Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-07-23 · 30 (23.7.1909) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316382--52145-3345817
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

deren er wenigstens in dem ihn unmittelbar umgebenden Kreise sicher ist, und er gelangt leicht dazu, das Verlangen nach diesen schmeichelhaften Kundgebungen mit dem organischen Bedürfnis künstlerischer Äußerung zu verwechseln. Er arbeitet dann nicht, weil in ihm etwas ist, was gebieterisch Form verlangt, sondern weil ihm der schwelgende Vorgenuß der Lustgefühle eines gewissen und leichten Erfolges die Feder, den Pinsel oder Spatel in die Hand drückt. Auf diese Weise entstehen Werke, die Kunst und Schrifttum nicht bereichern, weil sie keiner innern Notwendigkeit ihr Dasein verdanken. Das Schaffen wird zu einer Gewohnheit. Der Schaffende wiederholt sich selbst und wird sein eigner Nachahmer. Von keiner üblen Erfahrung gewarnt, verliert er sich in Manier, auch wenn er ursprünglich Eigenart hatte. Dieser Gefahr ist der Einsame nicht ausgesetzt. Der Schriftsteller — um nur bei diesem zu verweilen —, der in Verhältnissen gleich den meinen lebt, redet gleichsam in einen Fernsprecher. Er sieht das Gesicht des Widerparts nicht, an den er seine Worte richtet; er beobachtet keinen wohlwollenden Blick, kein freundliches Mienenspiel als Wirkung seiner Rede, die seine Selbstgefälligkeit erfreuen un*d ihn fortzufahren anregen würde. Er sagt deshalb nur das unbedingt Notwendige und verlängert das Gespräch nicht einen Augenblick um des bloßen Schwatzvergnügens willen. Der Einsame, der fern von seiner natürlichen Zuhörerschaft lebt und deshalb aus den psychologischen Gründen, die mein Freund in seinem Briefe in feiner Analyse dargelegt hat, alle kritischen Feiglinge gegen sich und weder Streber und Schranzen, noch gedankenlose Nachschwätzer, noch Kameraden, Bekannte und Freunde für sich hat, dieser Einsame weiß, sofern er einige Einsicht besitzt, daß jedes seiner Werke nur eins von diesen beiden Geschicken haben kann: entweder das Publikum gleichgültig zu lassen und von der Presse totgeschwiegen zu werden oder die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen und der Presse, die es dann nicht totschweigen kann, einen Vorwand zu neuen persönlichen Angriffen und verleumderischen Lügen zu bieten, — eins wie das andere wenig geeignet, als Lockung zu wirken. Die sichere Aussicht, entweder seine Zeit und Kraft in den ungehörten Selbstgesprächen eines lächerlichen Predigers in der Wüste zu vergeuden oder sich Beschimpfungen und Ehrenkränkuagen auszusetzen, die er nicht abwehren kann, wird ihm den Wunsch eingeben, stumm zu bleiben, solange er irgend kann. Er wird das Wort nur ergreifen, wenn er dem Drange dazu schlechterdings nicht mehr widerstehen kann. So oft er ein neues Buch in die Welt sendet, wird er wissen, daß für ihn wieder Monate, vielleicht Jahre einer niederträchtigen Hetze beginnen, und er wird sich dieser Widerwärtigkeit gewiß nicht aussetzen, wenn er nicht unter einem innern Zwange, in Erfüllung eines harten, ja grausamen, aber unerbittlich Gehorsam heischenden Gebotes handelt. Eins ist sicher: Die Werke, die so entstehen, können keine Schablonenarbeit sein. Sie sind der Ausdruck einer subjektiven Notwendigkeit. Was sie objektiv wert sind, das hängt dann von der geistigen Bedeutung des Schriftstellers ab. In Wiederholungen wird er jedenfalls nicht verfallen, und gewohnheitsmäßige Vielschreiberei zur Ausbeutung errungener Erfolge ist bei ihm ausgeschlossen. In meinem Falle kann ich das mit Zahlen verdeutlichen. Mein erstes Buch erschien am 1. Mai 1878. Seitdem sind fast 20 Jahre verflossen. In dieser