Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 12 DIE3aKE LT 267 außerordentlichen Tugenden des Herzens. Die andern reaktionären Blätter haben auch das Andenken des Verstorbenen geehrt. Das Leichenbegängnis stellte ein imposantes Schauspiel dar. Es war eine kolossale Zusammenkunft von Repräsentanten der jüdischen Welt aus ganz Rußland und dem Auslande. Unzählige Massen von Delegationen von verschiedenen philanthropischen und kulturellen jüdischen und allgemeinen Gesellschaften, eine Menge von vielen Tausenden, unter welcher sich die Elite der Petersburger Welt befand, > eine Masse der studierenden Jugend und lange Reihen von Kindern aus den Waisenhäusern und Asylen, die vom Baron unterhalten wären. In der Synagoge, wo das Trauergebet gehalten wurde, haben wir eine Reihe von Abschiedsreden gehört. Rechtsanwalt Temkin aus Elisawetgrad charakterisierte in schöner Rede die Verdienste des Verstorbenen für das ganze Volk. Ein edles Herz hat aufgehört zu schlagen, es starb ein Mann, der 50 Jahre lang dem Volke treu gedient hat. Der Name des Barons Ginzburg wird mit Ehre in Städten und Städtchen, in Schlössern und armen Stuben ausgesprochen. Der Verstorbene war die Quelle aller Hoffnungen. Die jüdische Armut fand in ihm immer ihren Verteidiger und Verfechter. Die Geschichte der russischen Juden der letzten 50 Jahre ißt mit der Person des Geschiedenen unauflöslich verbunden. Das ganze Leben litt er an den Leiden der jüdischen Massen. Dann hatte das Wort Rechtsanwalt Schliosberg aus Petersburg, der vom Baron Ginzburg wie von einer schönen Gestalt eines Juden redete, welcher den Idealen der Religion und jüdischen Moral treu ergeben war. Im. Namen des Hilfsvereins sprach Dr. Wilenski, der die Tätigkeit des VerstoTbenen im Hilfsverein charakterisierte. Der Verstorbene war seiner Ansicht nach ein Band zwischen den russischen Juden, und; den Juden der andern Länder. Rechtsanwalt Winawer hob die Verdienste des Barons auf dem Gebiete der Aufklärung hervor. Zuletzt trat der Vertreter der Petersburger Studentenschaft hervor. Der Tod des Barons Ginzburg war ein Ereignis von großer Bedeutung, sogar die ideellen Gegner empfinden eine tiefe Trauer wegen des ^ßflüßt^s. dieses echten jüdischen Philanthropen, jder den schönsten Tradhiörfen'der jüdischen Philanthropie huldigte. Der berüchtigte Städte vöh Odessa, tohnatschew, dessen unzurechnün|sfähige: Ausschreitungen in ganz Rußland bekannt sind, wählte sich/ zuletzt* als Opfer seiner eifrigen Reformen, das jüdische Krankenhaus in Odessa. Der General beschloß, diese Institution von den revolutionären Überresten zu befreien:. Vor zwei Wochen ließ er den Oberarzt des Krankenhauses, Dr. Puryc, zu sich rufen, dem er scharf meldete, daß seiner Meinung nach'das jüdische Krankenhaus ein Revolutionsnest ist. Der General versicherte, daß er* in seinen Händen Beweise besitzt, daß die jüdischen Ärzte während der Novembertage 1906 den kränken Christen Gift eingeimpft haben, mit der Absicht, sie zu vergiften. Angesichts dessen verlangte der General von dem Oberarzt die Herausgabe der ganzen Liste dieser jüdischen Ärzte, wekjhe den revolutionären Parteien angehören. An ihrer Stelle würden christliche Ärzte ernannt. Erstaunt über dieses Verlangen erklärte Dr. Puryc, daß es in dem von ihm geleiteten Krankenhause keine Revolutionäre gebe, und daß auch keine Fälle der Vergiftung der Christen vorgekommen seien. Infolgedessen könne er keinen Arzt nennen, den man hierin" beschuldigen könnte. \ Darauf antwortete General Tolmatschew, daß er in diesem Falle sich selbst mit den Aufrührern auseinandersetzen und vor allem beim Oberarzt anfangen würde. Diese Audienz hat auf das ganze Personal einen erschütternden Eindruck gemacht, und nach gemeinsamer Beratung beschloß man eine Deputation zürn Minislerpräsident zu schicken und gleichzeitig an die Deputierten Pergament und Nikolski sich mit der Bitte um Intervention zu wenden. Galizien (Von unserm Berichterstatter) Christlich-Soziale in Galizien Die christlich-soziale Bewegung gewinnt auch in Galizien von Tag zu Tag mehr Anhänger. In Krakau befindet sich jetzt der Hauptsitz dieser antisemitischen Partei, welche vor kurzer Zeit durch eine Fusion mit der klerikalen Gruppe, die sich um das dortige Tageblatt „Glos Narodic" (Stimme der Nation) konzentriert, eine größere politische Bedeutung erlangte. Insbesondere in den Arbeiterzentren und kleinen Städtchen Westgaliziens entfaltet die christlich-soziale Parteileitung