Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 11 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIII. JAHRG. KÖLN, 12. März 1909 immb o"nrVtf TIN d" No. 11 GEIST UND ARBEIT Mit der Unentschlossenheit und dem Wankelmut, der überall anfängt und bei nichts bleibt, mit dem selbstischen Jagen und Trachten nach bloß momentanem Gewinne ohne alle Beziehung zu einem Ideal kann eine Volkssache, wie es die Palästinaarbeit ist, nicht gemacht werden. Wir müssen die Palästinaarbeit als eine große kulturelle Aufgabe unserer Pioniere betrachten. Dazu bedarf es der Begeisterung, des Bewußtseins des großen Zieles, der nationalen Grundlage, mit einem Worte: des Zionismus in seiner historischen politischen Ganzheit. Das ist keine Einwanderungsfrage, wie sie mit Bezug auf irgendein anderes Land bestehen würde; es ist auch keine landläufige Angelegenheit eines Befähigungsnachweises für produktive Leistungen. Am allerwenigsten aber handelt es sich hier um eine Verwaltungsform, die dem diplomatischen Verstände des Mr. Lucien Wolf augenblicklich als möglich oder unmöglich erscheint. Hier handelt es sich um Palästina! Der Jude ist in Palästina kein Einwanderer, sondern ein Zurückkehrender. Seine Aufgabe ist dort eine ganz andere als in irgendeinem Einwanderungslande. Der Jude soll in Palästina nicht bloß darum arbeiten, weil ihn die Not dazu zwingt, oder um zu erwerben und das Leben zu genießen, sondern auch aus Gewissenspflicht für die Pflege, die Erhaltung und die Entfaltung des väterlichen Erbes und der Nation. An einem andern Orte und mit Bezug auf ein anderes Volk sind in diesen Tagen die Worte gefallen: „Die Aufgaben eines Volkes erschöpfen sich nicht in der Schaffung einer Masse materieller Werte, sondern es ist auch der Träger religiöser, ethischer und kultureller Ideale. Ein Volk, das vergißt, diese idealen Ziele zu pflegen, wird bald auf einen abgleitenden Weg geraten." Was sollen wir erst sagen, das Volk, dessen Schwerpunkt im Geiste liegt? Auch unsere ganz gewöhnliche Arbeit kann nur durch den Geist, durch die Macht des historischen Bestrebens geadelt, gehoben und gestärkt werden. Die ruhelose, einzig und allein von dem Streben nach Erwerb oder von der Begierde nach Reichtum geleitete Arbeit in der Diaspora konnte sich nicht aus der Niedrigkeit erheben und vermochte auch nicht den Geist wahrer Brüderlichkeit walten zu lassen. Man konnte in der Diaspora nicht für die Gesamtheit arbeiten, sondern jeder für sich, wie er es konnte und wie er dazu gezwungen war. Aber ohne Gesamtziel ermattet die Arbeit, weil das arbeitende Volk nicht auf den Erfolg seines Fleißes rechnen durfte. Je mehr der Arbeiter fühlt, daß er seinen Schweiß nicht mehr für Fremde vergießen müsse, desto mehr Fleiß und Beharrlichkeit wendet er seinem Unternehmen zu. Ohne das Eigentum, das die Zukunft sicherstellt, soweit dies nach menschlicher Voraussicht wahrscheinlich ist, würden niemals Fleiß und Sparsamkeit das Vorhandene vermehren; niemals würde die stets erneute und immer mühsame Kultur dem Boden jenen Zusatz von Fruchtbarkeit verschaffen, ohne welchen die menschliche Gesellschaft zu einem endlos sich gleichbleibenden Elend verurteilt wäre. Eine solche.Volksarbeit setzt den Besitz eines historischen Landes voraus. Der Jude der Diaspora kann gewisse Fähigkeiten und Kräfte zur höchsten Entfaltung bringen, aber die Arbeit, die die leibliche und geistige Gesundheit des Menschen erhält, die seinen Willen stählt und befestigt, die ihn glücklich und zufrieden macht, die harmonische mühevolle Tätigkeit und Anwendung aller vorhandenen Kräfte und Hilfsmittel ist nur in einer eigenen Heimstätte möglich. Zweifellos arbeiten wir überall nicht weniger, ja oftmals noch mehr als die andern, aber uns fehlt der Impuls, der uns zu einer Gesamtarbeit für die Zukunft anspornen würde. In Palästina ist dieser Impuls vorhanden. Wir müssen uns dort bemühen, durch gewissenhafte Entfaltung der leiblichen und geistigen Anlagen die notwendigen Fähigkeiten zu erlangen und durch redliche Anwendung von Zeit und Mittel uns für die große Pionieraufgabe vorzubereiten. Ja, vorzubereiten. Denn wir kommen aus der Diaspora und bringen sie auch dorthin für die erste Zeit mit. Und ob wir es wollen oder nicht, die erste Zeit ist eine Lernzeit. Wir haben noch vieles zu lernen und viele Schwächen zu überwinden. Wir müssen dort mehr arbeiten als irgendwo in der Welt, und außerdem ist es nicht nur die Masse der Arbeit, sondern auch die rechte Ordnung und Verteilung derselben, deren Veredlung und Vervollkommnung des Betriebes^ mittels Ausnützung der Errungenschaften der Technik vom größten Wert ist. Daher besteht für uns dort nicht bloß l