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Die Welt · 1909-03-05 · 10 (5.3.1909) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
10 (5.3.1909)
Date
1909-03-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 EL ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALÖRGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIII. JAHRG. KÖLN, 5. März 1909 wnb ü'nric* "TIN IM No. 10. Die Purim-Freude Es rückte heran. Heulend brausten die Stürme, den Anzug des Unglücks verkündend. Ringsum war alles von Angst durchzittert. Die jüdische Lebensfreude schwirrte wie eine scheue, weiße Taube hoch in den Lüften. Sie hatte Angst, sich auf den Boden niederzulassen, wo rohe Gewalt und Rache sie bedrohte, wo sie Gefahr lief, in den Sumpf der Gemeinheit hineingezogen zu werden. Wie ein trüber, reißender Strom sich über die Ufer ergießt und allen Schmutz und allen Unrat auf seinen Wellen trägt, so erhob sich der ganze Niederschlag aus dem Abgrunde des menschlichen Herzens. Es war schrecklich, die rollende Lawine der Bosheit zu sehen. Die Vor-Pogrom-Stimmung. Noch einen Augenblick, so schien es, noch einen Ruck, — und alles, was Jahrtausende angesammelt, wird sie im Nu hinwegspülen. Sie wird die Kraft des Bestehenden brechen, den Heiligenschein der Erhabenheit auf den blutenden Leichen der Märtyrer auslöschen und in ihrem unaufhaltsamen Rachedurst, von Leidenschaft und Haß zu allem, was noch lebt, geblendet, wird sie das Wenige vernichten, das noch auf Erden geblieben ist, die Nachkommenschaft der „Ausgetriebenen, die ausgetrieben worden sind mit Dechonja, dem Könige von Jehuda", das Überbleibsel eines Volkes mit denjräumenden Seelen, die so rein waren wie die Lilien, so duftend wie die Rosen, so hell wie die Sonnenstrahlen und so durchsichtig wie die unendliche Himmelshöhe. „Und die Stadt Schuschan war verwirrt". # Es rückte heran. Wie ein riesiges Ungetüm bedeckte es das Licht der Sonne mit seinen schwarzen Flügeln. Seinem Rachen entströmte ein Geruch von Leichen und von frischem, kaum vertrocknetem Blut. Und das jüdische Leben, das die Bergeshöhen liebte, und den Schatten der Palmen und den stolzen Wuchs der Zedern, fühlte sich verstört und zerrissen. Das Leben eines ganzen Volkes verfiel in Trübsal. „Du solltest doch gerechter sein," sagte es. „Gegen die Starken solltest Du doch lieber Deine Wut richten, anstatt mich zur Zielscheibe Deiner Rachegelüste zu machen. Bin ich denn jemand in den Weg getreten? Lebte ich nicht, um den Menschen das Recht zu verkünden und um auf ihren dunklen verschlungenen Wegen die Fackel der Wahrheit zu schwingen?" „Du hast nicht uns gedient!" rief das Ungeheuer. „Ich habe allen gedient, die es wünschten und die mich liebten," erwiderte das jüdische Leben. Aber das wilde Ungetüm, das Ungetüm des Hasses, war über die Antwort des jüdischen Lebens erbost. „Höre'Du," brüllte es, „ich kenne Dich nicht! Du bist überall zerstreut und entstammst nicht meinem Geschlecht. Ich ward unter der Erde geboren, wo kalte Nässe alles durchdrang. Dort habe ich Dich nicht gesehen. Und als ich aus der dürren Brust meiner Mutter anstatt Milch Blut sog, und als meine Mutter vor Schmerz stöhnte, sah ich Dich in unsrer Nähe nicht. Ich kann mich Deiner auch aus jener Zeit nicht erinnern, als man mich in Ketten geschmiedet und das Sklavenjoch auf den Nacken mir gelegt hat". Bei der Erinnerung der Vergangenheit wurde das Ungetüm ganz wild. Es schnaubte Rache und verbreitete einen Geruch von Mord und Brand. Das jüdische Leben wußte, daß dieses Ungeheuer aus dem Irren und Leiden der Menschen erwachsen ist, an die seine Strahlen kaum gedrungen sind. Es sagte: „Ich diente allen Menschen. Deder mochte nehmen, was er wollte. Wo die Menschen in Finsternis geboren wurden, und wo sie Blut anstatt Milch in sich eingesogen haben, dorthin drangen meine Strahlen nur schwerlich. Und sie waren rein, uneigennützig, unschuldig, — ob die heilige Flamme erwidert worden ist oder nicht. Darin bestand gerade ihr großer Zauber. Sie haben keinen Gegenstand des Begehrens, sie haben ein Ideal. Es gab allerdings eine Zeit, da ich mich mit Riesen schlug, darüber bin ich jedoch nunmehr hinaus. Unsere Wege schieden sich. Da, Du bist ein grausames Wesen, aber bei allen Deinen Gemeinheiten steckt eine gewisse Ehrlichkeit in Dir, die ich zu schätzen weiß, weshalb ich Dir denn, wie nicht minder in Anbetracht des Umsfandes, daß Du Blut getrunken hast, nicht grollen will. Nur muß ich Dir aus dem Wege gehen. Auf die Höhen muß ich hinauf!" „Also wieder auf die Höhen!" brüllte das Ungetüm. „Wie lange ist es her, daß ich Dich ins Tal zerrte?" „Alle Vorwärtsbewegung geht der Welle gleich, erst hinauf, dann hinab, und nur mittels Veränderung läßt sich ein fester Halt gewinnen, sagte einer meiner Weisen." „Gewiß ein furchtbar kluger Mann!" erwiderte das Ungeheuer. „Allein, obgleich Du Dich stets in Krümmungen bewegst, hast Du den festen Half im Leben immer noch nicht finden können." „Weil ich Deine festen Sitze verschmähe, weil der faule Kern, der die andern gleißend trügt, mich nicht zu täuschen vermag. Wievielmal saß ich auf den Ruinen Deiner Vorgänger und brütete über ihr vergängliches Geschick! Und wenn Du zerschmetterst und vernichtest, wenn Du aus einem grünen Tai eine graue Wildnis schaffst und freventlich der Kleinen und Schwachen Glück zerstörst, sehe ich auch Deine Mängel und Gebrechen, wie Du klein 1* <■< k

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