eine lebhafte Agitation, die sich in erster Reihe gegen die Juden wendet. Das offizielle Parteiorgan „Postep" (Fortschritt) tritt in jeder Nummer in der heftigsten Weise gegen die jüdische Bevölkerung auf und wälzt alle Schuld für die unglückliche ökonomische Lage Galiziens auf die Juden. Lügnerische Nachrichten und Verleumdungen werden in diesem Wochenblatte nach den berühmten Wiener Mustern verbreitet, und spezielle Volksausgaben verschiedener Broschüren sollen unter den breiten, firistern Volksmassen den Haß gegen die Juden entfachen. — In Krakau will jetzt die Organisation eine christliche Bank gründen, um in dieser Weise ihren Einfluß zu stärken. An der Spitze dieser Bewegung stehen angesehene Bürger und sogar Universitätsprofessoren. Selbstverständlich sind es auch hier die katholischen Geistlichen, welche auf das kräftigste diese Bewegung unterstützen und ihr immer neue Anhänger zuführen. Bis nun hat sich weder die polnisch-demokratische, noch sogar die jüdisch-assimilatorische Partei gegen die angestrengte antisemitische Agitation der Christlichsozialen gewendet, obgleich diese allmählich einen großen Einfluß auf die galizische Bevölkerung Westgaliziens gewinnt Die zionistischen Abgeordneten und der Polenklub Die zionistischen Abgeordneten des „Jüdischen Klubs" erfreuen sich nicht der besten Sympathien der polnischen Presse. Sie werden oft stark kritisiert, manchmal sogar scharf angegriffen. Man kann es nämlich den Juden nicht verzeihen, daß sie es gewagt haben, einmal die Legende des Polentums mosaischer Konfession endgültig zu zerstören und eine selbständige Politik zu führen. Nun wird dafür an den Abgeordneten in dieser Weise Rache geübt, daß man ihre Tätigkeit ironisch behandelt und sogar sie persönlich in der schmutzigsten Weise überfällt. Nichtdestoweniger macht man ihnen aber auch von Zeit zur Zeit Liebeserklärungen und ladet sie höflichst zum Eintritte in den Polenklub ein. Da vor kurzem wieder die falsche Nachricht in die polnische und zum Teile auch in die deutsche Presse lanciert wurde, daß die zionistischen Abgeordneten in den Polenklub einzutreten beabsichtigen, sah sich das zionistische Zentralkomitee genötigt, auf das entschiedenste zu erklären, daß die Meldung jedweden Grundes entbehrte. Jaffa, 3. März 1909. Sehr geehrte Redaktion! Zu der Biographie eines großen Mannes, den das ganze jüdische Volk jetzt zu Grabe getragen hat, erlaube ich mir in einigen Streiflichtern seine letzte edle und großherzige Tat hinzuzufügen. Einige Tage vor seinem Ableben hat Gustav Tuch auf eine von mir ausgehende Bitte, für die Kranken von Jaffa alte Kleider und Wäsche zu sammeln, umgehend mir das zu tun versprochen, und einige Tage später, nach seinem Tode bereits, traf eine ganz große Kiste vollgestopft mit Kleidern und Wäsche, ein. Und mit welcher Liebe und Menschenfreundlichkeit waren die Sachen gesammelt. Nichts von altem unbrauchbaren Zeug war da, alles gute und geschmackvolle Sachen, damit auch die Armen sich einmal freuen. Da mein Dank an den Verewigten ihn nicht mehr am Leben traf, so ist hier die Stelle den Dank zur Öffentlichkeit zu bringen. Ich und viele meiner Mitschwestern verlieren in Gustav Tuch einen Freund, an den man sich immer in Leid und Freud gewandt hat. Wir, die wir so viel Menschenfreundlichkeit von ihm erfahren haben, sind tiefgebeugt über seinen Verlust und werden sein Andenken in größter Verehrung wahren. Ein Denkmal, ein lebendiges Denkmal, müssen wir dem Manne errichten, dort, wohin sich seine letzten Gedanken wandten. Nur Palästina ist der Platz, wo großen Juden in entsprechender Weise Denkmäler geschaffen werden können. Und darum wende ich mich an alle Verehrer von Gustav Tuch, für einen Gustav-Tuch-Wald in Palästina Sorge zu tragen. Es ist das schönste und lebendigste Denkmal, das wir einem der Großen •unseres Volkes setzen können! Antonie Tempelmann, Oberin am Krankenhause „Schaare Zion" in Jaffa. Anmerkung d. Red.: Die ersten fünf Bäume für diesen Zweck hat die Schwester Tempelmann selbst gespendet. Leipzig: Im „Verein zionistischer Studenten" wurden im verflossenen Semester Vorträge gehalten über: die jüdischen Landarbeiter in der jüdischen Kolonisation Palästinas; die Psalmen in der Weltliteratur; Schnitzlers „Weg ins Freie" nach seinem jüdischen Gehalt; Elisha ben Abuyah: Acher; H. St. Chamberlains Anschauungen über die Juden als Nation. Auskunft erteilt schon jetzt für das kommende Semester cand. med. G. Hecht, Elisenstraße 541.