Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1907-05-21 · 25 (21.5.1907) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
11 (1907)
Issue
25 (21.5.1907)
Date
1907-05-21
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316240-3316268--49445-3344382
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ÖIE^ELT No. 25 C ooooooooo ■ss NACHRICHTEN OOOOOOOOO Der Jüdische Klub im österreichischen Parlamente Am 16. d. Mts. hielt die Leitung der Nationalpartei eine Konferenz ab, in welcher der Ausbau der politischen Organisation und die Bildung des parlamentarischen Klubs zur Beratung kam. Es wurde einstimmig die Konstituierung eines „Jüdischen Klubs" beschlossen und zu seinem Obmann Abg. Dr. Benno Straucher gewählt. In die Parteiexekutive, welche gemeinsam mit den Abgeordneten die Parteigeschäfte führen wird, wurden nebst diesen gewählt: Dr. Isidor Schalit (Wien), Dr. Brau de (Stanislau), Dr. Isidor Margulies (Wien), Rudolf Nassau (Wien), als Schriftführer Dr. Leon Reich (Lemberg), Dr. Paul Weisengrün (Wien). Ferner wurde die Errichtung eines Parteibureaus beschlossen; als Parteisekretär wurde Gg. Rudolf Nassau bestimmt. Die Beratungen galten ferner den nächsten parlamentarischen Aktionen des „Jüdischen Klubs". Die näheren Beschlüsse werden in einem nach Beendigung der Beratungen zu publizierenden Communique bekannt gegeben werden. Wie deutsche Blätter melden, wird der Jüdische Klub demnächst die Judenverfolgungen in Rumänien zum Gegenstand einer Interpellation machen. * Über die Politik der nationaljüdischen Abgeordneten Österreichs äußerte sich Abg. Adolf Stand, wie folgt: „Die neugewählten zionistischen Abgeordneten aus Galizien werden dem Polenklub nicht beitreten und sich als selbständiger nationaljüdischer Klub konstituieren. In allen sozialen Angelegenheiten wird der Klub mit allen aufrichtig fortschrittlichen und echt demokratischen Parteien des Abgeordnetenhauses zusammengehen und in allen derartigen Fragen mit dem sozialdemokratischen Klub stimmen. Die nationaljüdischen Abgeordneten werden eintreten für eine Verringerung der Konsumsteuern, für eine mehr städtische Verwaltungspolitik im Gegensatze zu der bisherigen Bevorzugung der agrarischen Interessen. Die nationaljüdischen Abgeordneten werden sich einsetzen für Verkürzung der Dienstzeit beim Militär auf zwei Jahre und für die Reform der Militär-Strafprozeßordnung sowie für die weiteste Modernisierung des Strafgesetzentwurfes. In der Frage des österreichisch-ungarischen Ausgleiches wird der Klub gegen die Absperrung der ungarischen Grenze sein und sich für die Öffnung der rumänischen Grenze einsetzen. Wir werden jede gerechte Forderung des polnischen Volkes unterstützen. Ich erkläre ausdrücklich, daß wir nicht nur keine Feinde des polnischen Volkes sind, sondern daß wir seine Kultur kennen gelernt haben und ihr sehr viel verdanken. Wir betonen einerseits die nationale Sonderstellung der Juden, werden aber anderseits jede gerechte polnische Angelegenheit aufs wärmste unterstützen. Wenn die Abgeordneten der polnischen Volkspartei einen besonderen Klub bilden und außerhalb des Polenklubs verbleiben werden, wird unser Verhältnis zu diesen ein sehr nahes sein, und sind wir bereit, alle Bestrebungen dieser Partei aufrichtigst zu unterstützen, sowie uns prinzipiell jede demokratische Strömung zur eifrigsten Unterstützung verpflichtet. Sowohl dem Polenklub als dem Ruthenenklub gegenüber werden wir uns vollkommen neutral verhalten. Natürlich werden wir die Hülfe der jüdischen Abgeordneten des Polenklubs, insoweit sie uns in unseren Bestrebungen unterstützen wollen, nicht ablehnen, aber wir betrachten uns als die wahren Repräsentanten des jüdischdemokratischen Elements, und als solche wollen wir im Parlament auftreten." Die „Frankfurter Zeitung" schreibt anläßlich einer abschließenden Betrachtung über die österreichischen Wahlen: „Daß die zionistische Partei trotz allen Schwierigkeiten mit 30 000 Stimmen 3 Mandate erobert und es zu mehreren Stichwahlen gebracht hat, ist eine Tatsache, mit der man in den offiziellen Kreisen zu rechnen beginnt. Die „Gazeta Narodowa" führte bereits aus, daß die nationalen Forderungen der Juden berechtigt seien und daß die Polen den Juden keineswegs ihr Polentum aufzwingen wollten. Die Zionisten wollen die gerechten nationalen Forderungen der Polen und Ruthenen unterstützen. In allgemeinen sozialen und politischen Fragen werden sie sich an