Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 34 DIE ELT Opfer bringen; er muß selbst die Privatinitiative ergreifen, um in Palästina zu arbeiten. Wer sein letztes Geld nach Palästina bringt, ier hat keine freie Initiative. Aber die reichen Zionisten sind verpflichtet einen Teil ihrer Gelder in Palästina und unsern Institutionen m investieren. Unsere großen Kaufleute und Bankleute sind es, die an die Arbeit und an Gründungen selbst herangehen müssen. Großer Beifall.) . . . Wir müssen uns hüten, daß wir nicht dasselbe System der Administration und Demoralisierung einführen, das jetzt schon dort -xistiert. Wir brauchen eine kollegiale Kommission in Palästina selbst. Wir können dort jeden Menschen brauchen, nicht nur Kaufleute md Bankiers. (Lebhafter Beifall.) Hierauf spricht im Namen der Poalei Zion Sturmann: Es sei wesentlich, daß die Arbeit in Palästina licht nach bureaukratischen Gesichtspunkten geleitet werde. Dies .verde stets der Fall sein, wenn sie von Berlin oder Köln aus gleitet werde. Sie müsse daher von einer Organisation geleitet verden, die in Palästina selbst ihren Sitz hat. Diese Organisation misse mit der jüdischen Bevölkerung Palästinas in steter Fühlung Reiben; sie müsse auf die Forderungen und Wünsche der bereits )rganisierten Gruppen, z. B. der gewerkschaftlichen und der anderen n Palästina bestehenden Organisationen, Rücksicht nehmen. Der •Congreß müsse wohl eine entscheidende Stimme bei der Einrichtung iieser Organisation haben, aber alles andere müsse in Palästina elbst geschehen. Die erste Aufgabe dieser Organisation müsse ine möglichst vollständige Information über die sozialen Verhältnisse Palästinas sein. Bei Feststellung dieser Verhältnisse müssen die Vertreter der Arbeiter gehört werden. Redner legt dem Kongresse olgenden Abänderungsantrag zu Punkt 1 vor: „Der Kongreß wählt ein fünfgliedriges Palästinakomitee aus besoldeten und unbesoldeten Personen, die in Palästina ihren Wohnsitz iahen. Das Palästinakomitee verwaltet dieGeschäfte desNationalfonds md aller Unternehmungen der zionistischen Organisation in Paästina. Das Palästinakomitee wird beauftragt, die Schaffung eines ins gewählten Vertretern aller organisierten Gruppen der palästinensischen Judenheit zusammengesetzten Rates kräftigst zu fördern, Jessen Gutachten bei allen in Palästina durchzuführenden Arbeiten inzuholen ist. Die Mitglieder des E. A. C, die zu den Sitzungen ies Palästinakomitees erscheinen, haben Sitz und Stimme in diesem Komitee." Dr. Mahler (beifällig begrüßt): Es ist unrichtig, daß die, velche die politische Arbeit betonen, der praktischen Arbeit feindelig sind. Aber die praktische Arbeit muß präzisiert werden, 'unächst gehört dazu die fachmännische, wissenschaftliche und virtschaftliche Information. Ferner die halböffentlichen Arbeiten, nit denen wir das Land im ganzen heben, Anlage von Straßen, Bahnen, Brücken und Bergwerken. Aber das Land darf nicht zum >pielball von Experimenten gemacht werden, deren Fehlschlagen msere Reputation schädigen würde. Der politische Zionismus ist icht tot und darf nicht tot sein. Es gibt keinen Widerspruch •wischen politischer und praktischer Arbeit. Wir wollen keinen \ampf der Richtungen, sondern ein Zusammenarbeiten. (Beifall). Stand (von lebhaftem Beifall begrüßt): Die Worte politisch md praktisch werden falsch angewandt. Das Praktische ist das vlittel, das Politische ist der Zweck. Aus der Tätigkeit in Palästina, venn sie nur anhaltend betrieben wird, erwächst das Politische. Zuerst vielleicht Mißerfolge, zuerst die Menschen, die Kapitalien, üe Arbeit ins Land, daneben und darnach die Politik. Tun wir dl das, was jetzt im Rahmen des türkischen Gesetzes möglich ist, o haben wir genug. Daher müssen wir die Pläne der Palästina- Kommission unterstützen, Informationsbureaus einrichten, die Arbeiter seßhaft machen, den Verkehr im Lande heben. Unsere Bank ollte ihre Hauptarbeit, ihre ganze Arbeit in Palästina haben, und u*e europäischen Geschäfte aufgeben. Für das Land müssen wir Propaganda machen. Wir müssen schon jetzt arbeiten, weil wir die Arbeit für unsere Bewegung und ihre Erhaltung brauchen. Das ist jetzt nicht mehr Urch Reden möglich, wir brauchen Taten. Cowrens Vergleich mit dem judenfeindlichen Hotel hinkt, denn - ist unser Land. Die Seele unserer Bewegung ist das Land. Wenn die Seele nierginge, kann der Körper, die Organisation, sich begraben issen. (Langanhaltender Beifall.)] Leo Motzkin: Niemals hat der Zionismus erklärt, daß der harter eine Sache des nächsten Tages sei. Es ward nur gesagt:;er Charter kann das Werk des nächsten Tages werden, — wenn -is jüdische Volk es will und diesen Willen in der Schaffung behütender, den Aufgaben und den Kräften des jüdischen Volkes ^sprechender Machtfaktoren dokumentiert. Und die Tragik Herzls estand eben darin, daß er ohne die Prämisse, ohne den Willen •es jüdischen Volkes errungen zu haben, bereits an die Verwirklichung des Zionismus geschritten ist. Herzl hatte vor dem jüdischen Volke nur