Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-08-06 · 32 (6.8.1909) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
32 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316384--52202-3345876
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

unsere Chancen irgendwie endgültig in optimistischer oder pessimistischer Weise abwägen zu wollen. Man hat sich vielmehr dauernd für Überraschungen bereit zu halten. Der Chachainbaschi hat nach dem Besuche Subhi Beys von neuem einen Protest-Takrir gegen den „roten - Zettel" an das Ministerium des Innern gerichtet. Die zionistische Politik Wenn von möglichen Überraschungen die Rede ist, so soll damit absolut nicht angedeutet werden, als ob etwa plötzlich eines Tages die Erreichung unseres ganzen Endzieles gemeldet werden könne. Es scheinen in Europa wirklich Stimmen vernehmbar, die von der augenblicklichen Anwesenheit des Präsidenten des zionistischen Aktionskomitees in Konstantinopel sogearteteErfolge erwarten oder garfordern möchten. Das ist natürlich kindlich. Wenn auch in der Exekutivpolitik heute noch die Einzelpersönlichkeiten von größter Bedeutung sind, so ist doch trotzdem oder gerade darum eine radikale Lösung unserer Frage jetzt noch ausgeschlossen. Wir leben in einer Periode des Übergangs, und gerade weil die öffentliche Meinung absolut noch nicht festgestellt ist und die Ministerien so häufig wechseln, v/ird sich ein jeder hüten, in einer so wichtigen Sache eine absolute Entscheidung zu fällen. Er muß viel zu sehr fürchten, desavouiert zu werden und über seiner Entschließung zu fallen. Bedeutendere Entschlüsse des Ministeriums, soweit sie über den Rahmen des Administrativen hinausgehen, müssen ja erst den Staatsrat, das Parlament und den Senat passieren. Unsere Politik hat es also mit einem ganzen Komplex von bestimmenden Faktoren zu tun, die heute sämtlich noch unharmonisch nebeneinander, oft gegeneinander stehen. Durch diese hindurch einen für das Türkische Reich so bedeutsamen Gedanken wie den unsern zum sofortigen Erfolg zu bugsieren, wäre Hexerei und nicht Politik. Kein ernster Mensch kann das erwarten, zumal die Türkei momentan auch andere, für sie doch noch viel schwerwiegendere Fragen beschäftigen. Es wird also alles darauf ankommen, diese Periode des Übergangs dazu auszunutzen, um unserer Politik günstige Vorbedingungen für die Zeit zu verschaffen, die ein einheitlicheres Gepräge zeigen wird, die von einer einzigen Methode oder Überzeugung beherrscht sein und diese in allen herrschenden Faktoren gleichartig zum Ausdruck bringen wird. Das wird die Zeit sein, wo das parlamentarische Regime vollkommen lückenlos etabliert sein und wo die öffentliche Meinung als das Urteil aller Denkfähigen und Einflußübenden im Lande regieren wird. Diesen künftigen Alleinherrscher, die öffentliche Meinung, für uns zu gewinnen, muß einstweilen unser politisches Streben werden. Alles andere wird sich daraus ergeben. Von parallellaufenden praktischen Unternehmungen, die natürlich ebenfalls außerordentlich wichtig sind und mit möglichster Energie zu betreiben sein werden, sei in dieser Erörterung nur andeutungsweise gesprochen. Keinen andern als diesen doppelten Zwecken, der Schaffung praktischer Kraftpunkte und der Schaffung der besten Mittel und Wege zur Vorbereitung der öffentlichen Meinung, der jüdischen und der allgemeinen, können die Bemühungen unserer leitenden Männer in der türkischen Hauptstadt dienen. Zur gemeinsamen Beratung über diese Dinge sind auch zwei Vertreter des russischen Aktionskomitees, Herr Ussischkin und Herr Rosoff, hier eingetroffen. Unter den Mitteln, die in der bezeichneten Richtung wirken sollen, steht in erster Linie die Presse. Ihre Organisierung, d. h. Schaffung eigener Preßorgane und Nutzbarmachung bereits bestehender, bildet daher einen Hauptpunkt der Erörterungen. Diese werden in wenigen Tagen zu einem Abschluß gelangen. Echo des Londoner Empfanges Die Reutermeldung vom Empfange der türkischen Parlamentsdelegierten in der English Zionist Federation, insbesondere die kategorischen Erklärungen des Herrn Greenberg über das wahre Wesen des Zionismus, haben hier den besten Eindruck hervorgerufen. Die tendenziöse Pariser Alliancemeldung wird durch den Londoner Empfang als im wesentlichen desavouiert angesehen. Die Smyrnaer Juden am Freiheitsfest Auf Initiative des Komitees der „Association des Anciers Eleves de FA. J. U." war eine Festkommission eingesetzt worden, die aus Delegierten der bedeutendsten Vereine bestand. Das von