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Die Welt · 1907-07-05 · 27 (5.7.1907) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
27 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 27 DIEÄELT 15 aufgehellt, die bisher die deutsche Politik diktierten und leiteten, Sie sind an die zweite und dritte Stelle gerückt und die christlichsozialen treten ihre Erbschaft an. Die Polen, seit jeher die findigsten Geschäftspolitiker und Beutemacher des Parlaments, haben sich ihre Zustimmung zur Wahl eines christlich-sozialen Präsidenten natürlich abkaufen lassen. Ohne Gegenleistung tun sie ja nichts. Sie haben eine Vizepräsidentenstelle erreicht und nebst dem das Wohlwollen der stärksten Partei erschachert, das sie, da fast alle Mandate des Polenklubs protestiert sind, sehr benötigen werden. Diese Wahlproteste, in deren kleineren Teil ich Einblick zu nehmen Gelegenheit hatte, sind kulturhistorische Dokumente, die wert wären, der weitesten Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht zu werden, statt im Dunkel des Legitimationsausschusses zu vermodern. Das Gesetz erscheint in ihnen außer Kraft gesetzt, Beamtenwillkür und Parteidespotie feiern wahre Orgien, alle Begriffe von Rechtsgleichheit und Gesetzlichkeit werden gehöhnt und ignoriert. Man scheint im österreichischen Parlament sehr abgestumpft zu sein gegen die galizischen Wahlen, und will scheinbar auch ihre Nova aus den Maiwahlen nicht allzustreng unter die Lupe nehmen. Es wäre sonst unerfindlich, wie ein Abgeordnetenhaus, das auf moralische Reinheit und Würde etwas gibt, einen Starczynski, der als einer der korruptesten und schamlosesten schlachzizischen Wahlmacher in ganz Galizien verhaßt ist, zu seinem Vizepräsidenten erküren konnte. Diese Wahl gibt einen deutlichen Fingerzeig, wie man die protestierten Wahlen, die Raubwahlen, zu erledigen gedenkt. Sie werden, was vorausgesagt wurde, jedem Billigkeitsgefühl und politischem Anstand zum Hohne ein Schacherobjekt sein. Die Debatte über die galizischen Wahlmißbräuche, in der auch Abgeordneter Stand seine parlamentarische Jungfernrede halten soll, wird wohl die ganze Jämmerlichkeit dieser galizischen Wahlen vor aller Welt enthüllen. Zu einer radikalen Ahndung wird sich das Haus entweder gar nicht oder zu spät aufraffen. Das allgemeine Wahlrecht wird nicht mit einem Schlage das eingerostete Korruptionssystem, das die Schlachta in Galizien mit imponierender Brutalität und Rücksichtslosigkeit ausgebildet hat und das auch auf dem Boden des Parlaments unheilvolle Rückwirkung äußert, fällen können, aber es hat seinen ungeheueren erzieherischen Wert auf die Volksmassen schon geäußert und wird den morsch gewordenen Bau der Schlachtaherrschaft immer mehr unterwühlen. Im Zeichen des allgemeinen Wahlrechts hat die politische Emanizipation der galizischen Juden die ersten praktischen Erfolge erzielt und wird die jüdische Nationalpartei zum Sammelpunkt aller nationalen Elemente machen. Die deutschen Juden bleiben isoliert. Den Herren Kuranda und Ofner bleibt die Türe zu einem Deutschen Klub definitiv verschlossen. Und die Abgeordneten Dr. Licht und Dr. Redlich, zwei getaufte Juden, hat nur die Zwangslage der deutsch-mährischen Fortschrittler, ihre politische Abhängigkeit von jüdischen Wählern vor dem gleichen Schicksale bewahrt. Die Verhandlungen über die Bildung eines großen deutschen Verbandes haben sich wegen dieser „deutscher Abgeordneter moderner Konfession", wie Dr. Redlich in offener Parlamentssitzung selbst zu frotzeln beliebte, zerschlagen, und nur ihretwegen kam es zur Bildung einer 16 Mann starken „Deutschfortschrittlichen Vereinigung". Der Rassenantisemitismus hat damit in aller Form gesiegt. Die deutschen Juden haben eine Brüskierung und Degradierung erlitten, wie sie schärfer, verletzender, entwürdigender kaum gedacht werden kann. Von den Gründungsprojekten, die im ersten Zorne der Hinausgeworfenen auftauchten, hört man nichts. Es wrird alles beim alten bleiben. Die deutschdemokratische Partei, die auf den Trümmern der bankerotten Fortschrittspartei erstehen sollte, ist im embryonalen Stadium stecken geblieben. Sie starb, bevor sie zu leben begann. Und die deutsche Fortschrittspartei, die so gerne sterben wollte, wurde von den Deutschnationalen zum Leben — sit venia verbo — gezwungen. Ein Detail aus der mißglückten Gründungsgeschichte der Wiener Liberalen, die unter der neuen Firma von Deutschdemokraten einen neuen Liberalismus hervorzaubern und eine liberale Renaissance einleiten wollten, sei hervorgehoben: in den Ausschuß des deutschdemokratischen