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Die Welt · 1907-08-14 · 33 (14.8.1907) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
33 (14.8.1907)
Date
1907-08-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 33 DIE^gKELT 11 Tod entrissen wurde, da glaubten manche, die Bewegung sei tot. Es war aber nur ein Scheintod. Der Kongreß wird es kundtun, daß der Zionismus sich in der Vollkraft des Schaffens befindet. Die Ungeduldigen und Zweifler, die, einer pessimistischen Anschauung huldigend, auf dem vorigen Kongreß „Auf Nimmerwiedersehen" riefen, hatten keinen richtigen Einblick in die unverwüstlichen, volkstümlichen Kräfte unserer Idee. Sind wir doch wieder im Zeichen Zions vereint und versammelt und werden uns immer und immer wieder für unser Ideal vereinigen und versammeln. Von diesen Gefühlen bestärkt und gehoben, haben wir uns nun zum achten Zionistenkongreß versammelt, und diesmal im Lande des siegreichen menschlichen Kampfes mit der Natur und der mittelalterlichen Tyrannei, im reichgesegneten Holland. Fürwahr, uns Juden ist Holland kein unbekanntes Land. Eine versunkene Zeit zieht vor uns herauf. War es ja hier, wo viele unserer Volksgenossen, die vor den Furien der Inquisition geflohen, eine Stätte des Friedens gefunden haben. Anderwärts durch Gewissenszwang gequält und durch brutale Gewalt zu Tode gehetzt, wurden sie hier liebevoll aufgenommen. Hier fielen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne der spanisch-jüdischen Glanzperiode. Denker, Dichter und Künstler unseres Stammes haben nicht wenig zu dem Ruhmeskranze Hollands beigetragen. In^den schönen Gauen der Niederlande, unter der milden Herrschaft des ruhmreichen Hauses Oranien, an der Seite des guten, biederen holländischen Volkes zeigten sie, welche schlummernden Kräfte und Talente die Freiheit aus der Seele des jüdischen Volkes herauszuzaubern vermag. Es wurde ihnen nicht nur die zur Existenz nötige Ruhe gegönnt, sondern auch die Möglichkeit gegeben, als schaffende Bahnbrecher und Pioniere auf vielen Gebieten erfolgreich zu wirken. Unter Holländischer Flagge segelten sie auch nach anderen Ländern, um neue Zufluchtsstätten für unser Volk zu finden. Es ist dies ein Band rührender Erinnerungen, das sich um dieses Land und die Juden schlingt. Und noch eine Gedankenverbindung drängt sich uns auf. Werden doch hier in dieser schönen Stadt, wo wir uns eben befinden, Anstrengungen gemacht, die zivilisierten Völker einander näher zu bringen, um den Weltfrieden, zu fördern. In einem Lande mit solchen Traditionen in der Vergangenheit, und mit einer solchen Sendung in der Gegenwart glauben wir mit Recht auf einen Widerhall unserer Bestrebungen hoffen zu dürfen. (Anhaltender Beifall.) Geehrter Kongreß! Zwei Jahre sind seit dem siebenten Kongreß vergossen, und tiefe Spuren haben sie in unserer Leidensgeschichte hinterlassen, Greuel sind an unserm Volke begangen worden, deren Erinnerung das Blut in den Vdern erstarren macht, und vor denen die Menschheit beschämt ihr Haupt verhüllen dürfte. Das Jahr 1905 iberholte an Gewalttaten manches mittelalterliche öchreckensjahr. Wer würde es unternehmen, der Jeremias der neuen Ruinen und der neuen Gräber zu sein? Wer könnte die Unmasse zählen, die Namenlosen nennen U11d all die Greuelszenen der Selbstwehr schildern, wo «unges, hoffnungsvolles jüdisches Blut in einem heroischen, aber unmöglichen Ringen dahinsank? Wir ■missen (die Versammlung erhebt sich), die wir hier sind, ZL1 den verklärten Gestalten