Zeit habe ich dreizehn weitere Werke veröffentlicht, wobei ich die 92 Seitchen eines Bändchens der Reclamschen Universalbibliothek, drei wenig umfangreiche Schauspiele und eine Sammlung „Ausgewählter Pariser Briefe" mitrechne. Das ergibt einen durchschnittlichen Abstand von ungefähr anderthalb Jahren zwischen jedem Buche. Ich weiß, daß ich ohne Anstrengung das Dreifache hätte leisten können. Ich hätte es wahrscheinlich getan, wenn ich angenehmere Erfahrungen gemacht hätte, und wer weiß, — ich hätte möglicherweise unrecht gehabt. Tatsächlich nahm ich mir beinahe nach jedem Buche ernstlich vor, daß dies das letzte sein sollte, und am festesten nach jenen, die am meisten gelesen und besprochen wurden, also den stärksten sogenannten „Erfolg" hatten. Ich blieb wiederholt — so nach den „Paradoxen", nach der „Krankheit des Jahrhunderts", nach „Entartung" — vier und fünf Jahre lang meinem Vorsatze treu, bekämpfte meine Neigung zu neuen Arbeiten, unterdrückte energisch in meinem Geiste zahlreich aufwuchernde Keime von Büchern und trat erst wieder mit einem Werke hervor, wenn einerseits die Erinnerung an erlittene Bubenstreiche in mir ein wenig verblaßt war, anderseits mich ein Gedanke dermaßen beherrschte, daß ich ihn aussprechen mußte, auf die Gefahr hin, mich neuen Gemeinheiten oder mindestens Ungerechtigkeiten auszusetzen. Die Lehre, die ich aus meiner Erfahrung ableite, ist also, daß der Schriftsteller seine größten Anstrengungen nur macht und sein Allerbestes nur gibt, wenn er sich keine Gunst zu versprechen hat und das Erscheinen eines jeden neuen Buches aus seiner Feder als ein neues Martyrium empfinden muß. Ganz ohne Lustgefühle kann man freilich auf die Dauer nicht leben und schaffen. Aber die fehlen dem Einsamen nicht, wenn sie auch anderer Natur sind als die der Begünstigten, die von Sympathien getragen werden. Die Arbeit selbst, die unter solchem Drange entsteht und gedeiht, wird als köstliche Entspannung des Geistes und Gemütes empfunden und läßt die tröstliche Überzeugung zurück, daß man nichts Überflüssiges getan habe. Und hat man dann trotz aller Anfeindungen gewirkt, erlangt man durch den Augenschein die Gewißheit, daß man das Denken der Zeit mit beeinflußt, so wird man von einem Kraftbewußtsein erfüllt, wie man es nie erlangen würde, wenn man sich zweifelnd fragen müßte, ob man seine Erfolge nicht etwas der kameradschaftlichen Reklame, der von dieser erzeugten Tagesmode verdanke! Vae soli? Nein. Die Einsamkeit hat ihr Gutes. Für den Schaffenden ist sie fruchtbar. Ihre strenge Zucht tötet das Schwächliche schon in seinem Werden. Was sie leben läßt, das ist aller Wahrscheinlichkeit nach lebenskräftig." Der Zionismus und die miki Man hat den Zionisten oft den Vorwurf gemacht, daß sie wohl Palästina stets im Munde führen, daß man aber daselbst bisher nur wenig von ihrer Tätigkeit merkt. Selbst ernste Beurteiler sind sich darin einig, daß, abgesehen von der Anglo-Palestine Co., deren Tätigkeit sie durchaus anerkennen, nichts Greif- und Sichtbares von den Zionisten in Palästina geschaffen worden sei. Es läßt sich nicht leugnen, daß dieses Urteil be- >-biologische Versuchsstation rechtigt ist. Wir Zionisten verweisen zwar auf den Bezalel, und es ist auch richtig, daß ohne die tatkräftige Unterstützung der Zionisten die Kunstgewerbeschule in Jerusalem wohl kaum zustande gekommen wäre, sicherlich sich aber nicht hätte halten können, während sie jetzt — dank der vielfachen Hilfe der Zionisten durch Spenden und Kauf der Waren — einer durchaus sichern Zukunft entgegensieht und einen immer größern Wirkungskreis erlangt. Aber eine zionistische Institution

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.