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Die Welt · 1909-06-25 · 26 (25.6.1909) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
26 (25.6.1909)
Date
1909-06-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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sind in den Orkus der Vergessenheit gesunken, ein ganz merkwürdiger Kunstkultus treibt seine Blüten, ein Schwärmen für Jiddisch, — „der jüdische Golus möge nicht länger dauern" als diese neuen Anwandlungen. Einerseits sind die Lassalle und Marx von gestern, wie Idelsohn sarkastisch schildert, mit dem Erlernen lateinischer Deklinationen beschäftigt, anderseits sind manche Führer in Amerika fromme Büßer geworden, und „Baal Machschowoth" höhnt darüber feinsinnig im „Fraind": „Es wäre schon Zeit", meint er, „die Narreteien der Programme aufzugeben, die nur Geltung hatten, solange die jüdische Gasse durch die «Brownings» eingeschüchtert war." Es ist jetzt wieder nach der entgegengesetzten Seite dieselbe Übertreibung. Denn im Grunde steckt ein gesunder Kern in dem Bestreben, Programme aufzustellen und Klasseninteressen zu vertreten. Es sind schätzenswerte Anlagen von Geist und Herz, von Talent und Idealismus in der russisch-jüdischen Jugend, auch in diesem Teil der Jugend vorhanden. Sie soll nach ihrer begeisterten Art die Wahrheit suchen, sie soll überschäumen und streben, sie soll denken und grübeln, sie soll sich organisieren, sie soll Unternehmungsgeist und Initiative haben, man soll von ihr keine Kniebeugungen, keine Ohnmacht, keine Zerknirschung verlangen, aber sie muß sich in das Ganze fügen. In Palästina muß sie einsehen, daß wir dort keinen Kampf mit dem Kapitalismus führen können. Was am Sozialismus gerecht und billig ist, die Nationalisierung des Bodens, ist ja ein Grundprinzip des Nationalfonds. Mit der Industrie geht es nicht zu machen, die Industrie kann nur von Unternehmern zusammen mit Arbeitern gemacht werden, oder wenn die Arbeiter imstande sind, mögen sie sich kooperieren und mit eigener Kraft Industrie schaffen. Sie können es nicht, sie bedürfen der kapitalistischen Mittel; so ist es denn sinnlos, die Kapitalisten vor den Kopf zu stoßen. Wenn sie Forderungen stellen, so müssen sie mit dem Rechenstift in der Hand kalkulieren, ob die Unternehmer die Forderungen annehmen können, und auf jeden Fall müssen sie jede Art von gewaltsamen Einschüchterungsmitteln ausschalten. Wo es nur menschenmöglich ist, sollen jüdische Arbeiter angestellt und die größten Opfer gebracht werden, um den erprobten Arbeitern ein Heim und einen Besitz zu sichern. Wir kennen keine größere und wichtigere Aufgabe im Bereich der praktischen Arbeit. Aber es soll keine vorlaute Agitation gegen die Verwendung arabischer Arbeiter getrieben werden, denn wir müssen sorgen, mit der arabischen Bevölkerung in gutem Einvernehmen zu leben, und wir müssen alles vermeiden, was geeignet ist, Konflikte zu schaffen. Das ist ein nicht gering zu schätzendes Moment in der Gesamtpolitik unserer Bestrebungen. Wir haben noch nichts, und das Land hat beinahe auch noch nichts. Wir müssen alles von vorne anfangen: Straßen, Häfen, Kolonien, Schulen, Industrien. Wir müssen einen selbstständigen und kräftigen Bauernstand im Lande schaffen, nicht superkluge, mundgewaltige Intellektuelle, sondern einfache, bescheidene Leute mit Kraft,1 Ruhe und Ausdauer. Das ist für uns die nationale Frage par excellence. Es ist doch selbstverständlich, daß freie, selbständige jüdische Bauern mit ganz andern Empfindungen für die Scholle des jüdischen Stammlandes eintreten als städtische Ankömmlinge und Wanderer. So