unserer Brüder und Schwestern, die mit ihrem Tode das Martyrium des Goluth besiegelten, ehrfurchtsvoll aufschauen .... Aber nicht durch Klagen und Seufzen, und nicht durch Ausbrüche ohnmächtiger - Wut, sondern durch eine unermüdliche Arbeit an unserer Erlösung werden wir ihr Andenken ehren. Natürlich waren auch wir bemüht, die Leiden zu lindern. Die momentane Notstandsaktion nahm auch uns in Anspruch. Das Programm ist bekannt: Aufrufe, Spenden, Petitionen und Proteste. Der redliche Fleiß und die großartige Opferfreudigkeit, die alle jüdischen Organisationen bei dieser schauervollen Gelegenheit an den Tag legten, können nicht genug gerühmt werden. Wir haben auf diesem Gebiete außerdem noch einen kleinen Versuch gemacht, der leider fehlgeschlagen ist. Die gewaltige Flut der Auswanderung, die einen noch nie dagewesenen Höhepunkt erreichte, das unsägliche Elend unserer umherirrenden und umhergetriebenen Volksmassen, mit denen sich verschiedene Hilfsgesellschaften, jedoch ohne einheitliche Methode befassen, veranlaßten uns, eine Reform in dieser Beziehung anzuregen, um diese Arbeit auf eine breitere Basis zu stellen. Das war der Zweck der von uns im Januar 1906 in Brüssel einberufenen Konferenz. Es ist natürlich, daß wir eine Vereinigung jüdischer Kräfte suchten, ist doch von unserem Standpunkt jede jüdische Einigung ein nationaler Wert, der dem zionistischen Empfinden nahe stehen muß. Der Versuch scheiterte jedoch an der ablehnenden Haltung der meisten Hilfsgesellschaften. Selbstverständlich sind wir Zionisten nicht die letzten, wo immer es sich um Hilfeleistung handelt, — und im Goluth kann man nur mit Goluthmitteln helfen. — Aber am Ende müssen wir uns doch sagen: Flickwrerk ist es, das nur den dringendsten augenblicklichen Bedürfnissen genügt, Kurpfuscherei, die die nebensächlichen Symptome der Krankheit kuriert, anstatt den Sitz derselben zu bekämpfen. Man braucht, um dies greifbar vor sich zu sehen, nur die Aufwallung und das schnelle Ermüden der leider so oft abgehetzten Philanthropie zu beobachten. Die ersten Schreckensnachrichten rütteln die öffentliche Meinung auf, kaum ist aber die erste Aufregung vorüber, so bleibt alles beim alten, und ratlos steht die Philanthropie, von der Sisyphusarbeit ermattet. Auf dem größten Schauplatz des Goluth, in den jüdischen Massenzentren Osteuropas, sind die Gräber kaum verschüttet, und wer kann sagen, daß sich nicht unter den Füßen der Lebenden ein neuer, speiender Krater öffnen wird? Übrigens handelt es sich doch nicht nur um eine bestimmte Volksgruppe und um eine bestimmte Zeitperiode, es handelt sich doch um unsere Gesamtheit und unsere historischen Schicksale. Bedarf es denn für uns der blitzartigen Beleuchtung unserer Diasporanacht durch „Pogrome"? Lehrreich, wie die letzten Jahre auch sein mögen, sind sie doch nur neue und vermehrte Auflagen der alten Chronik. Werfen wir einen flüchtigen Blick auf die Geschichte unseres Volkes. Sie hat große, furchtbare Lehren erteilt. Die Mehrheit unseres Volkes war immer in der Diaspora der Verfolgung und dem Drucke ausgesetzt, und die glücklicheren Minderheiten und die helleren Momente verschwinden in den Finsternissen des Elends. Ein Volk mit solchen Leiden muß sich doch einmal zu einer großzügigen nationalen Selbstrettung aufraffen. Es muß doch einmal mit aller Gewalt sich dagegen aufbäumen, immer das Kanonenfutter für alle möglichen Kämpfe und für alle möglichen Umwälzungen zu sein,

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