Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-09-27 · 39 (27.9.1907) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
39 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316282--49774-3344708
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

8 die3|kelt No. 39 IGNAZ BRÜLL . Ein Wort des Abschieds Von Karl Goldmark Im Augenblicke des ersten, herbsten Schmerzes über den Verlust eines Freundes, mit dem mich durch 45 Jahre treue, ungetrübte Freundschaft verband, kann es wohl hier nicht meine Aufgabe sein, einen Abriß seines Lebens, seiner ganzen künstlerischen Persönlichkeit oder erschöpfend selbst nur des Charakters des Mannes zu geben. Nur ein Wort der Liebe sei ihm hier aus treuem Herzen nachgesendet. Es war im Jahre 1862, als ich bei einer Morgenprobe zur Erstaufführung meines Streichquartetts bei Hellmesberger Professor Julius Epstein mit seinem Schüler — einem etwa vierzehnjährigen Knaben — traf. Er sollte Hellmesberger etwas vorspielen. Ein schmächtiges Bürschchen mit schmalem Kindergesicht, aber schönen, warmen, blauen Augen, aus denen helle Musik sprach, — es war Ignaz Brüll. Er spielte einige kleine Stücke eigener Komposition, die ganz zu seiner kindlichen Erscheinung paßten. Diese Einheit des Menschen, seines inneren Wesens mit seiner Musik ist ihm — natürlich mit dem Wachstum und der Reife des Mannes gleichmäßig erstarkt und vertieft — auch treu geblieben bis in sein reifes Alter. Diese seltene, nie schwankende Obereinstimmung in sdnem Denken, seinen Überzeugungen, seinemSchaffen, seiner ganzen Natur machte ihn in unserer von so vielen Gegensätzen aufgeregten musikalischen Gegenwart zu einer seltenen herzerfrischenden und herzerquickenden Erscheinung. Eben diese aufgeregte und aufregende musikalische Sturm- und Drangzeit mochte sein Kunstschaffen vielleicht klein nennen. Aber im kleinen groß sein, ist immerhin Größe. Chopin hat nie Opern, Oratorien, Symphonien oder Quartette geschrieben, und doch zählt er zu den Größten, die wir in der Musik besitzen. Daß wir dreißig Jahre nach dem Tode Richard Wagners Mozart noch mit Entzücken genießen, entspringt demselben erdkräftigen Boden reinen, echten Kunstempfindens. Auch Grillparzer dürfte mit seinem Ausspruche recht haben: Ihr grübelt, klügelt früh und spät, Nichts, was zu schwer euch deuchte; Doch wer so leicht, was schwer, versteht, Versteht oft so schwer das Leichte. Es ist bezeichnend für die schöne geschlossene Einheit seines künstlerischen Wesens, daß Ignaz Brüll in voller Erkenntnis der Grenzen seiner Natur niemals den Versuch machte, diese zu überschreiten, sich höher zu strecken, als er reichte. Sein 5,Goldenes Kreuz" hat sich mitten in der Zeit stürmischer Veränderung und Wandlung in all seiner Liebenswürdigkeit und seir.erNatürlichkeit durch 30Jahre noch blühend erhalten. Seine Lieder, seine Klaviermusik sind tiefer gegangen, mehr "und weiterverbreitet, als es nach den öffentlichen Produktionen den Anschein hat. Seine selbstbewußte, stolze Bescheidenheit, seine zurückhaltende, vornehme Gesinnung, die nie durch eine Pose auf sich selbst hinwies, haben es wohl mitverschuldet, daß ihm, namentlich in letzten Jahren, als Pianist übersehen, jedenfalls nicht die Würdigung zu teil wurde, die er verdiente. Er verband große Technik mit seelenvollstem Gesänge, wie nur Rubinstein singen konnte. Nie diente ihm die bravouröseTechnik als Selbstzweck, stets dem Gesänge untergeordnet, — ein Vorzug, der fast zum Fehler wurde. Eben diese Unterordnung machte, daß sein Spiel, namentlich in jüngeren Jahren, im großen Saale nicht genügend durchgreifend war. Aber auch darin hat er in letzten Jahren sich außerordentlich vervollkommnet. Er spielte noch in den letzten Sommermonaten die schwerstenStücke, wie die Paganini- Variationen von Brahms, in hinreißender Weise, mit glänzender Technik, Kraft und Ausdauer, so daß ich mir seine körperliche Gebrochenheit damit nicht in Zusammenhang bringen konnte. Die gebrochene Kraft erhob sich mit seiner Begeisterung. Die großen Klavierwerke Schumanns, Chopins, den letzten Beethoven spielte er noch vor wenigen Wochen, als ihm der Tod schon nahe stand, mit wahrer Verklärung. Stets war es für mich der reinste Genuß, im stillen Hause, nicht abgezogen durch störende Umgebung, in eine Ecke gedrückt seinem seelenvollen Spiel zu lauschen; nichts Virtuosenhaftes, alles in reinste Poesie und Gesang aufgelöst. Brahms wußte sich für seine neuen Klavierwerke keinen besseren Interpreten als Ignaz Brüll. Dabei konnte man jederi Augenblick jedes Stück der gesamter Klavierliteratur verlangen; er spielte es, als 'hätte er es gerade studiert. Für die Strenge und Lauterkeit seiner künstlerischen Gesinnung — selbst dem Freunde gegenüber — möge folgender Ausspruch zeugen. Als ich ihm einst ein eben beendigtes Manuskript zeigte, sagte er mir, nachdem er es durchgespielt hatte: „Ich bedaure, daß du mifi gezeigt hast." Der spätere Erfolg hatte ihm unrecht gegeben, aber ich schätzte doch seine ehrliche Offenheit Mit Ignaz Brüll ging eine der reinsten, edelstei Künstlerseelen dahin. Rein wie seine künstlerische Ge sinnung war sein Charakter, fremd allem Gemeinen um Niedrigen. Und nun dahin, dahin! ... So nimm denn geliebter Freund, meine Treue mit hinaus — üben Grab. Du gehst dahin, wo sich alles Edle und Groß* vereinigt. Warst du auch nicht der Größten einer, - so doch gewiß einer der Edelsten. Ich soll dein warmes treues Auge nicht mehr sehen! Je nun — mit hohe: Jahren heißt es — sich bescheiden! (Neue Freie Presse. Zu den schönsten Kompositionen Ignaz Brülls zähl die Hymne „Ein Hauch weht durch die Lande", dU ihres ausgesprochenen jüdischen Charakters wegen ii zionistischen Kreisen sehr populär geworden ist. De. verstorbene Meister hat seinerzeit diese Komposition deren Reproduktion wir auf den folgenden Seiten bringen für eine der ersten Nummern unseres Blattes gewidmet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.