Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-01-01 · 1 (1.1.1909) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316351--51425-3345107
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

14 DIE^KELT Man hat Schlagworte geschaffen: Praktische Arbeit und politischen Zionismus. — Wo ist hier der große Gedanke, der das ganze jüdische Volk einigen konnte? Den.Vertretern der praktischen Arbeit ist die Ansiedelung von jüdischen Bauern in Palästina Selbstzweck. Die Kolonisierung ist eine gute Sache, die jeder Zionist persönlich unterstützen soll, aber die Kolonisierung selbst von Tausenden Juden in Palästina ist nicht Sache des Zionismus. Wir können mit unsern kleinen Mitteln nicht im entferntesten Ähnliches leisten, was ein Rothschild in Palästina geleitet hat. — Und wären wir nicht mit dem großen Gedanken gekommen, dann wäre das große Werk Rothschilds zugrunde gegangen. Der Gedanke hat das Werk noch rechtzeitig gerettet. Die sogenannten praktischen Zionisten haben aus dem Zionismus eine kleine Partei gemacht. Unsere Bank macht kleine Geschäfte, während das Geld dafür bestimmt war, einem großen Gedanken zu dienen. Wir haben einen großen Moment erlebt, aber anstatt daß unsere Bank bereits über ein großes Kapital verfügt hätte, um etwas Großes zu unternehmen, ist ihr kleines Kapital in kleinen und kleinlichen Unternehmungen engagiert. Die zionistische Fahne ist groß genug, um aUe Juden unter ihrem Schatten zu bergen, aber die Unduldsamkeit in unserm Lager hat viel : aus unsern Reihen gestoßen, viele der Besten von uns entfernt. Der ungeheure Rückgang der Schekel, worauf ist das zurückzuführen? Daß an Stelle einer großen Idee kleinere Gesichtspunkte getreten sind. Der Einfluß des Zionismus habe sich überall im jüdischen Leben bemerkbar gemacht, der Bewegung muß wieder Schwung verliehen werden. Wir stehen vor einem Kongreß, es wird notwendig sein, eine Reorganisation unserer Bank durchzuführen. D;e Organisation muß neu geregelt werden. Alle Kräfte müssen daran gesetzt werden, eine große Anzahl Schekel zu sammeln. Wir müssen der neuen türkischen Regierung zeigen, daß wir eine große Masse hinter uns haben. Wir müssen nicht bloß trachten, jüdische Bauern in Palästina ansässig zu machen, sondern die kulturJle und wirtschaftliche Präponderanz im Lande tu erlangen, und diese erlangen wir nicht dadurch, daß wir die Anzahl der im Lande wohnenden Juden um einige Tausend vermehren, sondern wenn wir die richtigen Elemente ins Land schicken, die kulturfördernd wirken. Wir müssen die Bedingungen schaffen, welche uns die führende Rolle im Lande ermöglichen. Dr. Nord au sprach Französisch: Der Zionismus sei oft von unsern Gegnern totgesagt worden, so auch anläßlich des großen Ereignisses in der Türke'. Herr Lucien Wolf, der sich bescheidenerweise -als Journalist Diplomaticus nennt, schrieb gleich nach dem Eintreffen der ersten Nachrichten: Es ist nicht ausgeschlossen, daß die neuen Männer wieder gestürzt werden und daß die alte Regierung die Oberhand bekommt. Eines aber ist sicher: Der Zionismus hat jede Existenzberechtigung verloren, er ist tot. — Nun denn, wieder einmal hat sich die Diagnose als falsch erwiesen. Wir leben und wollen nicht sterben. Im Gegenteil, unsere Lage ist besser als je. Es wird für uns viel leichter sein, mit der neuen freiheitlichen Regierung zu unterhandeln als nrt der alten, despotischen. Die neue Regierung, davon ist Dr. Nordau fest überzeugt, ist definitiv und stabil eingerichtet. Die Männer, die jetzt am Ruder sinJ, haben noch Ideale, sind noch nicht von der Macht korrumpiert, sie haben selbst einen dornenvollen Weg zurückgelegt und haben für die Leiden anderer ein inniges Verständnis. „Ich kann Sie versichern," ruft Dr. Nordau aus, „daß diese Männer keine Antisemiten sind," wie es alle die meisten sind, die wir bis nun um Beistand angegangen haben, sie sind uns entschieden gewogen, und wir werden mit ihnen leichter verhandeln können als mit der alten Regierung und den Mächten. Denn von selbst ist das eingetreten, was wir während langer Jahre mühsam erstrebt und nicht erreicht haben. Es bedurfte wirklich des ganzen tollkühnen Mutes nach Freiheit strebender Menschen, des mächtigen unbezwingbaren Willens zu leben, um die Schritte bei den Mächten zu unternehmen. — Wenn Herzl den Tag der türkischen Freiheit erlebt hätte, dann würde er jauchzend vor Freude ausgerufen haben: „Da habe ich ja meinen Charter." Das türkische Reich war nominell ein unabhängiger Staat, aber tatsächlich war es bevormundet durch alle Großmächte. Unsere Politik war diesen Zuständen angepaßt, und deren Richtigkeit ist nicht zu bemängeln. Um mit der Türkei ein Abkommen, treffen zu können, konnten wir die Einwilligung der Mächte nicht entbehren. Wenn wir es nicht zustande gebracht haben, das Konzert der Mächte zu unsern Gunsten zu einigen, so ist dies weiter kein Wunder. Österreich, ein starkes Reich mit einer