Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 22 (25.5.1909)
- Date
- 1909-05-25
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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496 DIE^ELT No. 22 JU€DISCH£R PIATIOMAL-FOPIDS)^ Der Jüdische Nationalfonäs ist dazu bestimmt, palästinensischen Boden als Gesamteigentum des jüdischen Volkes zu erwerben und auf ewige Zeiten zu erhalten. Vom V. Zionistenkongreß im Jahre 1901 gestiftet, besitzt er gegenwärtig ein Vermögen von annähernd l1^ Millionen Mark. MITTEILUNGEN DES HAUPTBUREAUS DES JÜDISCHEN NATIONALFONDS IN KÖLN Der Nationalfonds und das Schewuothfest Von Judäus Von altersher war es das Kennzeichen gesunder Völker, daß sie die ererbten Formen und Gebräuche mit dem Geiste neuer Ideen, wie sie der Wandel der Zeit bringt, zu erfüllen verstanden. So die Römer im Altertum und so die Briten unserer Tage und nicht zuletzt wir Juden, die wir mit unserer tausendjährigen Geschichte eine lebendige Brücke schlugen von den grauen Tagen der Vorzeit bis zur gegenwärtigen Stunde. Dieser harmonischen Verbindung, die sich im Festhalten am Altüberkommenen und im Streben nach Fortschritt äußert, dienen auch wir Zionisten, wenn wir alle Institutionen und voran die Feste des Judentums mit dem neu erwachten nationalen Geiste belebend durchdringen, wenn wir die dort unter religiösem Mantel schlummernde nationale Idee wieder zu kräftigem Leben und Schaffen erwecken. Welch wundersamer Wandel ist nicht innerhalb weniger Jahre in der Wertung jüdischer Feste vor sich gegangen! Chanuka ist aus einem bloßen Lichterweihfest zum stolzen Fest der Makkabäer geworden, der heldenmütigen Verteidiger und Retter unseres Volkes und Glaubens. Dagegen ist Purim, früher als tolles Maskenfest voll übersprudelndem Humor begangen, heute in seiner Bedeutung zurückgetreten, weil es die nationale Idee für unser Empfinden weniger deutlich versinnbildlicht. Wie tief ist hingegen unsere Inbrunst und Trauer am Tischeb'ow mit seinen Klageliedern um die Zerstörung Zions! Pessach, vordem das „Überschreitungsfest;', ist uns mehr denn je zum Feste der Befreiung unseres Volkes geworden, einem Feste, dessen Höhepunkt es ist, wenn wir bei Verlesung der Hagada ausrufen und anstoßen können: „Übers Jahr in Jerusalem!" Am Chamischoosor bisch'wat, den man früher 'im Westen kaum dem Namen nach kannte, sehen wir uns im Geiste mit den Kindern unserer Pioniere drüben in Altneuland zu Lenzbeginn hinausziehen, Bäume zu pflanzen, damit die geliebte Heimat immer schöner und reicher werde. So läßt sich von jedem der jüdischen Feste eine Umwertung seines Wertes durch den Zionismus feststellen. Der Zionismus aber in seiner Lebenskraft hat, um sich durchzusetzen, einige Positionen zugleich bezogen, von denen aus die nationale Idee ihre Eroberungszüge unternimmt. Eine dieser Positionen ist der Nationalfonds, der mit seinem Wirken und Weben den jüdischen Kalender durchdringt, indem er an jedem Gedenk- und Feiertage sein Fähnchen mit dem Signal zur Sammlung aufhißt. So bildet sich allmählich für die verschiedenen Arbeiten des Nationalfonds ein das ganze Jahr timfassender Plan, der die gute Vorbereitung jeder Arbeit und ihre einheitliche Durchführung m allen Teilen der von Juden bewohnten Welt verbürgt. Auch das Schewuothfest geht an dem Juden, der sich seiner Pflicht gegen den Nationalfonds bewußt ist, nicht vorbei» ohne ihm etwas zu sagen. War es doch das Schewuothfest, da die Männer aus ganz Israel in den strahlenden Tempel nach Jerusalem wallten, um dort im nationalen Zentrum dem Gotte ihres Volkes die Erstlinge an Getreide und was sonst das Jahr dem Fleiß ihrer Hände als Frucht gebracht, zum Weiheopfer darzubringen. Durch des Schöpfers Gnade hatte Feld und Trift Frucht getragen, und von dieser Frucht geziemt dem Schöpfer ein Zins der Anerkennung und der Dankbarkeit. So fühlen auch wir Nationaljuden, daß wir unserm Volke alles verdanken, Lebenskraft und Lebenslust, den Besitz seiner Geschichte und Zukunftshoffnung, und wir fühlen zugleich, daß unserm Volke ein Tribut der Erkenntlichkeit gebührt, eine Rückleistung aus dem Hab und Gut, das wir durch unsere ererbten Fähigkeiten erworben haben. So verlangt der Nationalfonds als Vermögensverwalter unseres Volkes von jedem Volksgenossen den Zins der Selbst» besteuerung. Jeder gehe in diesen Tagen mit sich zu Rate und prüfe sich, was er nach seiner Kraft in diesem Jahre für den Nationalfonds leisten kann. Die Selbstbesteuerung ist bis jetzt das am wenigsten populäre Sammelmittel geblieben, weil es meist noch an den Personen fehlt, die Selbstbesteuerungsbeträge regelmäßig einziehen. Dies darf aber für keinen ein Vorwand sein, sich der Selbstbesteuerung zu entziehen; er vertraue sich vielmehr seiner Sammelbüchse an und gewöhne sich, ihr monatlich jenen Betrag, zu dem er sich einmal verpflichtet hat, zuzuwenden. In unserm Volke geht eine Legende, daß sich in der ersten Schewuothnacht plötzlich für einen Moment der Himmel öffne und daß dem Menschen, der in Erfassung dieses Moments einen Wunsch ausspricht, diese sich gewiß erfüllt. Diese Legende entspricht der Erwägung, die der Dichter in die Worte kleidet: „Was Du der Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück." Doch um den geeigneten Moment zu erfassen, gilt es nicht, sich dein Zufall anzuvertrauen, sondern alle Aufmerksamkeit, alles Sinnen und Trachten auf das Kommen des entscheidenden Moments zu konzentrieren. So gibt es auch im Leben der Völker schicksalsschwere Stunden, die, je nachdem sie ausgenützt oder verpaßt werden, für lange Zeit hinaus Glück und Aufstieg oder aber Verfall und Untergang im Schöße tragen. Darum müssen auch die Völker stets gerüstet sein, den Anforderungen solcher historischer Momente zu genügen und alle ihre Gedanken und Anstrengungen auf das ersehnte nationale Ziel zu vereinen, um es im gegebenen Zeitpunkt sicher zu erreichen. Unsere Vorfahren, die Juden im finstersten Mittelalter, haben ihre Pflicht getan und an der Hoffnung auf Wiedererrichtung unseres Volkes festgehalten. Tun wir desgleichen! Der Sommer ist ins Land gezogen, und mancher, den sonst die dumpfe Arbeit des Alltags zu erdrücken droht, sieht sich auf Reisen, in der frischen Bergwelt oder an dem rauschenden Meeresstrande, der Freiheit und ihren Idealen wiedergegeben. Wer wollte da dem Agitationsbereiten Lehren erteilen? Tausendfach sind die Formen der Werbung, und keine ihrer Formen ist zu verschmähen. Gesegnet sei selbst die Hand, welche unsere N.-F.-Marken, die Symbole