Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 34 (20.8.1909)
- Date
- 1909-08-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 ELT ERSCHEINT 1EDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG n XIII. JAHRG. KÖLN, 20. August 1909 ]TVinb D'Wtf "W?N No. 34. DER JAHRESBERICHT DER ALLIANCE ISRAELITE UNIVERSELLE i Der soeben erschienene Jahresbericht der „Alliance Israelite Universelle" gleicht in vielen Hinsichten den frühern Berichten. Gleichmäßig sind die Schilderungen der Lage, die stereotypen Jeremiaden. Nach einem merkwürdigen Maßstab sind den Leiden der russischen luden nur 4 Seiten, den rumänischen Heimsuchungen hingegen 21 Seiten gewidmet. Ein mittelmäßiger Redakteur würde ein solches Mißverhältnis in der Bearbeitung einer Übersicht streng rügen, wenn man aber ein wenig Politiker ist, so begreift man, daß es in Paris seichter ist gegen das kleine Rumänien, als gegen das große und befreundete Rußland aufzutreten. Das ist nicht jüdische, das ist einmal französische Politik. Genius loci. In England z. B. wäre dieser Fall unmöglich; jeder Durchschnitts-Reviewer würde sich sagen, daß den sechs Millionen russischer Juden wenigstens so viel Raum gebührt als ihren 250000 Brüdern in Rumänien. Das sei nur nebenbei bemerkt; es soll kein Vorwurf hieraus gemacht werden. Denn es ist im Grunde ganz gleichgültig, ob auf 4 oder auf 21 Seiten über die Lage der Juden geklagt wird. Die „Alliance Israelite Universelle" soll überhaupt nicht klagen, sondern wirken. Sie wurde zu dem Zwecke begründet, für die Gleichberechtigung zu kämpfen, an die Regierungen heranzutreten, die öffentliche Meinung mit Wucht anzurufen. Ja, der ursprüngliche Zweck hatte sich schon lange ein wenig verwischt. Kann man nicht tun, was man will, so muß man tun, was man kann. Es ist ein sehr richtiges und praktisches Prinzip, aber dieses Können 'st eben auch ein sehr relativer und elastischer Begriff. :ine große Begeisterung sieht das Können anders als ine kleine Routine. Die Routine sucht immer das reichte, das Alltägliche. Sie klagt also: es geht den Juden schlecht, die Duma ist reaktionär usw. Wenn die Mitglieder der „Alliance Israelite Universelle" dies schon hundertmal in den Zeitungen gelesen haben, so sollen sie es noch zum 101. Male lesen. Wir dächten, eine großeOrganisationmüßte auch vom berichterstatterischen Standpunkte die Sache gründlicher anfassen, sie müßte etwa neue Dokumente veröffentlichen, Enqueten durchführen, Resultate eigner Untersuchungen an das Licht fördern. Auch das wäre etwas mehr Routine. Aber wir leben im Zeichen des heiligen Bureaukratismus, der ganz genau seine Sache macht, — ruhig, sauber, maschinenmäßig. Wir erinnern 'uns noch ganz genau der ältern Berichte. Da war immer die Rede davon, was die Alliance gemacht hat. Jetzt wird auch erzählt, was alle andern gemacht haben. Im großen rumänischen Kapitel wird ausführlich darüber berichtet, wie Herr Dr. Niemiro wer in Jassy gegen das „More judaico" vorstellig wurde, und welches Resultat er erzielt hat. Der Kampf gegen das „More judaico" in Rumänien ist auch schon ein fester Artikel unserer jüdischen Chronik, und der ehrenwerte, aufgeklärte Rabbiner folgte gewiß seiner eignen Anregung, indem er die Schritte gegen die Unbill unternommen hat. Herr Dr. Niemirower ist auch einer unserer trefflichsten Gesinnungsgenossen, was wohlweislich verschwiegen wird. Erhebt sich die Berichterstattung nicht über das Niveau einer ganz billigen Journalistik und enthält sie keine Spur ernster Studien und originellen Denkens, so ist der exotische Teil reichhaltig und verschiedenartig genug, um den Leser zu interessieren. Das Exotische war seit jeher ein Lieblingsthema für manche Juden. Die „Alliance" versteht es schon lange, dieser Neigung zu frönen. Also: „die Juden in Marokko. Alcazar, Dennat, Marakesh, Fez, ein Gesuch an den französischen Gesandten Reynault, die Anwort desselben, ein Gesuch an Si Madani, Caid El Glaoni, Grand Vizir de Sa Majeste Cherifienne le Sultan Mouley Hafid und die Antwort desselben. Man merkt es, mit welcher Liebe der Redakteur des Berichts in diesen Titeln und Dokumenten schwelgt. Eine halbe Seite wäre zu viel, um den Inhalt der Gesuche und der Antworten mitzuteilen, und was Si Madani, Caid El Glaoni usw. versprochen hat ist ja keinen Pfifferling wert, — aber es ist gut für den Philister. Er liest die Titel, die Gesuche, die Unterschriften, und sein Herz wächst. Arbeiten wir ja für unsere Brüder in Marokko!---Ein ernst denkender Jude, der sich durch die Phrase nicht blenden m . » H. 0': Ä ~h'w i "k m ,v '•r'TM.*» '% M s w ' Ml