Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 11 (1907)
- Issue
- 30 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 30 ............ DIEi^p LT ~ . 17 ZEHNTE JAHRESKONFERENZ DER AMERIKANISCHEN ZIONISTEN IN TANNERSVILLE Zum zweitenmal tagten die amerikanischenZionisten inTannercville, dem reizenden Badeorte in den Catskills. Der Ort zeigt in diesen Tagen ein ganz zionistisches Äußere, blauweiße Fahnen und Transparente mit hebräischen Inschriften zieren jedes Hotel. Insbesondere das zionistische Hauptquartier, Hotel Fairrnont, ist wie verwandelt und präsentiert sich als ein Museum zionistischer Ab_ zeichen und Insignien. Hier wohnt die Mehrzahl der Teilnehmer der Konferenz, hier trifft sich das Gros der Delegierten und Gäste? hier werden die Resolutionen vorbereitet und die Diskussionen fortgesetzt. Hier herrscht auch die zwangtose Intimität, die fröhliche Einheit, die das Merkzeichen des zionistischen Zirkels ist, und die um so anheimelnder wirkt, als sie sich so gut mit dem Kampfe der Geister verträgt, der in den Sälen der Konferenz ausgefochten wird. Obwohl die Konferenz offiziell erst am Sonntag den 30. Juni, vormittags, begann, traf die Mehrzahl der Delegierten schon Freitag ein, und es begannen sofort die zwanglosen Beratungen. * * * Nachdem am Samstagabend eine Begrüßungsfeier stattgefunden hatte, wurde die Konferenz Sonntagnachmittag durch eine Rederdes Präsidenten Dr. Harry Friedenwald eröffnet. Wir haben diese Rede bereits in dar vorigen Nummer gebracht. So bleibt hier nur übrig, zu erzählen, daß diese Rede, die ein Meisterstück rhetorischer Kunst darstellte und vom Redner mit einem von innerlichem Feuer durchglühten Enthusiasmus vorgetragen wurde, mit einer Begeisterung aufgenommen wurde, die selbst für amerikanische Zionisten etwas Ungewöhnliches darstellte. Insbesondere die freimütigen, scharf umrissenen Sätze, die von den Verdächtigungen handelten, denen der amerikanische Zionismus jüngst ausgesetzt war, fanden eine Aufnahme, die keinen Zweifel lassen konnte, daß der heimtückische Versuch, den der amerikanische Liberalismus nach berühmtem Muster unternommen hatte, um durch den Vorwurf des Antipatriotismus die Reihen der Zionisten zu spalten, einem geschlossenen und einhelligen Widerstand der Zionisten begegnet ist. Eine Reihe Begrüßungsschreiben waren eingelaufen, darunter eines von Mr. Clarence De Sola, Vorsitzenden der kanadischen Pederation. Einmütig wurde beschlossen, den gerade tagenden Jahreskonferenzen der kanadischen und der österreichischen Zionisten Sympathietelegramme zu übermitteln. Vom Präsidenten des A.C., Herrn Wolffsohn, war folgender Brief eingelaufen: 10. Juni 1907. An die Zehnte Zionistische Jahreskonferenz in Amerika! Den Brüdern in Amerika unsern Zionsgruß! Mit Stolz und Genugtuung blicken wir auf eure Arbeit. Es gereicht uns zu einer wahren Freude, konstatieren zu können, welche Fortschritte durch euren rühmenswerten Eifer insbesondere in den letzten Jahren, dank eurer tüchtigen neuen Kräfte, gemacht worden sind. Es ist erhebend, daß sich dort in dem jungen, aufstrebenden amerikanischen Neuland eine Altneulandorganisation aufgebaut hat, die im Anschlüsse an unsere Weltorganisation ihren Pflichten Genüge leistet. Und was sind diese Pflichten? Sammlung aller Juden zur Schaffung eines großen Ganzen im Lande der Väter, Gründung von Instituten, welche die Kräfte und Mittel zu diesem Zwecke vorbereiten, Erlangung der Garantien, um sichere Bürgschaft für das Gelingen des Werkes zu besitzen. Diese endgiltige Lösung der qualvollen Juden- -frage ist ein Ziel, zu dessen Erreichung alle Juden mitzuarbeiten verpflichtet sind. Ein jeder Jude muß an seinem derzeitigen Wohnorte seine Stammesgenossen zu dieser gemeinsamen Arbeit ralliieren, ein jeder Jude muß seinen Schekel zahlen, ein jeder Jude muß durch den Ernst und die Würde seines Auftretens Sympathien und Mitwirkung für unsere gemeinsame Sache gewinnen, ein jeder Jude muß in seinem Hause und in der öffentlichen Schule für die Erziehung in jüdisch-nationalem Sinne wirken, weil wir uns dadurch dem Ziele der Erlösung und der Sicherstellung unseres Stammes nähern. Zehn Jahre habt ihr mit uns zusammen wacker gearbeitet. Aus der Vergangenheit schöpfen wir Mut für die Zukunft. Die Diaspora seufzt unter den schwersten Leiden. Die großen Zentren der jüdischen Massen in Rußland, Galizien und Rumänien, von den grausamsten Verfolgungen schwer heimgesucht, durch den Wirbel der politischen Wirren hin und her geschleudert, sind leider in ihrer Leistungsfähigkeit beträchtlich geschwächt. Und deshalb ist die Pflicht unserer Brüder in den freieren Ländern um so größer, und an