Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316240-3316277--49684-3344633- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Generalversammlung der;;Sinai"-Qesellschaft Am 19. d. M. abends fand die Generalversammlung der Gesellschaft Sinai statt, die trotz der herrschenden Abspannung infolge der langen Kongreßsitzung sehr zahlreich besucht war. Die Versammlung wurde durch Herrn S. Hurwitz eröffnet, der die zahlreich erschienenen Gäste begrüßte. Hierauf referierte Herr D. S. Bernfeld über die Bedeutung der hebräischen Sprache und Literatur in der Geschichte des jüdischen Volkes und wies nach, daß alle, welche dem jüdischen Volke seine Daseinsberechtigung abzusprechen versucht haben, zuerst die hebräische Sprache aus der Mitte des jüdischen Volkes unternommen haben. Redner gab eine kurze Übersicht über die Epochen der jüdischen Literatur, um zu dem Schlüsse zu gelangen, daß alles, was nicht in hebräischer Sprache geschrieben wurde, wohl eine zeitliche oder örtliche Bedeutung gewinnen konnte, aber niemals seinen dauernden Platz in der Literatur behauptet hat. Selbst jene griechisch oder arabisch umschriebenen Schriften, welche für die geistige Entwicklung des jüdischen Volkes von der größten Bedeutung waren, haben ihre Bedeutung für-das Volk nur durch hebräische Übersetzungen erlangt. Die jetzt herrschende Gleichgültigkeit und Lässigkeit gegenüber der hebräischen Sprache und Literatur ließe sich vielleicht nur dadurch erklären, daß das jüdische Volk, das eine dreitausendiährige Geschichte und somit auch eine dreitausendjährige Literatur hinter sich hat, bereits müde geworden* ist, diese schwere Last von angehäuften Kulturschätzen mit sich weiter zu tragen. Dadurch ist es aber noch immer nicht berechtigt, diese Kulturschätze einfach wegzuwerfen. Im Gegenteil müßte man viele solcher Schriften volkstümlich machen und durch Neuausgaben dem Volke zuführen. Das wäre auch für die Fortentwicklung der liebräischen Literatur von großem Nutzen, indem auf Grundlage des bereits Vorhandenen Neues geschaffen werden könnte, das im Alten wurzelt. Der Redner erstattete dann Bericht über die Gründung und die bisherige Tätigkeit der Sinaigesellschaft, die trotz der schrecklichen Ereignisse der letzten zwei Jahre es nicht" unterlassen hat, die vorhandenen Kräfte zu sammeln und alles Mögliche vorzubereiten. Das Erste, was der „Sinai" bereits geschaffen hat, ist ein wissenschaftliches Organ, eine ernste Vierteljahrsschrift, die für die Erörterungen aller jüdischen kulturellen, literarischen und historischen Probleme bestimmt ist. Nach. Dr. Bernfeld sprach der Dichter Ch. N. Bialik, der an die Äußerungen des Vorredners anknüpfend, dafür sprach, daß man ein Archiv für hebräische Sprache und für hebräisches Schrifttum schaffen müsse. Selbst dasjenige, was sich unter den heutigen Verhältnissen nicht mehr halten läßt, darf uns nicht veroren gehen, es muß für Sprache und Kultur erhalten bleiben. Natürlich darf eine solche Sammlung nur durch Sachkundige, durch lenkende und schaffende Männer vorgenommen werden. Nach Bialik sprach Dr. Niemirower mit sehr warmen Worten Iber die Bedeutung der neu begründeten Zeitschrift „Heathid" (Die Zukunft), die wahre Wissenschaft des Judentums schaffen werde. )enn im Gegensatze zu der im 19. Jahrhundert geschaffenen Wissenschaft, die rein archäologisch war und die sich bloß mit der Vergangenheit befaßte, setzte es sich die moderne Wissenschaft des Judentums zum Ziele, der Vergangenheit als Lehrmeisterin der Zu- : unft zu beleuchten und auf die Basis des Altertums eine Gegenvart und eine Zukunft für das Judentum und eine Wissenschaft zu chaffen. Dr. Joseph Klausner betonte insbesondere die Notwendigkeit, Me schaffenden und die arbeitenden Kräfte in der Literatur zu »rdern. Durch die materiellen Mißstände ist der beste Gelehrte nid Schriftsteller genötigt, bloß agitatorisch zu arbeiten, während iie schöpferische Kraft erlahmt. Auch fleißige wirtschaftliche Arbeit st heutzutage nicht möglich. Das könnte nur geleistet werden, venu genügend materielle Mittel vorhanden wären, um Männern er Wissenschaft die Möglichkeit zu geben, ruhig und abseits der Tagesereignisse rein wissenschaftliche Forschungen anzustellen. Dr. Daiches spricht über die Notwendigkeit der Agitation in en Ländern der neujüdischen Siedlung (England und Amerika), o das Interesse für hebräische Sprache und