Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-03-12 · 11 (12.3.1909) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
11 (12.3.1909)
Date
1909-03-12
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316364--51704-3345358
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 11 DIE^ELT 245 Abg. Dr. Mahler beim Ministerpräsidenten Ministerpräsident Baron Bienerth, der mit den Vertretern aller Klubs über d e Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit des Reichsrats konferiert, empfing vorige Woche den Abg. Dr. Mahler, der dem Kabineischef die Wünsche des Jüdischen Klubs zur Kenntnis brachte. Eine Herzlstraße Der Gemeinderat in Gliniany beschloß, die Straße, in der sich das Jüdische Nationalhaus befindet, „Theodor Herzl- Straße" zu nennen. Es ist der zweite Fall in Österreich, daß ein derartiger Beschluß gefaßt wird. In Czernowitz gibt es bekanntlich einen „Theodor Herzl-Platz". Rußland (Von unserm Berichterstatter) Aus der Emigrationsbewegung Der immer wachsende Strom der jüdischen Emigration, hervorgerufen durch die sich immer verschlimmernden Bedingungen des jüdischen Lebens in Rußland, stellt die Emigrationsfrage in die Reihe der wichtigsten sozialen Probleme. Um der Exploitation seitens der Emigrationsagenten entgegenzuwirken und die Bewegung zu regeln, entstand in Rußland eine ganze Reihe von Organisationen, so z. B. die Informationsbureaus für jüdische Emigranten der Gesellschaft „Ica'\ die Gesellschaft zur Regulierungder jüdischen Emigration, die Organisation der „Ito" usw. Alle diese Organisationen bemühten sich, auf diese oder jene Weise, von diesem oder jenem Standpunkte die elementare Bewegung zu lenken und zu regeln. So entstand auch in Warschau ein Informationsbareau für jüdische Auswanderer, gegründet von einem Kreise der jüdisch-polnischen Intelligenz. Das Bureau beginnt gegenwärtig das dritte Jahr seiner Existenz. Das Bild der Emigrationsbewegung aus dem Königreiche Polen ist in der Beleuchtung der Bureaustatistik vom Jahre 1908 außerordentlich interessant. Im Laufe des Jahres 1908 wandten sich an das Bureau 2406 Personen, darunter Männer 1830, Frauen 576, Kinder unter 14 Jahren 564. Personen im Alter von 15—35 waren 2159, von 35—45 186, von 45—65 87. Verheiratet waren Männer 21 °/o, Frauen 14,3 °/-; unverheiratete Männer 55 "/o, Frauen 9,7. Leute mit Fachbildung 75 °/o, darunter Handwerker 85 °/o, Kaufleute 9 °/o, Freie Berufe 4 °,o, Ackerbauer und Gärtner 2 °/o. Leute ohne Fachbildung 25 °/o. Wenn wir die Emigranten nach den Emigrationsländern einteilen, bekommen wir folgende Ziffern: nachNew-York 30 °/o, Palästina 25 °/ö (!), Galveston 11 'V-, Argentinien 7 %, Kanada 5 °/o, verschiedenen Städten der Vereinigten Staaten 5 °/o, London 2 °/o, Syrien 1,5 "/o. Es fragten um Rat, wohin zu fahren, 12,5 ° i>. Wenn wir die jüdische Emigration in Polen aus dem Rahmen der Statistik des Warschauer Informationsbureaus betrachten, so sehen wir, daß sie im Jahre 1908 unter dem Zeichen der großen Amerikanerkrise und der Bewegung nach dem nahen Osten einerseits und der sich immer verschlimmernden 'Lage der jüdischen Massen in Polen anderseits geschieht. Wenn wir die Ziffern, welche den qualitativen und quantitativen Bestand der jüdischen emigrierenden Masse zeigen, näher betrachten, so sehen wir, daß im Jahre 1908 infolge der schrecklichen ökonomischen Bedingungen der produktivste Teil der jüdischen Bevölkerung genötigt war zu emigrieren. Wir sehen, 97 °/° aller Emigranten standen im Alter von 15—45 Jahren. In 70 (,/o der Fälle nötigt sie dazu die quälende Not. Wie arm die jüdischen Emigranten sind, zeigt die Tatsache, daß nur 5 % mehr Geld besaßen, als für die Reisekarten erforderlich war, 75 ° o haben mit der größten Mühe die Reisekosten zusammengebracht und 20 "/o konnten nicht mal sich diese Summe verschaffen. Wie wir schon oben gemerkt haben, bemerken wir in der Emigrationsbewegung aus Polen im Jahre 1908 ein neues Element. Während bis jetzt New-York und die Vereinigten Staaten Nordamerikas den wichtigsten Immigrationsort bildeten, entsteht im Jahre 1908 in der jüdischen Masse eine suirke Bewegung nach Palästina. Die Kadetten und die Judenfrage Wie bekannt, haben die Kadetten in der letzten Zeit ihre Taktik der Verschweigung der Judenfrage verändert und treten in der Duma