eure so gut bewährte Organisation knüpfen wir die größten Hoffnungen. Ihr kennt die Lage unserer Bewegung: manches Vorbereitende ist erreicht worden, vieles ist im Werden begriffen, aber noch ist der Weg weit, der uns nach Zion führt, riesig groß die Arbeit, die von uns allen zu leisten ist. Wir hoffen, daß jeder von euch nicht nur seine Pflicht tue, sondern immer mehr und mehr leisten werde. Denn was wir schaffen wollen, können wir nur mit der werktätigen Hilfe aller unserer Brüder schaffen. Unser Können liegt in dem Wollen der Gesamtheit Und an diesen euren guten Willen und tatkräftiges Können für unser Werk appellieren wir hiermit. Mit den herzlichsten Zionsgrüßen für die Arbeit eurer Jahreskonferenz David Wolffsohn. Hierauf wurde das folgende Schreiben M. Ussischkins verlesen: Odessa, 2. Juni 1907. An die Jahreskonferenz der Federation of Amerikan Zionists! Zum zehntenmal kommt ihr zusammen, Zionisten Amerikas, um zu beraten und zu beschließen über die. schwebende Frage eurer Organisation, ebenso wie über die wichtigen allgemeinen Bedingungen unserer Partei. Ich benutze gerne die Gelegenheit, euch hierzu nieine herzlichsten Grüße zu übersenden und euren Arbeiten den besten Erfolg zu wünschen. Ihr lebt und arbeitet inmitten eines Volkes, das durch seine Tatkraft, Ausdauer, Tüchtigkeit und unbedingtes Festhalten an dem Motto „Hilf dir selbst" die Welt in Bewegung gesetzt hat. So möget auch ihr lernen zu arbeiten für euer eigenes Volk. Beschränkt euch nicht darauf, nach außen hin hilfreich zu sein, begnügt euch nicht mit Chesed L'ummin, mit diplomatischer Arznei, sondern baut auf der Grundlage eurer eigenen jüdischen Lebenskraft. Die Anhäufung ökomischer und kultureller Macht in dein Lande, für das wir arbeiten, die Sammlung der nationalen Kräfte in den Ländern der Diaspora — dies sollte unser Leitspruch sein. Und noch ein anderes Ding möget ihr vom amerikanischen Volke lernen, nämlich die Fähigkeit, eure Kräfte zu vereinigen und dem Weisen zu folgen, der da sagt, daß aus kleinem Zusammenhalten Millionen aufgebaut werden können. Untätig zu sein und auf die Erfüllung zu warten ist ein Zug, der nie etwas Gutes bedeutet, ebenso wie es das Merkmal einer trägen, untätigen Nation ist, die Hände in den Schoß zu legen und auf eine ^öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte" zu warten. Eine tätige, fähige Nation scheut nicht die „kleinen" Handlungen, weil sie sicher ist, daß „kleine" Taten gesammelt eine epochemachende große Tat bedeuten können. Und diese unsere Aufgaben in Palästina bestehen in folgendem: 1. Zu erleichtern und zu beschleunigen den Übergang palästinensischen Bodens in jüdische Hände. Wir müssen versuchen, dieses Ziel mit allen Mitteln und Einrichtungen, die uns zur Verfügung stehen, zu erreichen, in erster Linie durch den Nationalfonds. Als eine natürliche Grundlage für diese Operation muß in allererster Linie eine Agrarbank ins Leben gerufen werden. 2. Die Ausdehnung von Handel und Industrie von Palestina und Syrien und die ständige Arbeit in dieser Richtung unter der Führung der Jüdischen Kolonialbank und der Anglo-Palestine Company und von jüdischem Privatkapital. 3. Die Organisation der produktiven kolonisatorischen Arbeitskräfte. Die verschiedenen Kolonisationsvereine einerseits und die Partei der Poale Zion anderseits müssen sich selbst an die Spitze dieser Tätigkeit stellen. 4. Die kulturelle Hebung der Juden in Palästina und die vernunftgemäße Förderung eines modernen, nationalen Schulsystems, aufgebaut auf allem echten Jüdischen. Unsere Gesinnungsgenossen in Amerika sollten dieser großen Aufgabe ihre besondere Aufmerksamkeit schenken und nach Kräften für ihre Durchführung tätig sein. Um diese Ziele zu erreichen, müßten wir, das steht außerhalb jeder Erörterung, eine Vertretung unserer Interessen in Konstantinopel schaffen, in der Form einer Filiale unserer Bank. Dazu kommen unsere Aufgaben in den Ländern der Diaspora: 1. Die unausgesetzte Nationalisierung unseres Volkes in Familie, Stadt und Gemeinde, ebenso wie in allen Schichten des öffentlichen und sozialen Lebens. 2. Die Propagandierung unserer Bestrebungen und die Ausbreitung unserer Idee, so daß sie ein Teil der internationalen öffentlichen Meinung werden muß. Im zwanzigsten Jahrhundert sind die verschlossenen Zimmer der Minister und Diplomaten nicht länger diesem Zwecke angemessen. Die offenen Tribünen der Parlamente und Kongresse haben wir viel mehr nötig. Und darum müssen wir zu den populären Volksvertretungen von Rußland, Österreich, England und Amerika unsere eigenen Vertreter entsenden. Dieses, dürfte unsere wichtigste Politik in den Golusländern sein.