Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-07-12 · 28 (12.7.1907) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
28 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316271--49505-3344445
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 28 DIE ELT 19 Auf Grund dessen, was wir in aligemeinen Zügen auseinandergesetzt haben, haben wir die Ehre, der finnischen Volksvertretung den Vorschlag zu machen, daß der Landtag sich an den finnischen Senat mit der Bitte wende, zur nächsten Session ein Gesetzesprojekt auszuarbeiten in dem Sinne, daß die bürgerliche Gleichberechtigung allen Juden gewährt werde, welche hier geboren sind, hier ihre Ausbildung genossen haben und denen, welche hier eine gewisse Zeit vor Veröffentlichung des neuen Gesetzes gelebt haben." Ausschreitungen des russischen Verbandes Odessa, 4. Juli. Seitdem der Stadthauptmann Grigorieff die Stadt verlassen hat, nehmen die Mitglieder des Verbandes des russischen Volkes ihre Hooligan-Tätigkeit wieder auf. Jeden Abend versammeln'sie sich in großer Anzahl auf den Boulevards, im Park und anderen öffentlichen Plätzen und machen sie so unsicher, daß' die übrigen Einwohner den Besuch dieser Orte nach Möglichkeit vermeiden. Während sonst der Besitz eines Revolvers die Ausweisung aus der Stadt nach sich zieht, haben die Mitglieder des russischen Bundes das Recht, immer Revolver und Dolche zu tragen, die sie offen vor den Augen der Polizei zum Überfallen der friedlichen Einwohner benutzen. Jeden Tag hört man von neuen Heldentaten der Mitglieder des Verbandes. Der gestrige Vorfall aber verdient besondere Beachtung. Im Stadtauditorinm war eine Versammlung der Mitglieder des Verbandes des russischen Volkes. Nach Beendigung der Versammlung verließen die „Mitglieder" das Auditorium und verteilten sich auf die benachbarten Straßen, wo sie aus ihren Revolvern auf die vorbeigehenden Juden zu feuern begannen. Das Schießen verursachte eine große Panik. Die Passanten begannen voller Schrecken zu flüchten; die Haustore wurden geschlossen. Die Zahl der Verwundeten, die in das jüdische Krankenhaus eingeliefert wurden, ist recht erheblich, darunter haben viele lebensgefährliche Verletzungen davongetragen; ein Arbeiter wurde von einer Revolverkugel auf der Mjanojedowskaja getötet. Die Schutzleute und Wächter sahen der Schießerei ruhig zu. Und erst als der Gehilfe des Polizeimeisters Kisliakowsky mit einer Abteilung Soldaten erschien, liefen die „Mitglieder" davon. Anstatt nun sie zu verhaften, begannen die Soldaten die Passanten zu untersuchen. Von den Schießenden wurde nur ein einziger verhaftet. Auf diese Weise dürfen die Mitglieder des russischen Bundes unter dem Schutze Kaulbars' ihren Patriotismus betätigen. Ein neuer Feldzug des „Schwarzen Hundert44 Der „Verband des russischen Volkes" läßt Listen aller derjenigen allerhöchsten Begnadigungen drucken und über das ganze Land verbreiten, welche Vorgänge wie den Pogrom von Schitomir, Kischinew usw. betreffen und den Mitgliedern des Verbandes zugute gekommen sind. Die Absicht, welche die „echten Russen" damit -erfolgen, ist zu deutlich, als daß sie einer weiteren Erklärung bedürfte. Die Jüdische Nationale Gruppe und die Wahlen in die dritte Duma Die Konferenz der „Jüdischen Nationalen Gruppe", die vor iairzem in Petersburg stattfand und an der sich Delegierte aus dem ganzen jüdischen Änsiedelungsrayon beteiligten, hat in der Frage des bevorstehenden Wahlkampfes die folgenden Resolutionen angenommen: 1. Die Jüdische Nationale Gruppe hat beschlossen, daß die lidische Bevölkerung sich im bevorstehenden Wahlkampfe so Miergisch als möglich betätigen muß. 2. Die Jüdische Nationale Gruppe muß die Organisierung von okalen Wahlkomitees übernehmen; an diese Komitees müssen auch olche Elemente herangezogen werden, die der Gruppe jetzt nicht uigehören. Die zentralen und lokalen Komitees haben das Recht, n Beziehungen zu anderen Organisationen zu treten, um mit nesen Wahlblocks zu bilden. 3. Angesichts dessen, daß auf Grund des neuen Wahlgesetzes ine besondere Vertretung für die Städte eingeführt wurde, erachtet die Konferenz es für notwendig, vorzuschlagen, daß die Gouvernenientskurien der städtischen Wahlmänner ausschließlich aus Juden •estehen sollen, da es nur in diesem Falle möglich sein wird, wenigstens einen jüdischen Kandidaten vom Gouvernement durchdringen. Dort, wo man dieses Ziel nicht erreichen kann,t soll man solche Wahlmänner unterstützen, die ihren politischen Überzeugungen nach erwünschte Kandidaten in der Duma sein könnten. 4. Es sollen Informationen über das Verhältnis der jüdischen tu nichtjüdischen Wählern in jeder der beiden Kategorien städtischer Wähler gesammelt werden. 