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Die Welt · 1907-12-27 · 52 (27.12.1907) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE^EE LT No. 52 UNSER PARTEIFONDS (IM LICHTE GESCHICHTLICH-JÜDISCHER VORSTELLUNGEN) III. Brandstätten und zerstampfte Saaten, — greulich heult der Wölf zwischen den Ruinen und der Fuchs schüttelt sein' Haupt auf einer zerschmetterten Tempelsäule. Zwei Männer gehen vorbei. Sie tragen keine Waffe, kein Erz umschnallt die Brust, doch purpurn leuchten durch Sturm und Nacht die Fetzen, die die königlichen Gestalten umhüllen. Der eine sagt: ich kann die Schmach nicht ertragen, mich umnebelt Verzweiflung. Darauf der andere: Empfinde doch wie ich, mir blühen die verheerten Fluren und das Winseln der Hyänen ist mir Wonnelaut. Jetzt sehe ich die flammende Erfüllung einer grauenvollen Weissagung. Und beim ewigen Licht! — jetzt fühle ich's noch mehr, wie nahe die Verwirklichung des Endes dieser Verheißung ist, des guten Endes. Mich dünkt, der Geist der kommenden Erlösung umschwebt mich schon. Preise selig dich, Rabbi Akiba. Ein holder Genius schwebt über den scheidenden Strahlen deiner Lebenssonne: der Glaube an einen Helden. Er nannte sich einen Sohn des Sternes und wie ein Funke aus den Sternenhöhen fiel dieses Wort in deiner Seele Nacht. Wie eine neue Morgenröte lächelte es in die Schatten, die der herannahende Märtyrertod vorausschickte. Ein Klang, hell, wie aus der Heroenzeit, zuckte über die zerrissenen Saiten hin. Eine neue Zerstörung, — empfange die Flüchtlinge, du Nacht des Goluth! Hinweg aus dem Schutthaufen, wo nur noch die Betrübten an Grabeshügeln um Verlorenes weinen! Auf öden Feldern heult der Wüstenwind und nackt und arm ist der felsige Boden, -der Hügel. Und liebt ihr das Leben und liebt ihr die Thora, so ziehet nach Babylonien. Dort schwillt die Traube am Weingelände, die Rosen glühen wie Funken von dem Sommerwinde angeweht und wenn ihr jene.Palmen sehen werdet, so werdet ihr glauben, eure alten Palmen zu sehen, als sie noch mit ihren Gipfeln von des Äthers Bläue tranken. Und die Thora! Es wehen Bibellaute durch die Lüfte. Aus den Kinderstuben tönt frommes Geflüster, es lispeln noch die müden Greise und in jedem Lehrhause wimmelt es, wie in einem Bienenschwarm. Neue, heilige Stätten, an denen man sicher ruhen kann im Gewühl des Lebens. Was ist euer „Talmud Jeraschalmr? Hart, wie die Not, die euch bedrängt: dunkel, wie der Flor des Trübsais, der eure Augen umhüllt und euch die Sonne raubt. In Babylonien funkell und sprüht der jüdische Geist. Dahin! Dahin! Zwei Wanderer ziehen gen Akko. Sie wollen über den Jordan, nach denf Hauran, und von dort südwärts nach Babylonien wandern. Die Drangsal treibt sie, das dürre Fleisch hängt auf dürren Knochen und das Haupt hängt lahm auf der eingefallenen Brust. Es geht nicht mehr länger. Man lebt, wie Ben-Jochai, jahrelang in Höhlen, man fürchtet das Tageslicht und man steigt, wie die Toten, in Mitternacht eingehüllt, aus den Grüften, um durch die wüste Erde zu wandern. Einsam wandert man unter Ruinen und Nebelsäulen steigen auf, wie Traumgestalten; man begegnet dem Propheten Elijahu, dem längst verstorbenen, der über das geliebte Land dahinwandelt; man streckt ihm mit dem „Schalomsgruß" die Hand entgegen, aus den hohlen Trümmern tönt ein geheimnisvolles Echo, singt . schwermutsvoll und dumpf, wie Geistergelispel. Aber zum Leben ist keine Kraft mehr vorhanden. „Und was wird aus der Thora?" Sie blüht in Babel, — so gehen von Ohr zu Ohr die Nachrichten über die Größe, die Herrlichkeit des Rabbi Jehuda Ben Betheira. Dahin! Dahin! Rasch ziehen die Wandrer und plötzlich bleiben sie an der Treppenleiter von Tyrus stehen. An den Felsenufern brandet das sturmgeschlagene Meer, dicht senkt sich die sonnenhelle Ätherwölbung und läßt die lichten Ufer, und die Berge, und die Haiden, und die Haine im verklärten Vollglanze erscheinen. Die Wanderer kehren plötzlich um. Kein Wort, kein Wink. Zurück laufen sie nach ihren Ruinen. Nur der Wind singt ihren Zorngesang und schwellt ihre Fetzen wie die Segel. Ihre Füße scheinen Flügel. Nein! Rabbi Elsazar ben Schamua und Rabbi Jöcharna Hasandler bleiben im Lande. Es gehen die einen, es bleiben die anderen. Groß ist die Bedrängnis, die Liebe noch größer. Die Äußerlichkeit der Einrichtung mochte sich noch so sehr wandeln, die Seele blieb stark, die Seele, die an dem Lande hängt. Hat man jemand überfallen und auf ihm die Kleider zerfetzt, so sind dadurch noch die Adern in seiner Brust nicht zerrissen. Im Gegenteil, — sie blähen sich, wie getretene Nattern, ob der Unbill. Ben Zakkai! In dem entsafteten „Judentum" erfand man die fade und flaue Phrase, er habe das alte entthront und den Geist gekrönt. Die Residenz dieser Krönung hieß Jawne (Jamnia). Und war nicht Jawne in Palästina? Rosig glühte die Hoffnung über die Gräberfelder der Zerstörung noch einmal hier im Schatten friedumwehter Lehrhäuser neue Geschlechter im Lande heranzuziehen. Sie betteten sich tief und tiefer hinter hohen Altären, sie vergruben sich in Höhlen, in Abgründe einer unverwüstlichen Zähigkeit des Glaubens, in gestaltungskräftige Ritualien, in sinnreiche Hyperbeln und Metaphern. Sie benahmen sich in gefahrvollen Stunden, wie David vor Abimelech, dem Könige von Gath. Sie schienen feige Aszeten, aber sie waren Helden. Sie ließen sich von Allegorien umhüllen. Der Schmerz und der Zorn quollen nur selten feuersprühend auf ihren Lippen; der Schweiß des Leidens sprudelte rein in klaren Gedankentropfen von klassischer Ruhe. Aber in der Brust kochte ein gärend Leben. Daß man jahrhundertelang in Höhlen wohnte, daß man Schulen nach Schulen gründete, daß man Frühlinge neuen Schaffens und Strebens im verarmten Tiberias und in der zerstörten Sepphoris erblühen ließ, daß man das Panier pflanzte in jedem Winkel, wo nur noch das Lebenslicht nicht ganz ausgeblasen war, daß man den wildesten Stürmen, die die Lebenden wegwehen und die Gräber aufdecken, widerstand, und daß man im Lande einen Rest des Grundstamms, wie einen Mittelpunktsstern, wie ein leuchtendes Auge der Diaspora ununterbrochen erhielt, — das ist es, was ein zwerghaftes, schnödes Geschlecht auf den Tafeln unsrer Geschichte gar nicht mehr lesen kann! Und daß jenen in Babylonien all ihre Lehren und Deutungen und Symbole und Uberlieferungen, wie ein

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