ihr durchgeführte Programm hatte außerordentlichen Erfolg. Ein großer Zug, Reiter, Fußgänger, Blumen wagen, Kinder, Delegierten der Vereine und ein kolossaler Wagen, der eine Riesen- Freiheitsstatue trug, durchzog, Musik an der Spitze und von einer Abteilung Soldaten eskortiert, die Hauptverkehrsadern der Stadt. Die Manifestanten statteten den beiden ersten Klubs des Komitees „Union et Progres"/der Munizipalität und der großen Kaserne Besuch ab, wo die Zivil- und Militärbehörden ihnen einen sehr warmen Empfang bereiteten. Patriotische Reden wurden gehalten. Mordtat in Jaffa Dem „Osmanischen Lloyd" wird von seinem Jaffaer Korrespondenten gemeldet: Der Zedrathändler Alboud el Outsi fuhr in der Nacht des 19. Juli mit einem gewissen Haschern Souri — beide Israeliten — durch ein außerhalb der Stadt gelegenes Viertel. Ein Marokkaner namens Hadisch Ahmed Mograbi schoß auf die Passanten und traf den Zedrathändler und den Kutscher tötlich, während Haschern Souri schwer verwundet wurde. Der Mörder, der die Tat in trunkenem Zustande verübte, wurde im hiesigen Gefängnis eingesperrt. Es verlautet, daß er gehängt werden soll. Auch andere Mordtaten, an dem dortigen religiösen Chef der Armenier und einem österreichischen Untertanen, sind etwa zu gleicher Zeit in Jaffa verübt worden. Die öffentliche Sicherheit scheint demnach dort viel zu wünschen übrig zu lassen. Eine Abteilung Truppen ist in die Gegend entsendet worden. Jüdische Freiwillige Wie der „Perdsehimen-i-Hakikat" berichtet, ist das Komitee „Union et Progres" in Jaffa durch einen jüdischen Notabein der der Stadt dahin informiert worden, daß im Falle eines ausbrechenden Krieges hundert jüdische junge Leute aus Jaffa bereit sind, sich unter die ottomanischen Fahnen zu stellen. Und diese jungen Leute sind die gefährlichen Zionisten? Unglaublich! Die Juden und die Märtyrer der Freiheit Am Freiheitsfeste des 23. Juli, zu dem die augenblickliche innere Lage so wenig paßte, haben auch die Konstantinopeler Juden bedeutenden Anteil genommen. Um 9 Uhr morgens versammelten sich die „Liga Rodfe Emeth,, von Haskiöi, der „Jüdische Turnverein Makkabi", der „Club de la Jeunesse israelite" aus Balat und die „Fraternite israelite" zu Ortaköi bei Schischhar6-Karakol und setzten sich, ein Fanfarenorchester an der Spitze, nach dem Freiheitshügel in Schischdi in Bewegung, wo an diesem Tage der Grundstein zu dem Denkmal für die den Freiheitsheldentod Gefallenen gelegt werden sollte. Der Zug war imposant. Zuerst kamen Soldaten zu Pferde. Sodann Wagen mit den Präsidenten der Gemeinde und Vereine und das Rabbinerkollegium. Hinter ihnen trugen sechs „Makkabäer" ein riesiges Blumenarrangement in Form eines Magen-Dawid. Nach ihnen kam das Orchester und dann die von zwei uniformierten Tempeldienern getragene Riesenstandarte mit der hebräischen, türkischen und französischen Aufschrift: „Den gefallenen Freiheitskämpfern die dankbaren Juden". Ihr folgte der Knabenchor der Synagoge von Ortaköi, die zwischen den Orchesterstücken ihren Gesang erschallen ließen. Endlich kamen die Bannerträger der Vereine und am Schluß sechszig uniformierte Turner des „Makkabi", die den enormen, auf einem Karren gefahrenen Kranz umgaben. Dieser trug die gleiche Inschrift wrie die große Standarte und war dazu bestimmt, an der Denkmalstelle niedergelegt zu werden. Das Gefolge des Zuges bildete eine lange Reihe von festlich gekleideten Juden. Der Festzug wurde überall mit Begeisterung begrüßt und viel mit Blumen und Konfetti beworfen. Nach dreistündigem Marsche kam er am Denkmalsplatz an. Der Gemeindepräsident Forchi hielt eine Ansprache, die von einem höheren Offizier mit Dankesworten erwidert wurde. Hierauf sprach noch der Präsident der „Rodfö-Emeth" und ein Chacham rezitierte ein Gebet. Der Jahrestag der Konstitution wurde durch eine große Truppenparade und nachts durch eine Illumination von unerhörter Großartigkeit begangen. Amerika (Von unserm Berichterstatter) Jüdischer Sieg — für alle New York, 20. Juli. Die vier jüdischen Einwanderer, deren Namen wir an dieser Stelle im Zusammenhang mit ihrer Gefangenschaft auf dem Hafen von Ellis Island gedachten, sind endlich ehrenhaft befreit worden. Die Hereinlassung dieser vier jüdischen Einwanderer bedeutet einen Sieg nicht nur für die jüdischen Immigranten, sondern für alle, die bisher das „25 Dollar-Gesetz" zu fürchten hatten. Von heute ab werden Immigranten, sobald sie den Forderungen des Einwanderungs-Gesetzes ent-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.