Literatur beinahe änzlich geschwunden ist, aber durch die tätige Agitation geweckt erden könnte. Schriftsteller R. Brainin spricht über die Notwendigkeit, daß u Sinai sich alle Kräfte konzentrieren, jeder nach Maßgabe seines vönnens, um alle Zweige des Schrifttums zu fördern, namentlich aber, um die hebräische Sprache wiederum zum Träger des jüdischen Kulturlebens zu machen. Zum Schlüsse wurde einstimmig beschlossen, daß dem bisherigen Komitee, bestehend aus den Herren Hurwitz, Dr. Bernfeld, Brainin, Niemirower und Dr. Klausner, die Vollmacht erteilt werde, die Arbeit fortzusetzen und die Organisation des Sinai zu befestigen. Insbesondere sollen in allen jüdischen Zentren Lokalkomitees gegründet werden, die zusammen mit der Berliner Zentrale die Arbeit fortsetzen und fördern sollen. Bericht des Herrn Prof. B. Schatz über den Stand der Kunstgewerbeschule „Bezalel" in Jerusalem Sonnabend, am 17. ds. Mts., um 5 Uhr nachmittags, wurde die freie Zeit von dem am Kongresse teilnehmenden Leiter der Bezalelschule dazu benutzt, um einen Bericht über dieses für die Zukunft Palästinas hochwichtige Institut zu geben. Vom stürmischen Beifall der Versammelten begrüßt, setzte Prof. Schatz zunächst in kurzen Worten die Ziele des Bezaiel auseinander, welcher durch Schaffung von kunstgewerblichen Industrien der jüdischen Bevölkerung in Palästina Erwerbsmöglichkeilen biete, um sie dadurch moralisch und kulturell zu heben. Von den drei Probejahren, auf die man sich bei der Begründung des Instituts gefaßt gemacht hatte, hat es bereits 1' * Jahre hinter sich, und es steht fest, daß der „Bezalel" kein unsicheres Experiment ist, sondern einer sehr verheißungsvollen Zukunft entgegensieht, wenn auch mancherlei Versuche noch bevorstehen, bis die Grundlage durchaus gefestigt und die weiteren Wege ganz klar und geebnet sind. Zu den gleich Verdienst bringenden Hauptarbeiten der Schule gehören momentan die Teppichknüpferei, bei der 34 Mädchen Beschäftigung und einen Erwerb von 15 Frs. monatlich finden (bei einer achtstündigen Arbeitszeit während 5' - Tagen der Woche) und die Steinhauerei, die über 40 jungen Leuten nach kurzem Unterricht 1—3 Frs. täglichen Verdienst bringt und für die Zukunft sehr ausdehnungsfähig ist. Besonders wichtig ist die Schule für die zahlreichen einheimischen Kinder, denen durch Unterricht im Bezalel erst eine Zukunft gesichert wird. Für sie hauptsächlich ist die Vorbereitungsklasse bestimmt. Von den Einwandernden können leichter Arbeiter als Intelligenzproletarier durch den Bezalel nützliche Verwendung finden. Für die weitere Entwicklung des Institutes ist es notwendig, daß die Schule 1) ein eignes Haus hat, 2) ein festgesetztes Budget von 25000 Frs. jährlich, und 3) ein bestimmtes Betriebskapital, um die eingehenden Bestellungen ausführen zu können. Zur Förderung des Bezalel regt Prof. Schatz die Begründung von Vereinen in sämtlichen Ländern an. Die Einzelheiten des Projektes werden noch mitgeteilt werden. Mit einem Dank an Prof. Warburg und die übrigen Mitglieder des Komitees, die die Begründung des Bezalel ermöglicht haben, sowie an alle Spender und Mitarbeiter des Bezalel, schloß Prof. Schatz seinen Bericht. Es folgte noch eine Reihe von Rednern aus verschiedenen Ländern, die alle eine ausgiebige Förderung des Bezalel zusagten. Zu diesem Zwecke sind nach Möglichkeit überall Vereine zur Unter stützung des Kunstgewerbes unter den Juden in Palästina zu begründen, die einmal im Jahre (am Laglo' Omer) Feste veranstalten und ebenso wie die Kunstvereine in andern Ländern, Kunstprämien unter die Mitglieder verteilen würden. Von Interesse waren insbesondere die Ausführungen des Dr. Gaster, der die Schule vor kurzem besucht hatte und in Worten voller Anerkennung die verständnisvolle Förderung der jüdischen* Kunst im Bezalel durch Stilisierung hebräischer Buchstaben und Verwertung der palästinensischen Tiere und Pflanzen für Farben und Formen schilderte. Infolge der ausführlichen Berichterstattung über den Kongreß fällt diesmal der Ausweis über eingegangene Spenden für den Jüdischen Nationalfonds und andere Zwecke aus. - Der nächste Ausweis erscheint in der Nummer vom 30. August er. Die Nummer erscheint später als vorgesehen war, da der Kongreß um einen Tag verlängert werden mußte. Redaktion: Berthold Feiwel. — Verantwortlicher Redakteur; Julius Berger. — Druck von M. DuMont Schauberg, Köln.