Möglichkeiten aufgerollt, und glaubte die Prämissen überspringen zu können, weil er sich sagte: Es gibt zwei Wege, und wenn das jüdische Volk will, wird auch die türkische Regierung wollen. Wenn umgekehrt die türkische Regierung einverstanden ist, dann ist der Wille des jüdischen Volkes zu haben. Da er den Willen des jüdischen Volkes noch nicht hatte, versuchte er es mit dem anderen Wegenach dem Grundsatz: Sollten die entscheidenden Stellen der türkischen Regierung auch vor der kräftigen Willensäußerung der jüdischen Nation mit Rücksicht auf die unzweifelhaft dadurch zu erreichende Neubelebung des Landes schon jetzt einen Teilcharter gewähren, dann, wird die notwendige Prämisse: der Wille des jüdischen Volkes in grandioser Weise sich einstellen. Es trat aber ein Mißerfolg bei der türkischen Regierung ein. Allein ein Mißerfolg bei der türkischen Regierung ist keineswegs ein Fiasko des Zionismus oder des zionistischen Gedankens. Jetzt dürfen wir die Anschauung vom Fiasko des Zionismus nicht dadurch sanktionieren wollen, daß wir erklären: Die reale Arbeit in Palästina sei unter den gegenwärtigen Verhältnissen der einzige, der richtige Weg zur Erreichung des zionistischen Zieles. Der Zionismus hat kein Fiasko erlitten, wenn auch der Erfolg infolge des Mangels an Mitteln noch ausgeblieben ist. Wir können nur dem jüdischen Volke sagen: Wir haben euch eine Wahrheit gebracht, in euren Händen lag die Verwirklichung, und ihr habt nicht gewollt. Wir dürfen aber auch nicht sagen: Von jetzt ab wird der Zionismus verwirklicht werden. Denn solange man uns kein Zugeständnis macht, daß wir in Palästina ungehindert eine gewisse Arbeit eröffnen können — solange haben wir kein Recht zu sagen, daß wir auf dem rechten Wege sind. Kommen wir ins jüdische Leben zurück, dann ist es unsere Pflicht, dasselbe zu sagen, wie früher, da genau dieselbe Wahrheit besteht — daß, was wir in Palästina erreichen wollen, wir nur auf Grundlage von Machtfaktoren erreichen können. Schon vor neun Jahren habe ich in einer Broschüre betont: Das ist nicht der Weg, den wir den Juden zeigen sollen, das ist nur eines der Mittel, welches wir zur Schaffung eines Machtfaktors in Palästina anwenden. Wieder und wieder ist den Juden zu sagen: Wenn ihr die Lösung des historischen Problems endgültig durchführen wollt, so gibt es nur einen Weg: durch den organisierten Willen der Juden zur Erreichung der territorialen Konzentration in Palästina. Wenn aber die unanfechtbare Wahrheit des Zionismus nicht verwirklicht werden sollte, so seid ihr Juden einzig und allein daran schuld. Aus unserem Verhalten gegenüber der Frage des Charters ergibt sich auch unser Verhalten gegenüber den zionistischen Instituten. Der Nationalfonds darf weder jetzt noch in der nächsten Zukunft angetastet werden. Solange er keinen Machtfaktor darstellt, mit dem sich sprechen läßt, dürfen wir nichts von ihm auf ein Risiko setzen. Denn damit untergraben wir den einzigen Machtfaktor, den wir bis jetzt wenigstens als Symbol für die Erreichung unseres Zieles geschaffen haben. Jetzt gehen wir noch zu den Juden als revolutionäre Partei und sagen: „Alles was ihr bis jetzt getan habt, ist nicht die Lösung der Judenfrage. Schaffet die Mittel, so werdet ihr sie erreichen." Wenn Sie aber auf dem Wege gehen, den Sie jetzt betreten wollen, dann sind Sie völlig ins allgemeine Fahrwasser ohne Anerkennung des Zionismus hineingeraten, dann werden Sie sich morgen unwesentlich von andern jüdischen Instituten unterscheiden, welche dasselbe in Palästina tun werden wie Sie. Täuschen wir uns nicht: was Sie in Palästina tun können, ist so unwesentlich, so unbedeutend in Anbetracht der geringen uns zur Verfügung stehenden Mittel, daß die Aufgebung auch nur der Symbole unseres Beginnens eine Sünde vor unserer Idee wäre. In Palästina kann man sehr viel arbeiten, aber ohne die schwachen Mittel der zionistischen Organisation heranzuziehen. Vielmehr raubt Ihnen die Heranziehung der einzigen jüdischen Machtfaktoren die Möglichkeit, solche in Zukunft noch einmal zu schaffen. Und noch einmal den Nationalfonds zu schaffen, wäre gar keine so leichte Sache. Und wenn es schon jetzt Leute gibt, welche nicht daran glauben, daß uns seitens der türkischen Regierung große Rechte gewährt werden — so kann dies bis zur Zerstörung dieser Machtfaktoren führen, indem diese Leute sich fragen werden: „Was bedeuten unsere Machtfaktoren, wenn wir sie niemals gebrauchen können? So wollen wir sie lieber sofort benutzen." Meine Damen und Herren! Wir haben die Frage beurteilt, ohne daß wir in Palästina sind. Wer gibt uns aber das Recht zu behaupten, daß diese Arbeit unbedingt zur Verwirklichung des Zionismus führt? Und hier müssen wir uns vor allem gegen eine Ideologie wenden, die sich in unseren Kreisen breit gemacht hat und vollständig falsch ist. Man sagt: Ohne Juden in Palästina können wir keinen Charter oder keinen Teilcharter bekommen. Wollt ihr einmal einen Charter haben, so müssen Juden im Lande sein. Wollt ihr Großkolonisation,