großen Armee und Flotte, kann die Mächte nicht zur Anerkennung einer nicht mehr rückgängig zu machenden Tatsache einigen. Jetzt können wir, ohne die Mächte zu befragen, mit der türkischen Regierung in Beziehungen treten. No, 1 Die türkische Regierung wird allen Völkern, die im Reiche leben, gleiche Rechte gewähren, und wir werden in Palästina dasjenige Maß von Freiheit und Rechten erstreben und erhalten, wie es unser Volksinteresse erfordert. Unser Programm muß dafür nicht geändert werden, es bleibt voll und ganz aufrecht erhalten. Hillels Antwort an den Heiden ist bekannt: „Tue niemanden, was du nicht willst, daß man dir tue, darin ist das ganze Judentum enthalten. Alles andere ist Exegese." Auch wir können den Fragenden antworten: Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich, rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Das ist der ganze Zionismus, alles andere ist Exegese. Dr. Nordau ging nun zur Kritik über, er ist mit der Arbeit im Zionismus nicht zufrieden. Man verlangt von uns, wir sollen die Leute in Palästina ansiedeln, das ist nie und nimmer unsere Sache. Wir sind nicht dazu da, einen armen Juden in einen reichen Gutsbesitzer umzuwandeln. Wir können dem einzelnen Juden keine Stellung verschaffen. Eine Stellung muß sich jeder Mensch selbst erwerben. Wir können nur die Basis schaffen, den Eingang leichter machen. d3n Boden vorbereiten, den Ankommenden mit Rat und Auskunft zur Seite stehen. Unsere Bank muß in den Stand gesetzt werden, eine anständige Dividende zu zahlen, damit die Aktien verkauft werden können. — Unser Ziel ist, in Palästina die geistige und wirtschaftliche Vorherrschaft zu erreichen. J. F. Holland Neunter Delegiertentag des Niederländischen Zionistenbundes Am 20. Dezember fand in Amsterdam der neunte Delegiertentag des Niederländischen Zionistenbundes statt. Die Versammlung war stärker als je besucht, von ca. 80 Abgeordneten und Mitgliedern des Bundesvorstandes: ein kräftiger Beweis für den Zuwachs unserer Bewegung in Holland im vergangenen Jahre. Der Vorsitzende, Herr S. Seeligmann, eröffnete die Versammlung mit einer längern Rede, in der er seine Ansichten über die allgemeine Politik des Zionismus und seinen Standpunkt im Niederländischen Bunde ausführlich auseinandersetzte. Es folgte sodann die Beratung über den Jahresbericht des Schriftführers des Bundes, Herrn S. Hoofien. Dieser überaus reiche und die Tatsachen bis ins einzelne verfolgende Bericht war schon im „Joodsche Wächter" publiziert worden. Er spricht zuerst über die Bewegung im allgemeinen und teilt dann die verschiedenen Ereignisse im engern Kreise des Niederländischen Bundes mit. Wir sehen mit Freuden, daß die Mitgliederzahl von 839 auf 938 gestiegen ist: doch hat, meint Herr Hoofien, der im Berichtsjahre abgehaltene Kongreß nicht jenes großartige Resultat gehabt für die Bewegung in Holland, das man davon erwartet hatte; und auch dieses habe wieder gezeigt, wie schweres Material für die Propaganda die holländischen Juden bilden. Diese letzte Tatsache wird auch dadurch illustriert, daß die Ito, ein so viel leichteres und mit so viel weniger Enthusiasmus greifbares Ideal, nur sehr wenig Mitglieder in Holland gewinnen konnte, und selbst dies meistenteils nur dadurch, daß die Ito als eine Art Antizionismus betrachtet wurde! Den holländischen Juden fehlt das Interesse für jüdische Sachen. Doch sind auch.sehr erfreuende Tatsachen zu berichten. Die Jugend Hollands hat sich gleich nach dem Kongreß zusammengeschlossen in einen Bund der jungen Juden „Makbi", der, obgleich nicht den Zionismus, doch die Nationalidee in sein Programm aufgenommen hat. Und der Kongreß selber hat einen bessern Geist geschaffen nach außen und auch nach innen; in den zionistischen Kreisen Hollands ist jetzt ein reges Interesse wachgeworden für die Fragen der großen Bewegung. — Die Propaganda wurde auch in diesem Jahre eifrig betrieben; zwei neue -Ortsgruppen, Noord-Brabant und Meppel, wurden ge rundet, einige andere sind im Entstehen begriffen. Die Propaganda wurde wieder gehemmt durch die bekannten Gegner, namentlich die Orthodoxen, mit denen es bisweilen zu öffentlichem Streit kam. Ein Versuch des Rabbiners J. van Gelder im Haag, die verschiedenen Parteien zu gemeinschaftlicher Arbeit für das Judentum zu vereinen, mißlang, wie im voraus zu erwarten war, würde doch Erschlaffung des notwendigen Streites Erschwächung des zionistischen Prinzips und Verringerung des Enthusiasmus bedeuten. —In der Organisation wurde eine Statutenänderung vorgenommen, welche die Leitung des Bundes einem zu wählenden Vorstand von sieben Mitgliedern übergibt; schon im vergangenen Jahre war tatsächlich einem solchen, einer Konimission aus dem Landeskomitee, die Leitung anvertraut. Außer diesem Jahresbericht waren publiziert, die Rechnungsablage des Schatzmeisters und der Bericnt des N.-F.-Kommissars,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.