ist es auch mit der Industrie. Wir müssen erst einen Arbeiterstand schaffen. Nun beginnen schon Streitigkeiten zwischen Unternehmern und Arbeitern. Ja, es wird an Klippen nicht fehlen. Aber warum sollte gegenseitiges Wohlwollen sie nicht glücklich umschiffen? Haben wir ja ein gemeinsames Ziel! Alle anderen, aus fremden Anschauungen und aus fremden Verhältnissen entstandenen Klassenkampfbegriffe passen für die kleinen, zarten, im ersten Stadium ihres Werdeprozesses begriffenen palästinensischen Verhältnisse — wie die Faust aufs Auge. In einer klaffenden Leere kann man nicht umbauen, noch bevor man angefangen hat zu bauen. Und wenn man bauen will, so machen es nicht die Schlagworte und die Revolutionen; man muß von den Leuten, die das Geld besitzen, das zu investierende Kapital auch bekommen. In sozial geordneten Verhältnissen, wo die arbeitende Bevölkerung eine Macht repräsentiert, wo sie Traditionen und auch größere oder kleinere Mittel besitzt, gelingt es manchmal auf genossenschaftlichem Wege die erste Grundlage zu gewinnen. Sie bedingen sich gegenseitig, das eine ist ohne das andere nicht gegeben, und man muß sie in ihren tiefern ursächlichen Zusammenhängen erfassen, um nicht in den fatalen Irrtum zu verfallen, der jetzt von manchen Kritikern gemacht wird, die ohne Synthese einen wirren Knäuel vor sich sehen und die je nach der augenblicklichen Strömung das eine bejubeln, das andere hingegen niederschreien. Das sind Leute, die mit ihren Ideen und Stichworten von der Hand in den Mund leben. Es klingt pikant und scheint verlockend, wenn die Arbeiter sagen: was geht uns die Politik an, und die Politiker: was geht uns die Kleinarbeit an, wenn die Intellektuellen die Organisation belächeln und die Organisationsleute das Intellektuelle als Ballast ausschalten. Aber all diese Streiter sind die Gefoppten ihrer eigenen Einseitigkeit. Es ist wie ein Streit zwischen den Gliedern eines Organismus, zwischen den einzelnen Buchstaben eines Alphabets, zwischen den einzelnen Tönen eines Akkords. Nur alle Teile zusammen können wirken, und so ist auch die Arbeiterfrage als etwas Gesondertes eine Vorstellung ohne sachlichen Rückhalt, eine Gestalt der Phantasie, eine Metapher. Wir haben keine Gegensätze, sondern ein Nebeneinander von Problemen, die innerlich zusammenhängen. Aber wir dürfen uns ja nicht über unsere Misere täuschen: unsere Arbeiter sind ein Häuflein, es sind keine Massen, es sind Individuen,, einzelne mit großer Begeisterung, insgesamt ohne Erfahrung und ohne jedweden Besitz. Da müssen kapitalistische Kräfte vorangehen und was man auch nur beginne, die Form allein macht es nicht, Projekte sind billig wie Brombeeren, nur fehlt der „nervus rerum". Wird die „Land-Development Company16 über große Kapitalien verfügen, so wird sie imstande sein, Großes zu leisten, und sie kann auch den Weg für die Entstehung und das Gedeihen der Siedlungsgenossenschaften bahnen. Wird der Nationalfonds ganz große Mittel haben, so wird es ihm möglich sein, all diese Ansätze zu fördern, wie er schon die L. D. C. tatkräftig gefördert hat. Damit aber der N. F. große Mittel habe, muß der Zionismus an Ausdehnung und Intensivität gewinnen und da sind wir wieder bei der Organisation und der Propaganda. Man braucht unsere Institutionen nur aufzuzählen, um ihre unlösbaren Zusammenhänge zu sehen. Und diese Zusammenhänge machen einen Klassenkampf unmöglich. Das ist es, was die „Poale-Zion" in Amerika früher als die andern zu begreifen beginnen und früher oder später müssen alle zu dieser Erkenntnis

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