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Die Welt · 1909-03-26 · 13 (26.3.1909) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
13 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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276 DIE3§jEiT No. 13 finden, aus dem sich Kapital schlagen ließe, und so greift man auf die Vergangenheit zurück, um dort zu finden, was man bei den letzten zionistischen Kongressen und Versammlungen auch mit der Lupe nicht entdecken könnte, nämlich haltlose Politik und nationale Engherzigkeit. Auf diese Weise hält man vielfach die Fiktion fest, der Zionismus wolle nur auf dem Wege diplomatischer Pourparlers nach außen und durch Züchtung nationalen Eigendünkels nach innen sein Ziel erreichen. Beides ist auch in beziig auf die Vergangenheit das Gegenteil der Wahrheit; noch greller tritt dieses Zerrbild geg-i nerischer Einbildungskraft hervor, wenn man es der gegenwärtigen Entwicklung des Zionismus zur Seite stellt. Und doch spukt dieser Geist der Lüge und der Verketzerung nicht nur in der allgemeinen, sondern auch in der jüdischen Presse. Herr Joseph Pragus, der vor vielen Jahren als Chovev-Zion sich bekannt und betätigt hatte, nimmt sich jetzt heraus, den Zionismus als eine „radikale" Richtung zu verurteilen. Die langatmigen Ausführungen des Herrn Pragus im „Jewish World" können einen aufmerksamen Leser über die Hauptfehler seiner Vorstellungen nicht täuschen. Herr Pragus versteht ebensowenig den richtigen Sinn des Zionismus wie den Zweck der Kongresse und Versammlungen. Die Richtung des Zionismus ist insofern radikal, als sie sich gegen die Ursachen der Erscheinungen (den Goluth und seine Folgen) wendet, die die Verkümmerung der jüdischen Nation zur Folge haben, und durch eine grundsätzliche Veränderung des Charakters der jüdischen Zentralexistenz deren schädliche Wirkungen zu vermeiden sucht. Wir wollen die Grundlage ändern und eine neue, auf Selbsthilfe begründete Zentralorganisation des jüdischen Volkstums herstellen, aus der die Einheit und Lebendigkeit des Judentums dann als vernünftiges, natürliches Ergebnis selbst hervorwächst. Kann bei diesem Werke der Zionismus mit den vorhandenen jüdischen Institutionen eine ganze Strecke weit Hand in Hand gehen, so scheiden sich die Wege, wo der eigentliche Prozeß der Organisation eines nationalen Judentums einsetzt. Sie scheiden sich aber nicht im Chovev-Zionismus, sofern letzterer national-jüdisch ist. Der Zionismus war und ist anders in der Methode, und wenn Herr Pragus die alte Methode des Chovev-Zionismus jetzt wieder als ein Ideal hinstellt, so müssen wir sagen: bei dieser Station ist unser Zug längst vorübergefahren, aber möge doch Herr Pragus wenigstens diese Station ausbauen! Jede zionistische Tagung beweist es, daß wir arbeiten wollen. Was hat die letzte Tagung gebracht? Nichts Sensationelles, aber manches Wesentliche. Wenn es für die letzte Jahreskonferenz galt, von der freiheitlichen Neugestaltung der Türkei Akt zu nehmen, so war es die Aufgabe der letzten Zusammenkunft des Großen A. C, im Lichte dieser Freiheit die weitere Gestaltung der zionistischen Tätigkeit in "großen Linien zu zeichnen und die Idee mit den Anforderungen der Praxis in das entsprechende Verhältnis zu setzen. Noch ist in dieser Beziehung das letzte Wort nicht gesprochen worden, und es soll auch nicht gesprochen werden. Wir stehen mit unserer Praxis in einer Entwicklung, die jetzt in ein rascheres Tempo eingetreten ist; neue Gesichtspunkte schweben uns vor, die allmählich zu klarer Durchführung kommen müssen. Obenan das verfassungsrechtliche Prinzip der freien Türkei, sodann das Wechselverhältnis zwischen diesem Prinzip und unsern Bestrebungen und die daraus resultierenden Maßnahmen, endlich die Wege und Mittel der Organisation. Die Idee selbst bleibt vondiesen Gesichtspunkten ebenso unberührt, als sie von diesen niemals bedingt wurde. Bevor aber an eine Bestimmung der praktischen Momente gedacht werden kann, ist es erforderlich, daß diese sich ausprägen und daß sie zur Geltung kommen. Die recht eigentliche Signatur jeder Übergangsperiode liegt nicht in dieser oder jener Einzelerscheinung, sondern in dem zugrunde liegenden Prinzip der Anpassung an die neugeschaffenen Verhältnisse. Diese Anpassung spannt ihre konzentrischen Kreise aus. Um Obereinstimmendes und Abweichendes in ihrem beiderseitigen Ausgangspunkte vollauf zu würdigen, sind Erörterungen notwendig. Wir können uns ebensowenig gegen die lebendige Entwicklung isolieren wie die großen Gesichtspunkte durch kleine praktische Projekte verdrängen lassen. Wie es überhaupt die Aufgabe des Zionismus war und ist, die auseinandergerisseneri Momente jüdischer Volksbestrebungen zu organischer Einheit ineinander zu fügen und damit die Einzelbemühungen zu einer Gesamtheit nationaler Arbeit zu erheben, so müssen wir auch unser Programm der Praxis für die Diskussion offen halten. Ein fester Zusammenschluß in der Idee ist ebenso wichtig wie eine Entwicklung der Methoden und Maßnahmen. Wohl wissen wir, daß es Schwarzseher gibt, die den psychologischen Reiz vermissen, den neue, in die Welt gesetzte Begriffe hervorrufen könnten. Aber wir haben noch nicht gesehen, welche wirklich neuen Begriffe sie ausgegeben haben. Und solange sie dies nicht getan, glauben wir den Beweis unserer Bewegung, wie Diogenes, am besten geben zu können: Wir bewegen uns, wir arbeiten, die klar erkannte Aufgabe zu lösen. Es ist alles schon gesagt worden, und wenn man die Kritik mit demselben Maßstab mißt, den sie an das Bestehende legt, so gelangt man zu demselben Ergebnis: es ist derselbe Abstand zwischen Wollen und Können. Dieser Abstand wäre nicht da, wäre das Wollen in demselben Grade in der ganzen jüdischen Gesamtheit schon vorhanden. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß wir erst an der Wachrufung und an der Entwicklung dieses Wollens arbeiten. Hier liegt der tiefe Zusammenhang zwischen zwei anscheinend so verschiedenen Arbeitsgebieten, wie Organisation, Propaganda des nationalen und zionistischen Gedankens und — Realarbeit in Palästina. Man ist leider zu sehr geneigt, diesen Zusammenhang zu verkennen, dessen richtiges Erfassen ein einseitiges Übertreiben des einen und ein Außerachtlassen des andern Teiles ausschließen würde. Deshalb scheint es den Kurzsichtigen, als ob wir erst jetzt angefangen hätten, uns mit Palästina zu befassen. Indessen war alles, was schon früher geschah, und was auch jetzt vom Zionismus außerhalb Palästinas gemacht wird, für Palästina, einzig und allein direkt oder indirekt für Palästina. Wenn man nicht etwas zu schnell in Angriff nehmen will, so liegt der Grund nicht in der Abneigung gegen reale Arbeit, sondern in dem Ernst des Bewußtseins, daß man sehr lange vorbereiten muß. Pilze wachsen schneller als Eichbäume, aber sie sind deshalb auch von kürzerer Dauer. Von dieser Erkenntnis sind jetzt die Vertreter sämtlicher

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