Vereins sollten nicht gewählt werden: Fabrikanten, Intellektuelle und — Juden. So ward der Abgeordnete Kuranda ausdrücklich ausgeschlossen! Die letzten Zuckungen des Wiener Liberalismus, der unrettbar verloren ist, zeigen noch einmal, wie unfähig und naiv seine „Führer" der politischen Entwickelung gegenüberstehen. Der Wiener Liberalismus ist dem Untergang verfallen. Bloße Firmaänderungen machen ihn nur lächerlich, nicht lebensfähig. R. N. oo □oöfc ^Oo KORRESPONDENZEN 5, HB OO.fOO Erklärung Auf einen ganz ruhigen und sachlichen Artikel, den ich in Nr. 24 der Welt über die innerpolitische Betätigung der österreichischen Zionisten veröffentlichte, antwortet Gg. Dr. BmilMargulies-Trautenau mit einer von persönlichen Angriffen strotzenden Polemik in Nr. 26. Seine inzwischen bei mir erfolgte Entschuldigung kann für mich nur die Folge haben, den Fall nicht vor eine Disziplinarkommission zu bringen. *) Aber auch die Art seiner sachlichen Polemik ist in meinen Augen unangänglich. Was er mir fälschlich in die Schuhe schiebt, hat er selbst getan: „Man diskreditiert gegnerische Anschauungen, indem man ihnen einen falschen Namen gibt und nun gegen den Begriffsinhalt des letzteren polemisiert". Ich erkläre, daß ich den Begriffsinhalt dessen, was ich ausdrücklich als „unsere" Verelendungstheorie bezeichnet habe, haarscharf definiert habe als die Anschauung, „daß es im Golus keine VolleKistenz für uns Juden gibt". Mit diesem von mir aufgestellten Begriffsinhalt des von mir nicht als Verelendungstheorie, sondern als „unsere" Verelendungstheorie bezeichneten Begriffes operierte ich. Dr. Emil Marguli es aber schiebt mir in die Schuhe, ich hätte den allgemeinen Verelendungsbegriff aus der Soziologie übernommen (er meint wohl den Marxistischen) und gegen dessen Inhalt polemisiert, d. h. die zionistische Verelendungstheorie mit sofort gegebener Begriffsdefinition ist aber mit gar keiner anderen Verelendungstheorie identisch. Ich habe Begriff und Inhalt formuliert. Dr. Emil Margulies setzt sich aber nicht damit auseinander, sondern er operiert mit dem Marxistischen Verelendungsbegriff, dessen „Wortsinn" ich nicht verstanden habe. Die Belehrung, die mir Dr. Emil Margulies erteilt, gebe ich zurück. Bevor er sich. — wie er sagt — „an soziologische Untersuchungen *) Der geehrte Herr Einsender ist hier nach unserer Meinung zu empfindlich. Hs ist selbstverständlich, daß die Redaktion die manchmal recht temperamentvollen Äußerungen des Herrn Dr. Margulies nicht als persönliche Angriffe betrachtet hat, — sonst wäre die Veröffentlichung unterblieben, — und wir setzen voraus, daß auch Herr Dr. Margulies nicht die Absicht hatte, Herrn Böhm persönlich zu attackieren. Die Red. heranwagt", möge er die Grundlage jeder wissenschaftlichen Polemik beachten, die da lautet, daß man einem von dem betreffenden Autor aufgestellten und scharf definierten Begriff nicht den Inhalt eines ähnlichen, aber abweichend definierten Begriff unterschieben darf. Ich habe weiters geradezu als Leitmotiv die Besserung unserer nationalen Lage, d. h. doch unsere Situation als Volk behandelt; Dr. E. M. aber tut so, als ob ich von der Besserung der Lage des einzelnen Juden gesprochen hätte, den Unterschied gegenüber der Besserung unserer Situation als Volk hätte ich nicht begriffen! Er reißt auch, anstatt die betreffenden Stellen zu zitieren, um die es da sich handelt, einige Sätze aus dem Zusammenhang, wo ich von den aufrechten Juden Englands usw. spreche, läßt aber die Fortsetzung weg, wo ich sage, daß nur viel mehr winkt: ein Ausleben und der Erwerb nationaler Machtmittel..... Ich erspare mir weitere Beispiele, da dies alles genügt, um zu erklären, warum ich es ablehne, auf die Angriffe des Dr. E. M. ausführlich zu reagieren. Ich bin mit Vergnügen bereit, mit jedem Gesinnungsgenossen über diese wichtigen und interessanten Probleme zu debattieren. Es widerspricht aber meinem persönlichen Geschmack, und ist auch bei der Klarheit und Einfachheit des Gedankenganges meines Artikels, bei seinem ruhigen und sachlichen Ton, für mich unnötig, auf Angriffe zu reagieren, die hauptsächlich persönliche Sticheleien, dialektische Kunststücke und hochmütige Belehrungen enthalten. Wien. _ Adolf Böhm. P. T. Die Ziehung der Lotterie zugunsten des Vereines zur Gründung eines Schülerheims für die jüdische Schuljugend in Krakau wurde unwiderruflich auf den 30. November 1. J. vertagt. Hochachtungsvoll Verein zur Gründung eines Schülerheims für die jüdische Schuljugend in Krakau.

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