die Sozialdemokratie anlehnen. Sie sind eine rein demokratische Partei auf nationaljüdischer Basis. Wenn das so weiter geht, so ist bei den nächsten Wahlen eine noch größere Ablenkung der jüdischen Massen von den Schlachzizen zu erwarten." Festkommers zu Ehren der jüdischnationalen Abgeordneten in Wien Der Verein jüdischer Hochschüler aus Galizien „Bar Kochba" veranstaltete am 15. d. Mts. zu Ehren der neugewählten Abgeordneten einen Festkommers, der einen glänzenden Verlauf nahm und sich zu einer imposanten Kundgebung für die jüdisch-nationale und zionistische Idee gestaltete. Die Abgeordneten Dr. Straucher, Adolf Stand, Dr. Mahler, Dr. Gabel wurden mit großer Begeisterung begrüßt. Ihre Reden wie auch der sonstige Verlauf des Kommerses bewiesen, daß der Zionismus das große Endziel und das Ideal der österreichischen Jüdischnationalen bleibt. Namens der „Bar Kochba" eröffnete ihr A. H. Dr. David Rothblum den Kommers und begrüßte besonders die Abgeordneten, den Obmann des L. K. Dr. Schalit, die Vertreter des D. K. Dr. Weisengrün und Ad. Böhm, dann Dr. Natan Birnbaum. Die Festrede hielt jur. S. Stockei, der den Gegensatz zwischen Assimilations- und nationaler Politik erläuterte. Namens der Nationalpartei sprach Dr. Paul Weisengrün. Nach einem Toast der technischen Hochschüler auf die Abgeordneten hielten diese mit stürmischem Beifall aufgenommene Reden, worauf noch Dr. Schalit, Dr. Birnbaum, Lucian Brunner, Dr. Kadisch sprachen. Auch im Prag fand ein Festabend zu Ehren des neugewählten Abgeordneten Dr. Mahl er statt, den die jüd.-akad. Verbindung- Barissia veranstaltete. Zahlreiche zionistische Vereine waren vertreten, auch der ruthenisch-akademische Verein hatte eine Abordnung entsandt. Der Verlauf des Abends war ein glänzender. Auch von ruthenischer Seite wurden warme Ansprachen gehalten, die herzlich erwidert wurden. Schließlich hielt Dr. Mahler eine längere Rede, worin er die Aufgaben der jüdisch-nationalen Abgeordneten darlegte und ausführte, daß die innerpolitische Betätigung nicht nur keine Schädigung, sondern eine wesentliche Förderung der zionistischen Idee bedeute. Ein jüdisches Herrenhausmitglied Unter den am 16. Juni neu ernannten Mitgliedern des österreichischen Herrenhauses befindet sich auch ein Jude: Hofrat Dr. Josef Schey, Freiherr von Koromla. Er wurde im Jahre 1897 als ordentlicher Professor des österreichischen Zivilrechtes an die Universität in Wien berufen. Vor einigen Jahren wurde er unter dem Ministerium Körber zum Mitglied der Kommission ernannt, welche die Kodifikation des Bürgerlichen Gesetzbuches durchführen sollte. Es ist immerhin die Feststellung nicht unnötig, daß Hofrat Schey Jude geblieben ist, wo doch bei Wiener jüdischen Universitätsdozenten die Taufe fast ausnahmslos Regel ist. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den österreichischen Hochschulen Man schreibt uns aus Krakau: Wie bekannt, hat das Unterrichtsministerium diese Angelegenheit für alle Hochschulen Österreichs einheitlich zu regeln beschlossen und erwartet zu diesem Behufe die Bescheide der einzelnen akademischen Senate. An einigen Hochschulen haben in letzter Zeit Studentenmeetings stattgefunden, so in Czernowitz und am 10. und 14. d. Mts. in Lemberg an der dortigen Universität und technischen Hochschule. Überall werden die Forderungen der jüdischen Studentenschaft genau präzisiert. In Krakau haben wir — trotz regem Bestreben — bis heute noch keine Einwilligung auf Abhaltung einer öffentlichen Studentenversammlung im Universitätsgebäude erlangt Die Verhandlungen zwischen der jüdischen Studentenschaft und dem akademischen Senat sind in vollem Gange und werden in allernächster Zeit zum endgültigen Resultat führen. Sollte die definitive Antwort des Rektors abschlägig lauten, so ergreifen wir allenfalls das Rechtsmittel der Beschwerde an den Unterrichtsminister. Inzwischen hat auf Anregung des hiesigen jüd.-nat. Studentenvereins „Hasmonäa" ein stark besuchter Studentenkommers stattgefunden, an dem auch nichtjüdische Kollegen teilgenommen haben. Es wurde einstimmig die vom Wiener Studentenverband verfaßte Resolution angenommen, die den Lesern dieses Blattes bereits bekannt ist. Es wurde ferner ein Ausschuß gewählt, dem aufgetragen wurde, bei den akademischen Behörden in dieser Angelegenheit weitere Schritte zu tun. Über das Resultat der Verhandlungen werde ich berichten. Wf.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.