört sie im Durcheinander der Nationalhymne, im Lärm der verschiedensten Heimatsklänge und der verschiedensten Sprachen der Welt, man stößt auf sie in jedem Hotel und in jedem Cafe. Vielleicht ist die Zeit nahe, daß ein starker Arm den Knoten durchhaut — vielleicht ist sie in nebelhafter Ferne. „Bilmen Allah bilmir": ich weiß es nicht, das weis nur Allah. So hat man früher gesagt; jetzt heißt es, die neue Türkei, die freiheitsliebende Armee, das Parlament werden es machen. Möge ihnen Allah dazu verhelfen! Vorläufig kann man noch Konstantinopel sehen, wie zu unverfälschter Türkenzeit mit den im Glänze der aufgehenden Sonne schimmernden mächtigen Kuppeln der Moscheen, mit den schlanken Minaretts, mit den Feuertürmen, mit den Palästen, Türken, Monumentalbrunnen, Basaren und Kiosken. Im Glauben, in den Sitten und Bräuchen ist hoch fast alles beim alten geblieben. Noch ruft der Muezzin nach Tagesanbruch vom hochragenden Minarett der Sophien-Moschee das Morgengebet: „Sobbah Namassi" nach den vier Weltgegenden aus: Esch hedu en la illahe il Allah, esch hedu enne Muhammed ressulalah („Ich bezeuge, daß es nur einen Gott gibt und daß Mohammed sein Prophet ist"). Kaum erschallt dieser Glaubensruf, da greifen alle Türken zu den aus Holz, Bein oder Perlmutter gedrechselten Rosenkränzen (Tesbih) und lassen die 99 Körner andächtig durch die verknöcherten Finger gleiten, wobei sie von Zeit zu Zeit „Allah edsch bei" („Gott ist das größte Wesen") murmeln. Vieles hat sich geändert, die Gläubigen beobachten immer weniger die Speisegesetze, sie sitzen bloßköpfig in den Speisezimmern des Giaurs, essen das verbotene Fleisch und schlürfen Wein, aber der Kultus übt noch eine große Macht aus. Er ist mehr als ein Kultus, er er ist ein Teil des öffentlichen und privaten Lebens. Zu den wunderbarsten Kultusorten, über die ich mir Notizen gemacht habe, gehört der freie Platz mit dem farbenprächtigen Achmed-Brunnen. Es ist dies eine wahre Perle von Ornamentik, Einlegearbeit und Mosaik. Der aus den seltensten Marmorarten erbaute, von schlanken Säulen flankierte Kiosk ist von acht Brunnenmuscheln umgeben, an welchen die frommen Türken ihre im Koran vorgeschriebenen Waschungen vornehmen. Wie die meisten Propheten des Altertums war Mohammed zugleich Gesetzgeber, Feldherr, Lehrer, Dichter, Erzieher und Arzt. Deshalb^verbot er für den heißen Süden den Genuß von Wein und Fett und legte durch Religionssatzungen die wiederholte Reinigung des Körpers fest. Die gewöhnliche rituelle Waschung ist diejenige vor der Mahlzeit. Man wäscht Hand und Mund. Mehr Gründlichkeit erfordert die Waschung vor dem Gebete: Man wäscht die Hand bis zur Achsel, die Füße bis zum Knöchel, das Gesicht, den Mund und Hals. Jeden Freitag nimmt der orthodoxe Türke ein vollständiges Bad. Diejenigen, die also handeln, werden einst, wenn sie der Engel Izrafiel an dem dünnen Haarschopf ins Paradies hinaufgezogen haben wird, zur Vergeltung für ihre Frömmigkeit aus der Quelle AI Kawsr trinken dürfen, von der geschrieben steht, daß, wer einmal von ihr gekostet, nicht mehr dürstet. Der Achmed-Brunnen steht vor dem Meisterwerk christlicher Baukunst aus byzantinischer Zeit, vor der Hayik Sophie, der Kirche „zur göttlichen Weisheit, welche Kaiser Justinian im 537 n. Chr. erbaute. Und so wie dieser kaiserliche Bauherr rote Porphyrsäulen aus dem Baalbeck-Tempel, grüne Brecciensäulen aus dem Tempel der Diana zu Ephesos, riesige Wasserurnen aus Pergamon, Obelisken, Marmorquadern, kurz, was er an Kostbarkeiten aus heidnischen Kulturstätten entführen konnte, zur Verherrlichung dieses großartigsten antiken Bauwerks verwendete, so wechselten diese seltenen Schätze ihre Bestimmung als am 25. Mai 1453 die siegreich eindringenden Osmanen alle Christen niedermetzelten und die Kirche zur Moschee, zum Wahrzeichen Konstantinopels umwandelte. So haben es auch die Spanier mit den Moscheen der Mauren und mit unsern Synagogen gemacht, sie umwandelten sie in Kirchen, aus den Minaretts wurden Glockentürme und auf die Kuppeln der Moscheen wurden Kreuze gesteckt. Ganz Andalusien ist voll solcher Moscheen und Synagogen, die jetzt als Kirchen dienen. Kein Ungläubiger darf bei der „Königstür" eintreten, sondern muß durch einen niedern Gang sich bequemen. Ein gelegentlicher „guide", der schon früher meinem Gesellschafter Dienste leistete, begleitet uns. Er trägt den Fez, aber er sah mir nicht ganz muselmännisch aus. Das hat sich auch voll bestätigt. Als er an den großen Ledervorhang, der den Eingang abschließt, klopfte, erschienen einige grinsende Moscheediener, die uns die ausgezogenen Schuhe aufbewahren und uns die üblichen Filzpantoffeln geben sollten. Aber zunächst schickten sie sich an, unsern „guide" hinauszubefördern. Als er Miene machte, Widerstand zu leisten, faßten sie ihn, um ihn mit Gewalt zu entfernen. Es entspann sich ein ziemlich energisches Handgemenge, ein Schutzmann wurde herbeigerufen, hörte ernst und düster die Argumente der beiden Parteien an und zog es vor, eine neutrale Haltung einzunehmen. Unser zufälliger „guide" wurde dann regelrecht hinausgeworfen, wir mußten diese aufregende Szene ohne Beschuhung, auf die Filzpantoffel wrartend, ansehen, und erst dann wurden wir in die Moschee freundlichst hineingeführt. Als wir nachher die Moschee verlassen hatten, kam uns der hinausgeworfene „guide" entgegen und erkundigte sich, ob die Moscheediener von uns Geld genommen hätten. Wir bestätigten ihm dies, worauf er den Konflikt ins Licht der politischen Ereignisse rückte. ** „Ce sont des reactionnaires" — sagte er uns. „Es ist eigentlich verboten, Bakschisch zu nehmen, der „Religionsminister" hatte es verboten. Aber sie nehmen doch." Wir möchten nur mit ihm zur Polizeiwache gehen und dort erklären, man habe von uns „Bakschisch" genommen. „Wir haben jetzt eine Konstitution, aber diese Kerle sind noch immer reaktionär und lassen unsereinen nicht herein." Wir hatten jedoch keine rechte Lust, zur Polizeiwache zu gehen, und vertrösteten den Mann darauf, daß wir uns jetzt von ihm nach einer andern Moschee führen lassen würden, — aber nur bis zum Eingang, denn der arme Sohn Hellas würde dort auch nicht eingelassen werden. Noch herrscht Allah — wenigstens in seinen Moscheen. N. Sokolow.

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