Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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652 DIE^ELT No. 30 Dieser Geistestitan, dieser Arbeitsriese, dieser mächtige, belehrende und befruchtende Universalgeist, diese wuchtige, geniusstrahlende Persönlichkeit, die unter der Last unnachahmlicher Emsigkeit die blühende Schaffensfreudigkeit, die jugendliche, erquickende Frische des Gemüts voll und ganz bewahrt hat, könnte eine Zierde jeder Nation sein. Umsomehr ist sie die Zierde und der Stolz unserer Nation, die aus den düstern Tiefen ihres Leids zu denjenigen emporschaut, in denen sie sich wiederzuspiegeln vermag. Als einige wenige aus dem Ghetto zum Licht und Leben erwachten, an jenem jungen Frühling der Emanzipation, war Nordau, ein Kind des Ghettos, einer derjenigen, die den Beweis erbracht haben, welche Schätze der jüdische Geist in sich birgt. Er nahm als Sohn des jüdischen Stammes eine hohe Stellung in der Weltliteratur ein. Die in schweren Lebenskämpfen herangereifte geistige Energie unseres Volkes legte in ihm von sich Zeugnis ab. Und er hat seine Kniee vor Baal nicht gebeugt! Wie das jüdische Volk auf alle in der Diaspora zerstreuten Goldkörner seines Genius mit Freude blickt, so blickt es auch mit Genugtuung und Stolz auf diesen Zeugen seiner Talente,, die eine feindliche Welt lange zu ersticken und vernichten suchte. Aber Nordau ist mehr als das. Er ist der jüdische „Gaon" in moderner Form. Nicht einer jener griesgrämigen, weltfremden, mit Bücherweisheit überladenen, durch Kasteiungen zermürbten, auch nicht einer jener mystisch-dekadenten, wunderlichen Rabbis. Er ist der felsenfeste Typus, der streng systematische Geist eines Albo, eines Isaac di Aramah, eines Gersonides — mit den Worten wie Erz und Stahl, mit den zuckenden Lebensstrahlen, mit der großen, strengen Würde und mit dem scharfen Witz — in moderner Form. Das edelgeprägte Profil, die leuchtenden Augen mit (Jen großen, offenen Pupillen mit dem ernsten, festen und guten Blick eines weisen Rabbi. Wie er die Erudition mit dem Scharfsinn vereinigt, wie er die leiseste Andeutung herausfühlt, wie ihm nichts entgeht, wie er in seiner Arbeitsstube von Büchern und Schriften umgeben mit einem Fleiß und einer Emsigkeit arbeitet — wenn man das zusieht, empfindet man die Freude, in neuer Form jenen hohen, alten Adelstypus wiederzusehen, kraft dessen unserm Volke der Name: „das Volk des Buches" verliehen worden ist. Da kommt wieder meine liebeTeorie vom „alten Juden" zurGeltung, nämlich, daß mit den Jahren die angeeignete, oder anempfundene dünne Schichte der fremden Kultur verschwindet und das Eigene und Unwüchsige zum Durchbruch kommt. Hier ist es der altjunge Gaon in seiner Vollkraft und in der Pracht seines mächtigen Geistes. Für uns ist aber Nordau noch viel mehr: Nordau, der Zionist! Das Dioskurrenpaar Herzl-Nordau bleibt in der Geschichte des Zionismus unzertrennlich. Herzl! Unser Geschlecht und viele früheren Geschlechter haben keinen jüdischen Staatsmann gesehen, der seinesgleichen in dem gewesen wäre, was doch zuletzt das Entscheidende bleibt für die Bedeutung eines Lebenswerkes und für die Kraft, die von ihm ausgeht: in der Selbständigkeit und Klarheit des Strebens, in der Macht des Willens, der unbeirrt und unzersplittert alle Kräfte der Seele dem einem Ziel zuwendet, in der Geschlossenheit und Einheitlichkeit des Gedankenlebens. Das hat Herzl zu einem nationalen Heros gemacht, wie man seit Jahrdunderten keinen gesehen hat. Was Herzl als Führer und Organisator war, das war und ist Nordau als Verkünder und Ideenspender, als Wecker, Rufer und Lehrer. Er führte den denkenden Juden auf eine hohe Warte, von welcher er ein weites Gebiet überschaut und jede kleine Einzelheit durch das Perspektiv betrachtet. Das Elend der Assimilation hat wohl selten einen mächtigem Ausdruck gefunden, als in den großen und denkwürdigen Reden Nordaus, von denen jede eine Tat war. Die rhetorischen, nur für die Zeit geltenden Wendungen können diesen Schriften und Reden nichts von ihrem bleibenden Wert nehmen. Denn dieser liegt in dem hohen Streben, dem reichen Herzen, dem national-jüdischen Sinn, dem weiten Blick Nordaus. Der Eifer stammt aus einem schönen und warmen Gemüt, aus einem reinem Wahrheitsenthusiasmus. In den Strafreden gegen die Assimilation ist entschieden Eliasgeist vorhanden. Sie sind nicht nur Ergüsse eines feurigen Temperaments, sie zeigen uns nicht nur den sittlichen Mut eines Mannes, der eigene Wege geht, der ins Vordertreffen rückt, um mit dem Feuer der Jugend und der Erfahrung des Alters die Rechte der jüdischen Nation zu verfechten, — ein noch größerer Zug geht durch diese Reden. Sie sind wie ein aus jüdischer Antike und Renaissance entstandener neuer Gedankenkampf. Zuweilen blitzt hier der lichtvolle Scharfblick eines erhabenen Propheten. Er spricht zuweilen mit epigrammatischer Schärfe unser tiefstes Wesen aus, erhebt uns auf majestätische Bergeshöhen und liest in der Volksseele wie in einem offenen Buche. Er ist fast einzig in der machtvoll pathetischen Aussprache der tragisch-schmerzlichen Empfindungen eines höher differenzierten Goluth, des Goluth der scheinbaren Assimilation. Hier befindet er sich in seinem eigensten Element: in der Kritik. Die Worte, die er geprägt, bekamen Flügel und flatterten in die Welt hinaus: das waren die Worte, die viel dazu beigetragen haben, das Volk zu begeistern, seinen Sinn zu wecken und die Mittel zu sammeln, um Institutionen zu schaffen. Das jüdische Volk ist ein geistig veranlagtes, denkendes Volk: es kann die Seichtheit nicht vertragen, es spottet über die Banalität, es ist zur Kritik, ja auch zur Satire geneigt, es läßt sich nicht so einfach mustern und meistern, es muß ein höherer Geist sein, der ihm überlegen ist. Die Nordausche Kritik des Antizionismus, die Analyse, die beißende Satire haben Wunder gewirkt. Jeder von uns, der in der Mitte des Volkes unmittelbar mit verschiedenen Kreisen als Schriftsteller oder als Redner in den großen jüdischen Massenzentren oft in Berührung kam, wird sich leicht an den riesigen Effekt und an die Produktivität der Nordauschen Reden besinnen. Es waren ihrer viele und sie hatten verschiedenen Inhalt und verschiedene Eigenschaften. Der Zionismus hat viele und gute Wortführer, aber der Redner des Zionismus bleibt bisher Meister Nordau. Außer der vernichtenden Kritik der Scheinemanzipation hat uns Nordau die Kraft des Wollens geschenkt. Denn er ist nicht nur der gewaltige und unerschrockene Polemiker, er ist auch der Mann des mächtigen Wortes, der das, was er fühlt, mit überwältigendem Ernst ausspricht. Er fühlt stark und spricht es mächtig aus. Wir alle, mit dem Anfluge des Modernen, mit der feinen Ironie