Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 48 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN UBIERRING 23\M ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XL JAHRG. KÖLN, 29. November 1907 jtmin1? tAnn\« hü? No. 48. CHASCHMONOIM Du, das die großen Herzen ernährt, du altes Juden- Mnd, wo die Kraft reifte und die Heiterkeit des Lebens Mühte! fhr großen Felsen, ihr lachenden Weingärten, ihr saftigen Triften, wo unsere Väter einst mit voller Artist die freie Luft atmeten . . . Du, für Fremdlinge einst wie das Abrahamsche Zelt 'ffene Land, so süß und so wundersam, schön! Du, mein Land, das ich so eigenartig liebe, — des jüdischen Volkes Land, in dem die Wurzeln meines Stammes so iief stecken, von dem der Strom meiner Worte und die Vmade meines Gottes quillt und in dem die Muse neiner Dichtung ihren Ursitz hat. Du, die wie ein ewiges Rätsel mein stilles Sinnen inregt, — du, die Schweigende, die Zürnende, mit den dummen Bergen, auf denen kein Laut erschallt. Ich empfinde in dir nicht mehr den lebendigen!Meiern, das Wehen deines Hauches, das einst Riesen- Gedanken schuf. Das Blau deines Himmels begeistert;md erschreckt mich zugleich, und wie blenden mich die Flammen deiner Sonnen! Du scheinst mir, als ob auch du in unendliche Trauer gehüllt wärest, als ob du die Last unseres Glends mittragen würdest. Edles Land! In dieser nglückszeit brennt auf deiner Stirn das Schandzeichen einer Söhne, das Schandzeichen des Verfalles. Nicht mit all ihrer Kraft haben sie deinen reinen 1 usen^beschützt, Mutter! Die Füße der Römer zer- 1 raten dich . . . Das ist der bitterste der Schmerzen ob deiner schwachen Söhne. Ach, wie versagst du mir jeden Blick und jedes Wort! Während ich deiner so sehr bedarf, rufe ich dich umsonst an. Todesstille "bedeckt deine Fluren iind der müden Hand entfallen Harfe und Pinsel. Was soll nach -einem Sturz, wo die Ehre begraben ■legt, gemalt und gesungen werden? Wie soll man 'Mumen pflücken und Kränze winden, auf einem Boden, den Barbarenfüße zerstampft haben*? Schweiget Harfen, Qesänge, schöne Träume, in Nestern gebettete Singvögel, Waldesrausch, Meeres-;yellenrhythmen und all ihr Klänge der Liebe und der Lxvigkeit! Über die Fluren meiner Liebe liegt ein schwarzer Schleier. Die Nacht hat sich auf sie wie auf den Abgrund meiner Seele gelegt. Ich vernahm nicht mehr die Stimme der Natur. Auf den Bergen, die der Eroberer entweiht, hörte ich auch die Stimme meines Gottes nicht mehr. Aus war es mit dem Glück der Träume und des Lebens, aus mit dem Stolz, mit der Ehre! Was mir Macht verlieh, erstarb in meiner Seele und erlosch auf meinem Himmel. Du Gnadenland, Judäa, — die Zeit kam als du in mir nur ein Gefühl zu wecken vermochtest: Haß und Rache. Und da träumten die Chaschrnonoim auf deinen Bergeshöhen ihren blutigen, heiligen Traum. Weg mit der Verzeihung, solange die Missetat wächst! Lerne dich selbst lieben, wie die Natur es geboten. Sei früher stark, dann wirst du auch gerecht sein können. Bezwinge Deine Unterdrücker und dann — verzeihe ihnen. Jag hinaus die Weltbürger, die im Namen ihrer großen Menschenliebe das kleine Heim verraten! Verschließe dich dem Lockrufe deiner Heuchler, der Bundesgenossen der Mächtigen, die dir vorsagen, du seist nur dazu bestimmt, andere zu belehren und dann dich ins Grab zu legen an der ausgedorrten Quelle. Deiner guten Tage wollen wir gedenken, Mutterland, als deine Priester in Majestät glänzten, als deine Propheten die Welt umfaßten, und als deine freien Söhne den Liebestraum für alle Völker träumten. Und diese Tage müssen wir erneuern. Und wenn es sein muß, so soll es uns das Leben kosten, denn was ist uns ein Leben in Schande? So nahten sich dir die Chaschrnonoim, und so retteten sie deine Ehre für Jahrhunderte. * * * Nach Jahrtausenden treten wir an dich heran, geliebtes Ahnenland, und wir sagen: du bist uns nicht eine Mumie, die man aufbewahrt, nicht ein Adonis, den man beweint. Ein Land des Lebens sollst du uns sein, — kein Märchenbild und keine Phrase. Du hast Boden Aund Luft und Himmel, wie alle 2