Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316365--51724-3345379- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Spinoza-Biograph Freudenthal charakterisiert ihn, wie folgt: „In ihm ist eine außerordentliche Kraft des Denkens und eine eherne Festigkeit des Wollens mit kindlicher Herzensgüte verbunden, klares Bewußtsein eignen Wertes mit größter Bescheidenheit, Streben nach den höchsten Lebenszielen mit ungewöhnlicher Anspruchslosigkeit, unersättlicher Wissensdrang mit genialer Schaffenskraft ..." Zu dem Ungewöhnlichen seiner Veranlagung gesellte sich ein Schicksal voll sanfter Entsagung und schlichter, herber Größe: Momente, die auf kongeniale Naturen anziehend wirken. Nun verfiel auch Kolbenheyer, ein edler, begabter Dichter, in den Bann dieses jüdischen Brillen- und Gedankenschleifers, den er in den Mittelpunkt seines groß angelegten historischen Romans „Amor Dei" stellt. Ein Beispiel ist er ihm für die höchste im Leben betitigte Menschenliebe zu Gott und zu allem, was göttlich ist. Und göttlich war für den stillen Weisen alles, was ist. Kolbenheyers Buch ist eigentlich eine Reihe von Kulturbildern aus Hollands großer Vergangenheit. Die Juden nehmen da nicht den breiten Piatz ein wie in Hausers „Spinoza". Selbst der Philosoph wird in die wenigsten Erlebnisse verwebt. Leise nur wird seine geheime Schwärmerei für Clara Maria, die geistreiche Tochter des freigeistigen Van den Enden, gestreift. Ohne tiefgrabenden Kampf gelangt er zur Entsagung, ein stiller Träumer. Schärfer umrissen sind die Gestalten der Nichtjuden. Aber auch diese sehen wir nicht in der Entwicklung, sondern zumeist auf irgendeinem Höhepunkt der Konflikte. Von Handlung kann daher nicht recht die Rede sein. Die Geschehnisse wickeln sich gleichsam automatisch von einer unsichtbaren, aber reichhaltigen Spule ab. Dieser impressionistischen Darstellungsart ist auch die Sprache angepaßt: schwungvoll, lyrisch, stellenweise sogar pathetisch. Man merkt dem Autor also den Anfänger an, aber einen, der in voller Reife vor den Leser hintritt und etwas zu sagen hat. Nun fragt es sich, was hatte er speziell über Spinoza zu sagen? Schon die Art, wie er sich Spinozas Wesen und Werden aus dessen Abstammung, aus den Charakteren seiner schwärmerischen, still duldenden Mutter und seines praktischer veranlagten ernsten Vaters, aus den Einwirkungen seiner Lehrer und seiner Umgebung, aus seinem ganzen Umgang zu erklären sucht, beweist Kolbenheyers künstlerische Begabung. Und dann die Feinheit der Seelenschilderung: das Denken, in Poesie aufgelöst. Und alles von Liebe verklärt! In der.Zeichnung der übrigen Judengestalten — Spinozas Vater ausgenommen — und des jüdischen Lebens ruft Kolbenheyer zuweilen den Eindruck eines Fernstehenden hervor, obwohl er sein Werk auf sorgfältige Studien gegründet hat. Abgesehen davon, daß er nicht, wie Hauser es getan, vertraut und anschaulich die Synagoge, die Feiertage und die Familienfeste vorführt, verrät er an einigen der spärlichen Stellen, wo er jüdische Gebräuche andeutet, daß er hierüber nicht richtig informiert ist. Dem jüdischen Volkscharakter Rechnung tragend, läßt Hauser den Attentäter auf Spinoza — Manasse — von einem nichtjüdischen Matrosen abstammen und motiviert noch den