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Die Welt · 1909-04-16 · 16 (16.4.1909) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
16 (16.4.1909)
Date
1909-04-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 ELT ERSCHEINT IEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIII. JAHRG. KÖLN, 16. April 1909 g-Mlb □"nn'tf?D'J h"d No. 16. DIE TÜRKEI UND DER ZIONISMUS Während fortschrittliche Kulturstaaten mit Gesetzentwürfen sich beschäftigen, durch welche die Einwanderung ausländischer Massen unmöglich gemacht werden soll; während in den Vereinigten Staaten von Nordamerika verschiedene Parteien mit einem Eifer, der fast verstimmend wirkt, weil man die Absicht merkt, einander den Ruhm des größeren Entgegenkommens der „nazistischen" Tendenz gegenüber streitig zu machen suchen; während auch in England gegen die nicht genügend strenge Durchführung der Anti-Aliens- Bill, deutlich gesprochen, die Beschränkung der jüdischen Einwanderung, Beschwerde geführt wird, - lief eine Notiz durch die Blätter, welche in sonderbarem Widerspruche zu dieser Rezidive eines barbarischen Fremdenhasses steht. Der Präsident des türkischen Parlaments, erklärte feierlich, die Türkei sei bereit, die vielgeplagten jüdischen Massen liebevoll aufzunehmen. Er sprach in -Ausdrücken der höchsten Anerkennung über den Fleiß und die kulturelle Bedeutung der Gelästerten und Enterbten, denen er die Bruderhand reichte. Wahrlich, die Zeiten haben sich merkwürdig geändert, und nichts scheint uns die Natur dieser Veränderung besser zu bezeichnen, als das Zusammentreffen dieser zwei Erscheinungen. Wenn wir dergleichen vor zwölf Jahren, vor dem ersten Zionistenkongreß, prophezeit hätten! Wieviel Steine hätte man auf uns geworfen, wieviel Hohn wäre auf die rückständigen „asiatischen" Zionisten ausgeschüttet worden, wie hätte man die Gesundheit unseres politischen Sinnes in Frage gestellt! Heute wird solche Tatsache ohne Widerspruch hingenommen, wir selbst scheinen das Gewaltige dieser Erscheinungkaum zu empfinden. Esist jetzt schier banal geworden, das Selbstverständliche zu wiederholen. Die Rückständigkeit des Orients ist ein Wahngebilde. Rußland und die Türkei, Rumänien und Japan! Ja, noch mehr. Die Reden, die erst vor kurzem im englischen Parlament über die Notwendigkeit der Anti-Aliens-Bill gehalten worden sind und die staatsmännische, historisch eminente Rede Ahmed Rizas! Das Tollste der Unwahrscheinlichkeiten für die Schwärmer westlicher Kultur, aber keine Überraschung für uns, die seit jeher diese Entwicklung geahnt haben. Wir haben es jedoch nicht mit einer Rede, sondern mit einem System zu tun. Die Türkei ist unserer Kolonisation gewogen und ist auch bereit, dieses Werk zu fördern. Das ist die Formel, die sich uns jetzt mit aller Gewalt der Logik bietet. Es sei der Zweck dieser Zeilen, unsern Standpunkt betreffs der Aufgaben der nächsten Zukunft in dieser Beziehung darzulegen. Zunächst müssen wir die Ansichten und die Interessen der türkischen Regierung auf dem Gebiete der Kolonisation richtig verstehen. Es ist eine ganz andere Kolonisaion als diejenige, die von den existierenden Staaten betrieben wird. Will man von Kolonien absehen, die einen politischen Hintergrund haben oder als taktische Stützpunkte für kriegerische Operationen der Flotte dienen sollen, und solche ins Auge fassen, die einen wirtschaftlichen Zweck verfolgen, so hat man sich vor allem der Grenzen bewußt zu werden, welche bei der heutigen Lage der Dinge und als im Wesen der Sache selbst begründet jeder Regierungs-Initiative von vornherein gesetzt sind. Freilich gibt es immer noch viele, welche meinen, um Kolonien zu gründen, brauche man nur seine Flagge am Gestade irgendeines Meerbusens oder einer Bai aufzupflanzen; abgesehen davon, daß ein so verkürztes Verfahren sich mit dem Wesen der Sache selbst nicht verträgt, welches doch vor allen Dingen das Vorhandensein günstiger Anfahrts- und Bodenverhältnisse für den Ansiedlungsort sowie ein freiwilliges Zuströmen von Menschen und Kapital voraussetzt, so sollte man sich doch der Tatsache nicht mehr verschließen, daß heutzutage der Staat als solcher viel weniger als in frühern Zeiten in der Lage ist, Ackerbau-, Handels- oder Industriekolonien zu gründen oder sich für derartige Unternehmungen in entscheidender Weise zu engagieren. Ein Kolonialsystem, welches sich darauf gründet, daß der Staat, auch nur in der Hauptsache, selbst den Kolonisator spielt, indem er entweder die Auswanderung zwingt, sich nach einem bestimmten Punkte zu wenden, oder für eine freiwillige ganz oder teilweise die Mittel hergibt, - ein System, nach welchem nicht die Ansiedler selbst und das frei arbeitende Kapital über die zu treffenden Maßnahmen entscheiden und für deren Folgen auf eigene Kosten und Gefahr aufzukommen haben, hat keine Lebenskraft mehr. Die Tätigkeit einer Staats-

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