5. Die lokalen Komitees sollen auf folgendes aufmerksam gemacht werden: a) Diejenigen Wohnungsmieter, die nach dem Wohnungszensus das Wahlrecht besitzen, die aber keine Wohnungssteuer zahlen, müssen eine darauf bezügliche Erklärung an die Stadtverwaltung richten. b) In denjenigen Ortschaften, wo eine Konferenz der städtischen Wähler nicht zustande kommen kann, sollen spezielle Kästchen für Wahlzettel eingerichtet werden. 6. Es sollen im Laufe des Monates Juni Rayonberatungen unter der Teilnahme der Mitglieder des Zentralkomitees Winawer, Ostrogorski, Sliosberg und Scheftel organisiert werden zur Behandlung der Frage, auf welche Weise man die obenangeführten Prinzipien in einzelnen Gegenden durchführen könnte. Prozeß wegen des Pogroms von Schitomir Man schreibt aus Petersburg, 7. Juli: Eine ganze Reihe von Zeugen, die an dem Gerichtshof vorbeidefilieren, verbreiten bei dem jetzigen Prozeß neues Licht über den Pogrom von Schitomir, und eine Menge von Einzelheiten, welche die Zeugen vor Gericht aussagen, beweist deutlich, daß der Pogrom, wenn schon nicht überhaupt verhütet, so ganz entschieden in kürzester Zeit hätte inhibiert werden können. Es sind bereits 200 Zeugen verhört worden. Die Verhandlungen schreiten schnell vorwärts. Der zuerst befragte Offizier Matern erklärt, daß es leicht gewesen wäre, die Menge der plündernden Hooligans, selbst ohne von der Waffe Gebrauch zu machen, mit Nagaiken allein auseinander zu treiben. Solche Maßnahmen anzuwenden, machte die Vorschrift des Gouverneurs unmöglich. Zeuge war bei der bestialischen Ermordung des Studenten Blinow zugegen, welchen die Menge in Stücke zerriß. Als die Verteidiger den Versuch machen, diesen Mord zu beleuchten, erklärt der Gerichtspräsident, der Gerichtshof interessiere sich nicht für die Ermordung Blinows, da niemand von den Angeklagten unmittelbar deswegen zur Rechenschaft gezogen werde. Eine Reihe von Zeugen, die eine angesehene gesellschaftliche Stellung einnehmen, bestätigen die Organisation des Pogroms und erzählen von Proklamationen, die zum Morde der Juden aufriefen. Die Unterschrift „Irema", welche die Aufrufe trugen, war das Pseudonym eines Beamten der Gouvernementsverwaltung. Die Provokation des Pogroms äußerte sich auch in den hartnäckig verbreiteten Gerüchten, daß die Juden beabsichtigten, die Christen abzuschlachten und die griechisch-orthodoxe u. die katholische Kirche in die Luft zu sprengen. Kurz vor Ausbruch des Pogroms wurde die Legende in Umlauf gesetzt, die Juden hätten auf das Zarenporträt geschossen. Diese Beschuldigung ist von einer Reihe von Zeugen widerlegt worden. Die Zeugen des Pogroms in der Vorstadt Pawlikowo bestätigen, daß er in Gegenwart der Patrouillen und des Polizeipristawsgehilfen Jarozky vor sich ging. Letzterer feuerte die Menge mit Zurufen wie „Schlagt die Juden!" an. Einige Polizisten, die als Zeugen vernommen werden, machen die Aussage, daß Hooligans sich mit der Bitte an sie gewandt hätten, die Juden prügeln und ausrauben zu dürfen. Die Zeugen erklären solche Bitten damit, daß Gerüchte verbreitet wurden, nach denen es gestattet sein sollte, die Juden zu massakrieren, aber die Administration verheimlichte diese Erlaubnis. Die in der Vorstadt Podol lebenden Zeugen bestätigen, daß, nachdem sich das Gerücht verbreitete, der Generalgouverneur habe verboten, die Juden zu prügeln, der Pogrom sofort ein Ende nahm. Wie es sich herausstellt, setzten die Juden selbst dieses rettende Gerücht in Umlauf. Ein Zeuge berichtet, er wäre unfehlbar von der Menge erschlagen worden, die bereits über ihn herfiel, wenn der nächste Schutzmann ihr nicht zugerufen hätte: „Brüder, den haut nicht, das ist kein Sozialist. Für den werdet ihr verantwortlich gemacht!" Als der Angeklagte Taburkin von Zeugen, die zugegen waren, als er einen Juden ermordete, in die Enge getrieben wird, ruft er dem Gerichtshofe zu: „Man glaube ihnen nicht, es sind Revolutionäre." Major Swenzizki bestätigt, daß es weniger Soldaten bedurft hätte, um die Menge auseinander zu jagen, doch sei das nicht geschehen. Die Bauern, die in die Stadt gerufen wurden, um angeblich die christliche Bevölkerung vor den Juden zu schützen, drückten ihre Verwunderung über den Pogrom und darüber aus, daß sie aufgefordert wurden, sich an ihm zu beteiligen. Eine Bauerngruppe bezeugt mit ihrem Geistlichen zusammen einen äußerst wichtigen Umstand. Als der Pogrom in Schitomir begann, trafen Eilboten aus der Stadt in den umliegenden Dörfern mit der furchtbaren Nachricht ein, die Juden schlachteten alle Christen ab, es sei Hilfe nötig. Die erregten Bauern bewaffneten sich in aller Eile mit Heugabeln und Knütteln und machten sich, mit dem Gemeindeältesten eines der Dörfer an der Spitze, nach der Stadt auf, um die überlebenden Griechisch-Orthodoxen zu retten. Der Gemeindeälteste

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.