Anschlag mit Sinnlichkeit und Eifersucht; Kolbenheyer dagegen schildert Spinozas Widerpart, der bei ihm Zacuto heißt, als jüdischen Jüngling, der aus Fanatismus und Neid schier zum Mörder wird. Dieser Figur fehlt die Lebenswahrheit, ja sogar die Wahrscheinlichkeit. Am besten ist dem Autor die Schilderung der „Judenbuurt" gelungen. Aus Portugal waren jüdische Flüchtlinge nach Amsterdam gekommen und hatten den Rat um Aufnahme gebeten. Der pflog keine lange Erwägung und verkaufte den Einwanderern Häuser zu hohen Preisen. Mit dem wachsenden Zuzug hielt man es aber für ratsam, den Judenbezirk scharf zu umgrenzen: die Judenbuurt. Die Mehrzahl der Judenfamilien mußte sich nun in die Quergassen pressen, in die Vlooienburg, die von den vornehmen Kreisen Amsterdams gemieden ward wie das Pesthaus vor den Wällen. Nur vorurteilsfreie Männer kommen in die Judenbuurt, in erster Linie Rembrandt, der hier nach Modellen sucht. Und die Bewohner der Judenbuurt? Die Kleidung der meisten steht zu dem Schmutze der Gäßchen in gewissem Gegensatz. Sie stammen vorwiegend von Eltern, deren Jugend noch Reichtum und Heimatsglück erhellt hatten, die aber vor dem blutigen Kreuze fliehen mußten. Im fremden Lande ist ihnen nur der trotzig geliebte Glaube und der Glanz der Erinnerung geblieben . . . „Ihre Väter noch lobten Gott für die Errettung, sie aber fühlen sich weit zurückgeschleudert: man duldet sie, weil sie demütig gebeten und gezahlt haben." Bittere, aber wahre Worte über die Gastfreundschaft. Der freien Amstelstadt! Bezahlte Gastfreundschaft! . K . Wie oft mußte sie der Jude durchkosten! Wie Könige auf der Flucht dünken einen diese südlich schwarzen Gestalten, die durch die Vlooienburg geschäftig hasten. „Euer Volk trägt den Zug geheimer Schönheit, der meiner Kunst unentbehrlich ist," sagt Rembrandt zu Rabbi Jehuda Leon, einem Freidenker, der die Kunst des Schweigens beherrscht. Einem vertriebenen Patriarchen gleicht besonders Spinozas Vater, Michael. Welche Größe atmet aus den Worten, die er an Pieter Keezer richtet! „Mein Name hat Klang in der Heimat,, im Süden, in Portugal. Ein Zweig unsres Stammes, ein schlechter nur, denn er ist abgefallen vom Väterglauben, sitzt in hohen Würden. Mein Vater war ein stolzer Mann. — Dann ist des Herrn Zorn auf uns gefallen. Ich habe nur mehr das Geschrei der Brüder gehört und ihre Pein gesehen ..." „Ihr sollt nicht am Vergangenen hängen bleiben, Michael de Spinoza." „Mein ganzes Leben lebt nur vom Vergangenen. Daß mein Geschlecht wieder groß werde, ohne vom Glauben zu fallen, daran hängt mein Leben. Darum gehe ich gebückt durch die Straßen der fremden Stadt mit meiner Last auf den Schultern, — darum murre ich nicht laut auf, wenn die Füße der Fremden mein Blut treten, wenn ihre Zungen und Augen meine Seele mißachten . . . Mein Trost liegt im Vergangenen. Daß der Herr eine Zukunft gebe, die nur ein blasser Schatten sei unserer Vergangenheit!" In diesen Worten wieder welche Demut! — Größe und Demut in einer Seele. Kein Wunder. War's doch nur eine getretene Judenseele! Sein Sohn, Baruch, hingegen ist schon ein Aufrechter, ein Freier, ein allzu Freier; er, der als Kind über den reuigen Uriel Acosta zu treten hat, — wie alle, die aus dem Tempel kamen, vor dem der Büßer