ganz, offen als Verteidiger der Juden hervor. Wie es sich jetzt zeigt, entstand diese politische Wendung infolge der Forderungen der jüdischen Mitglieder der Kadettenpartei. In einer Unterredung mit dem Mitarbeiter des „Heed Hazman" gibt ein Kadettenführer bekannt, daß die Partei sich in ihrer Judenpolitik immer von ihren jüdischen Mitgliedern leiten ließ. Solange diese keine bestimmten Direktiven erteilten, hat die Partei keinen selbständigen, einheitlichen Standpunkt vertreten; gegenwärtig aber hat der frühere Dumadeputierte Winawer die Führer der Partei zu überzeugen gewußt, daß man offen und entschieden ohne Rücksicht auf die mögliche Verschlimmerung der Situation die Judenfrage in der Duma behandeln muß. Und daraufhin hat die Partei ihre Taktik verändert. Zur Frage über den Normalruhetag In der Sitzung der Dumakommission über die Normalruhe der Handelsangestellten entstand eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Vertretern der Regierung und den Vertretern der Mohammedaner, Juden und Polen, Der § 5 des Regierungsprojektes befiehlt in seinem ersten Teile das obligatorische Schließen aller Geschäfte an den ersten Osterfeiertagen und Weihnachten. Die mohammedanischen Deputierten protestierten gegen diese Verordnung, welche den Gefühlen von 20 Millionen Mohammedanern widerspricht. Der jüdische Deputierte Friedman erachtete es nicht für nötig, im Namen der Juden dagegen zu protestieren. Der zweite Teil des § 5 bestimmt die obligatorische Sonntagsruhe für alle Völkerschaften, welche Rußland bewohnen. Gegen diesen Punkt sprachen sich sowohl die mohammedanischen Deputierten wie auch der Deputierte Friedman aus und verlangten, daß ein jedes Volk das Recht auf Feiern des Tages seiner religiösen Ruhe ohne Verletzung seiner ökonomischen Interessen haben soll. Diese Ansicht verteidigte auch der Vertreter der Oktobristen Smirnow. Auf dem Standpunkte der Regierung beharrten die Vertreter der Rechten und der polnische Deputierte Purtschewski, welcher die Ausführungen der Mohammedaner und Juden aufs energischste bekämpfte, indem er behauptete, daß die Erlaubnis zum jüdischen Sonntagshandel zur Zerstörung des christlichen Handels im Königreich Polen führen würde. Rumänien Unser verehrter Gesinnungsgenosse, Herr Samuel Pineles, Mitglied des Großen Aktionskomitees, hat durch das Hinscheiden seines Schwiegersohnes, des Herrn Sami Forschaneanu aus Braila, einen schweren Verlust erlitten. Der Verstorbene, ein noch junger Mann, war unserer Sache von Herzen ergeben. Wir sprechen Herrn Pineles unser tiefgefühltes Beileid aus. NOTIZEN Palästinakurse in Wien Die Vorträge der beiden Palästinakurse des Vereins Theodor Herzl in Wien, die soeben gehalten wurden, erscheinen in extenso in einer Sondernummer der Zeitschrift „Palästina". Es ist somit der Allgemeinheit die Möglichkeit gegeben, sich die Kenntnisse anzueignen, die von den vielfach in der Presse genannten Palästinaautoritäten zum Vortrag gebracht worden sind. Des weitern erhalten die Abonnenten und alle die, die es im Laufe des Monats März werden, eine größere Broschüre über die kulturellen und sozialen Verhältnisse Palästinas von J. Gerstrnann zugesandt. Es wird dabei vorausgesetzt, daß die Palästinafreunde die Verbreitung der Zeitschrift mehr denn bis jetzt ins Auge fassen, zumal der geringe Preis (Jt 2.50 pro Jahr, resp. -IC 3.—, Adresse München, Pettenkoferstraße 25) eine größere Verbreitung erleichtert, aber auch voraussetzt. Gerade in Vereinen, Bibliotheken, Restaurants usw. sollte die Zeitschrift nicht fehlen. Als Geschenk für Zionisten und für die jüngere Generation ist es besonders empfehlenswert, ein Abonnement zu lösen. Hochachtungsvollst Administration der Zeitschrift „Palästina" Jüdische Presse Österreichs Das neue Jahr brachte der jüdischen Presse Österreichs manche Veränderung und Bereicherung. Der Verband der jüdischen jugendlichen Arbeiter gibt unter der Redaktion Jakob Kenners in Lemberg eine Monatsschrift in jüdischer Sprache — „Jüdische Arbeiterjugend" — heraus. Herr Chartirer gründete ebenfalls in der Hauptstadt Galiziens ein jüdisches Witzblatt: „Der guter Bruder". In Krakau erscheint wöchentlich eine „Jüdische illustrierte Zeitung". Die „Neue Nationalzeitung" in Wien, die bisher ein Wochenblatt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.