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Die Welt · 1909-06-25 · 26 (25.6.1909) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
26 (25.6.1909)
Date
1909-06-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIII. JAHRO. KÖLN, 25. Juni 1909 imirfc D"nrVtf flön ") No. 26. SOZIALE PROBLEME (Schluß) Man muß an die bestehenden Kolonien und besonders an die „Palestine Land-Development" Anknüpfung und Anschluß suchen. Ein besonders segensreiches Arbeitsfeld würde sich vornehmlich bei der letztern finden, wenn diese, die sich zur Aufgabe gestellt hat, Palästina kulturell zu erschließen und zu entwickeln, selbst einen hohen Grad materieller Entwicklung erreichen würde. Alle diese Projekte und Pläne greifen dermaßen ineinander, daß es töricht erscheinen muß, in Palästina einen Klassenkampf zu predigen. Mögen sich die Arbeiter organisieren; der „Hapoel Hazair" kann in dieser Beziehung großartige Dienste leisten. Das Standesbewußtsein unter den jüdischen Arbeitern zu pflegen, ihnen damit eine einheitliche Anschauung über die Forderungen des Arbeiterstandes an die Gesellschaft, aber auch die Pflichten der Arbeiterschaft gegenüber der Gesamtheit zu vermitteln, ebenso unter ihnen die einheitliche, solidarische Willensenergie zu erziehen, für die gemeinsame Erfüllung dieser Aufgaben alle Kräfte einzusetzen, soll das grundlegende Ziel einer jüdischen Arbeiterbewegung sein. Von diesen Zielen ausgehend, soll die Bewegung weiterhin die systematische, sachliche, soziale und nationale Schulung der Mitglieder, die Förderung ihrer allgemeinen und jüdischen Bildung und eine höhere und veredelte Lebensstellung anstreben. Es muß einmal ein hartes Wort gegen das gefährliche Kinderspiel der Terrorisierungs- und Boykottierungsversuche seitens einiger unreifer Hitzköpfe gesagt werden. Diese Heißsporne wollen als Fürsprecher der Arbeiter gelten, in der Wirklichkeit sind siedie schlimmsten Feinde der Arbeiter. Sie haben eine gewisse Stimmung und ein gewisses Repertoir von Theorien aus Rußland hinübertransportiert. Auch in Rußland war das ein Saisonartikel von kurzer Dauer; hätte ihn nicht die Reaktion erstickt, ein wirklicher Fortschritt würde ihn vollständig vernichten. Es waren Bläschen auf der Oberfläche einer hochgehenden Woge im reißenden Strom eines beabsichtigten Umsturzes. Nicht nur in Amerika und in England, auch in Deutschland und in Frankreich würde man diese Erscheinungen gar nicht verstehen, auch nicht in der ganz ausgesprochenen Sozialdemokratie. Die Sozialdemokratie hat einen Rückhalt an wuchtigen, geschulten Arbeiterlegionen. Wenn sie Forderungen stellt, so sind es keine Phrasen; sie verlangt zuweilen etwas mehr als die Interessen der betreffenden Industrie und die augenblicklich herrschende Konjunktur zulassen, aber ganz unmögliche Dinge fordert sie nicht. Sie ist so festgefügt wie der Staat; die Interessen der einzelnen Gruppen werden dem allgemeinen Interesse untergeordnet und die Fäden laufen in den Händen der Vorstände zusammen. Verhandelt ein sozialdemokratischer Parteisekretär mit den Sekretären eines Syndikats, so ist auf beiden Seiten Erfahrung, Berechnung und auch Macht vorhanden. Das unwirsche Wesen, die herausfordernde Ungezogenheit, das pöbelhaft Derbe, das Vordringen ungebildeter oder verbildeter Bürschchen, das Flunkern mit einigen aufreizenden Phrasen sind Symptome, die man in zivilisierten Ländern überhaupt nicht kennt. Wenn diese Spezies von sogenannten Arbeitern, die zum größten Teil über Arbeit nur sprechen,, nach dem Westen herüberkommt und im Westen einige Zeit bleibt, so ist das für sie eine richtige Kur, — und wir meinen dabei nicht den bürgerlichen, sondern den proletarischen, sozialdemokratischen Westen. In der richtigen Sozialdemokratie findet man unter 100 Arbeitern höchstens einen Diskussionsredner, der mit Theorien herumwirft; bei uns sind es fast lauter Theoretiker, die für Professoren zu wenig, für Arbeiter zu viel wissen, — eine Flut von Weltanschauungen, Programmen und Spitzfindigkeiten, daß es einem, wenn man's hört, wie eine Mühle im Kopf herumgeht. Und ein richtiges Kinema von sprunghaften Wandlungen; was noch gestern funkelnagelneu war, ist heute schon gut für die Rumpelkammer. In jedem Stadium aber ist es eine Leidenschaftlichkeit, eine Ekstase, eine rücksichtslose Verurteilung Andersdenkender, ein Verhöhnen und Verunglimpfen jedes Besonnenen, daß die Torquemados dagegen sich als tolerante Menschenfreunde ausnehmen. So war es in gewissen Kreisen in Rußland einige Monate, ein Jahr, vielleicht zwei Jahre hindurch. Die Sache hat aber schon jetzt so furchtbar umgeschlagen, daß schon das ganz entgegengesetzte Extrem erreicht worden ist. Die Parteien sind zerfallen, die Programme

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